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Frau Schavan bringt den Universitätsbetrieb vor Gericht

10.02.2013 | 18:36 |  MICHAEL FLEISCHHACKER (Die Presse)

Gut, dass Deutschlands Ex-Bildungsministerin Annette Schavan die Universität Düsseldorf vor Gericht bringt: Sie sollte nicht Titel aberkennen dürfen, die sie selbst verliehen hat.

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Annette Schavan hatte keine andere Wahl als den Rücktritt, nachdem ihr ihre Universität nach 32 Jahren den Doktortitel aberkannt hatte. Nach ihrer eigenen Rücktrittsbegründung hat das nichts mit der Aberkennung des Doktortitels selbst zu tun, sondern ausschließlich mit der Tatsache, dass sie ihre Alma Mater wegen der Aberkennung klagen will. Das sei eine „Belastung“ für das Amt, die Regierung und ihre Partei, die CDU. Und weil „das Amt nicht beschädigt werden“ dürfe, trete sie zurück.

Hier irrt Annette Schavan, und das weiß sie wohl auch. Als Wissenschaftsministerin ist sie nicht erst durch die Klage untragbar geworden, sondern zuerst und vor allem durch die Aberkennung ihres akademischen Grades. Aber wer hätte nicht Verständnis dafür, dass eine Politikerin in einer so existenziellen Situation nach einer Begründung sucht, die zumindest argumentativ nachvollziehbar ist und ihr gleichzeitig die Wahrung ihrer Selbstachtung erleichtert?

Der Wahrung ihrer Selbstachtung dient wohl auch die Klage. Man kann das verstehen: Selbst dort, wo ihr im Blog schavanplag.wordpress.com „Bauernopfer“ vorgeworfen werden, also ungekennzeichnete, umgeschriebene Zitate aus Arbeiten, die sie zwar im Umfeld nennt, aber im konkreten Fall nicht als Quelle ausweist, begegnet dem Leser eine ziemlich gute Autorin: Ihre Version liest sich in der Regel deutlich besser als das verschleierte Original. Dass aus ihren Verstößen gegen die Zitierregeln eine „leitende Täuschungsabsicht“ zwingend folge, kann man gut bezweifeln.

Frau Schavans Klage ist schon deshalb zu begrüßen, weil dadurch erzwungen wird, was die Universität Düsseldorf unterlassen hat: ein transparentes Verfahren, in dem mehrere Gutachter zu Wort kommen, in dem der Doktorvater zur Stellungnahme aufgefordert wird, und in dem das Prinzip der Beweislastumkehr aufgehoben wird, das im Aberkennungsverfahren zur Anwendung kam, ohne dass es zu nennenswerter Kritik kam. Der Vorwurf einer „leitenden Täuschungsabsicht“ lässt sich in einem Gutachten leicht erheben, in einem rechtlichen Verfahren braucht es dafür Beweise, denn es geht in einem Rechtsstaat nicht an, dass die Beschuldigte ihre Unschuld beweisen muss.

Außerdem wird die Verlegung der Entscheidung von der Universität, die über eine Vielzahl von Eigeninteressen verfügt, zu einem unabhängigen Gericht Fragen zur Sprache bringen, die bis jetzt keine Rolle gespielt haben: Wie sehen angemessene Verfahren zur Aberkennung akademischer Grade überhaupt aus? Mit welchen Konsequenzen haben jene zu rechnen, die Arbeiten akzeptieren und hoch bewerten, die später zur Schande für die Wissenschaft werden? Man erinnere sich an den „Fall Guttenberg“: Da herrschte allseitiges Entsetzen darüber, wie so ein Machwerk überhaupt akzeptiert werden konnte, aber niemand diskutierte darüber, was eigentlich mit den Institutionen zu passieren habe, die das vor nicht allzu langer Zeit akzeptiert haben. Wenn ein Beschuldigter erklärt, er habe es nicht besser gewusst, muss er mit Empörung rechnen. Wenn ein Doktorvater erklärt, er habe eine „leitende Täuschungsabsicht“ oder eine große Anhäufung von nicht gekennzeichneten Zitaten aus der relevanten Fachliteratur nicht erkannt, findet keiner etwas dabei.

Vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf wird sich nicht nur Schavan verantworten müssen, sondern auch der Universitätsbetrieb. Und das ist gut so.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2013)

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40 Kommentare
 
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Zweischneidig

Also um es mal auf den Punkt zu bringen; meine Kenntnisse des Uni Betriebs seit nunmehr 40 Jahren lässt mich vermuten, dass, diese Verfahren auf alle Doctoris angewandt, wahrscheinlich 80% ihren Titel verlieren würden. Nur: damals war das so, dass man nicht so genau auf Zitatenregelungen Wert legte. Und viele behaupteten richtigerweise: "Jeder im Wissenschaftsbetrieb Forschende steht auf den Schultern unzähliger Vorgänger" (Issak Newton).
Daher: ich vermute hier viel mehr populistische Politik dahinter als "Wahrheitssuche"!

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Re: Zweischneidig

sie sollten noch ergänzen wie das mit der Literatur war: man wusste, eine neue Arbeit wurde publiziert, dann war dieses Buch für Wochen oder Monate beim Ordinarius, dann Monate bei irgendwelchen Assistenten - und dann war das Semester vorbei bis das Buch in die Institutsbibliothek kam ( wenn überhaupt).
So, nächster Schritt: Uni Bibliothek ( wenn erworben) und dann die Frage, wie lange habe ich Zeit, das Buch zu lesen, zu exzerpieren und --wenn notwendig - für meine Arbeit zu verwerten?
Das war doch die Realität, oder?
Und dann kann es sein, dass der "Zettelkasten" nicht vollständig war?
Ich kotze mich an, wenn die G`scheiterln heute Zitatenpurismus machen und nie den Erschwernissen der 70er Jahre ausgesetzt waren!

Man sollte auch einmal auf die seltsamen Widersprüche hinweisen:

auf der einen Seite haben wir eine "Massen-Universität" auch bei Doktoranden, die das Niveau zweifellos senkt, und auf der anderen Seite werden gerade zu spitzfindige Qualitätsansprüche an einen bestimmten Personenkreis gestellt: ob da nicht ein bißchen auch die hohe Politik hineinspielt?

Unschuld? Schuld?

Ich kann nicht beurteilen, ob eine Arbeit vor mehr als 30 Jahren "abgeschrieben" war - und das noch lange vor "copy&past".
Mir kommt aber abseits von der akademischen Beurteilung dieser Arbeit schon der Verdacht, daß hier die linke Uniclique ein durchaus durchsichtiges politisches Süppchen kocht. Ob es rechtlich überhaupt auf diesem Weg möglich ist, den Titel wieder abzuerkennen, werden Gerichte entscheiden müssen. Es ist gut, daß hier auch festgestellt werden wird, wie die Kriterien dazumals waren, welche Rolle der Doktorvater spielte, etc.
Jedenfalls wäre es schon interessant die Doktorarbeiten jener Professoren, die nun an der Aberkennung von Frau Schavans Titel beteiligt waren zu überprüfen. Ob da nicht auch manchem die Tränen aus den Augen spritzen würden?

Ich warte jetzt nur noch darauf,

dass man einem angesehenen Politiker oder Wissenschafter den akademischen Grad aberkennt, weil er Jahrzehnte davor bei der Matura nachweislich geschummelt hat und somit seine gesamte Karriere auf einem Lügengebäude aufgebaut hat! Pfui!!!

Was zählt dagegen schon das Lebenswerk eines Menschen?

wer selbst ohne tadel ist, werfe den ersten stein

und frau schavan hat gegen guttenberg damals einen ganzen haufen steine geworfen. und die kommen jetzt zurück wie ein boomerang. recht so, kein mitleid!

Der Doktorvater

Gerhard Wehle sagte in einem Interview, die Arbeit entsprach damals absolut dem wissenschaftlichen Standard. Man könne nicht eine Doktorarbeit von 1980 nach den heutigen Maßstäben bewerten. Und daß Anette Schavan
seit ihrer Promation höchst erfolgreich in der Bildungspolitik tätig war und auch in den sieben Jahren als Bundesministerin für Bildung und Forschung gute Figur gemacht und viel erreicht hat, spielt für ihre geifernden Verfolger offenbar nicht die geringste Rolle.


2 0

in ihrer christlichen Nächstenliebe hat sich die

Theologin Schavan seinerzeit nicht entblödet, mit spitzem Finger und sehr laut auf den Guttenberg zu zeigen, was soll also das alberne Geschwätz
über NRW.

ad unum

so ein zufall auch, dass die aberkennung mitten im wahlkampf erfolgt...wer noch dazu einen zusammenhang mit der tatsache, dass düsseldorf duckelrot ist, sucht ist ein schuft..hinweg mit den schufzten!!

sie liegen mehrfach falsch herr ex.CR
bis zum springerschlössel am tivoli geht die direktverbindung zur CDU. wenn sie sich als regierender CR herabgelassen hätten mit der polak zu kommunizieren, dann hätten sie diese quelle auch als ex-CR noch.
der rückzug der schavan (sie kommt wieder) ist tatsächlich hauptsächlich darin zu suchen, dass sie als ministerin nicht ihre eigene uni klagen kann..zumindest moralisch.
sie hätte den wahlkampf auch aus der märtyrer position bestreiten können...wie erfolgreich ist die frage...sie steht immerhin im ruf der redlichkeit, wie auch gabriel bescheinigen mußte.
hier irrt also nicht schavan sondern fleischhacker.
richtig ist, dass jetzt eher eine objektive stelle untersucht und urteilt.
vor gericht wird sich nicht schavan verantworten müßen sondern die uni düsseldorf.
auch hier haben sie falschg gefolgert herr ex_CR
insgesamt ist bei literatur ihrer dis. zu erkannen, dass sie zitate lesbar aufbereitet und dem fachkauderwelsch paroli bietet...täuschung?...kaum!!

Titelsucht

Titelsucht
Warum diese Titelsucht - insbesondere - bei
Politikern/Politikerinnen ?
Soll so dem Bürger eine ALLES umfassende Kompetenz des Titel-Trägers vorgetäuscht werden, die jeden Widerspruch zwecklos oder jede Debatte völlig überflüssig erscheinen
lässt ?
Wenn es denn unbedingt ein Doktortitel sein muss, dann kann eigentlich nur der Plagiate unverdächtigte Doktor honoris causa (Dr. h.c.)
empfohlen werden.
Der SPD-Kanzlerkandidat, Herr Peer Steinbrück
(jetzt auch Professor), bekam 2011 für seine besonderen Verdienste von der Uni Düsseldorf
den Dr. h.c. verliehen. (Uni Düsseldorf verlieh Frau Schavan (CDU) den aberkannten Doktortitel)
Verdienste des Herrn Steinbrück ?
Ja, natürlich, bei der WestLB, der IKB, Thyssen-Krupp etc.etc.
Das besondere Verdienst seiner Zustimmung zu den ESM-Gesetzen war nach 2011 und konnte so in die Verdienstewürdigung nicht mit einfließen.

Fazit : Bei irgend einer Uni werden sich für Politiker zwecks Verleihung des Doktors honoris causa schon verleihungswürdige "Verdienste" finden lassen.
Das h.c. kann ja schon mal "vergessen" werden !!

Re: Titelsucht

werter novaris, frau schawan war keineswegs "titelsüchtig".
das doktorat war zu ihrer zeit in vielen studientrichtungen der einzig mögliche studienabschluss!

Re: Re: Titelsucht

pardon: schavan, natürlich.

laut frühpensionist fleischhacker

ist also nicht der schummler schuld, sondern derjenige der den schummler nicht/zu spät erwischt hat....

ich bin über zitierregeln und wissenschaftliches arbeiten bereits im ersten semester aufgeklärt worden.
sollte das bei frau schavan nicht erfolgt sein, dann ist in der tat die uni bzw ihr lehrplan/ihr wissenschaftlicher background in frage zu stellen.

wenn aber flei annimmt, ein prof oder beurteiler wäre seinerzeit in der lage gewesen, ohne edv-unterstützung nicht gekennzeichnete zitate zu erkennen, dann ist es wohl gut, dass er bereits in frühpension ist und nichts schlimmes mehr anstellen kann.

Re: laut frühpensionist fleischhacker

ernsthaft gefragt:
wann haben Sie studiert? und was?

Re: Re: laut frühpensionist fleischhacker

er hat marxismus-leninismus studiert und ist promovierter obergenosse

Universitätsbetrieb

Endlich der Kommentar, den ich schon lange habe hören wollen. Meine Diss wurde vom Beurteiler gelesen (oder nicht, dann hat er den Betreuer gefragt) und ist approbiert worden. Beide sind nun dafür mit verantwortlich, wenn etwas (später) nicht passt.

Re: Universitätsbetrieb

nur wird die betrugsabsicht von dem der die doktorarbeit geschrieben hat schwerer wiegen/leichter zu beweisen sein, als das unvermögen vom betreuer/beurteiler.
ein netz an computern das heute dazu dient schwindel aufzudecken, gab es ja damals nicht. eine "händische" überprüfung wäre wohl unmöglich gewesen.
man sollte aber in jedem fall ein rechtliches prozedere festlegen - ich wäre dafür dass die, denen die diss aberkannt wird, innerhalb einer bestimmten frist eine ordentliche diss vorlegen können sollten - milde vor strenge!

Re: Re: Universitätsbetrieb

Außerdem glaube ich, dass ein Doktorand auch noch ein paar Rigorosen ("leichte Prüfungen", meint der Laie) hat bestehen müssen, bevor er den Abschluss (der ja damals ein einziger war) hat dekretiert bekommen.

Kontrolle in heutiger Form war seinerzeit nicht möglich!

Erst durch moderne, edv-gestützte Prüftechniken ist eine Überprüfung möglich.
Fairerweise muss man dem Unibetrieb des Doktoranden zubilligen weder die ZEIT noch die TECHNISCHEN HILFSMITTEL gehabt zu haben.

Es sollen daher alle froh sein, die nicht prominent sind und daher eine Überprüfung ihrer Arbeit befürchten müssen!

Re: Kontrolle in heutiger Form war seinerzeit nicht möglich!

völlige zustimmung - nur die überprüfung wird und muss kommen, auch bei den nicht prominenten.
das wird ein akt der gerechtigkeit sein.

Unsinn

wieso sollte man es gut finden, wenn über die ganze Doktorarbeit verteilte eindeutig nachgewiesene Täuschungen abgestritten werden und gemauert wird, wenn einige sich unablässig auf Kosten anderer selbst erhöhen, aus falsch richtig und die Aberkennung gerichtlich ungültig machen wollen, wegen angeblicher "Verfahrensfehler"? Nur weil ein Gutachten vor der offiziellen Bekanntgabe von der Presse - SPIEGEL - veröffentlicht wurde?

Selbstverständlichkeit

Die von Fleischhacker hier vorgebrachte Argumentation hat mir schon die längste Zeit gefehlt. Auch wenn man den Universitätsbetrieb nicht aus eigener Anschauung kennt, ist die hier angeführte Fragestellung für jeden Menschen mit Hausverstand selbstverständlich.

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Re: Selbstverständlichkeit

der Besitz von Hausverstand allein reicht nicht, man sollte ihn auch gebrauchen.

Re: Re: Selbstverständlichkeit

Ein Problem sind Decknamen, dort ist der Hausverstand nicht wirklich zu hause und schon gar nicht dessen Gebrauch.

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Re: Re: Re: Selbstverständlichkeit

nein, Sie heissen echt Wutzlhofer ?

Es ist in der Tat unglaublich,

wie sich die Doktorväter und die Unis aus der Verantwortung stehlen wollen!

Es scheint ja überhaupt, dass die Plagiats-Vorwürfe von Uni zu Uni, von Gutachter zu Gutachter, verschieden gehandhabt werden. Es herrscht offenbar das Prinzip der Willkür, der Subjektivität und des politischen Opportunismus.

Ja, die Pharisäer im Universitätsbetrieb sind momentan stark im Aufwind und zerstören unbedenklich die Existenz eines Menschen, auch wenn dessen Vergehen bereits Jahrzehnte zurückliegt.

Vielen unter ihnen ist anscheinend noch nicht bewusst, dass sie im selben Boot sitzen, und dass sie ebenfalls zur Rechenschaft gezogen werden können.

 
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