Ein heißer Sommertag, vor mir der Eissalon mit einer Menschentraube. Triebdurchbruch: Ein Eis muss her! Anstellen. Vor mir eine ältere Dame, die eine junge Frau im Rollstuhl führt. Ein älterer Herr steht zuerst hinter mir, drängt sich dann sachte an mir vorbei, überholt den Rollstuhl und pflanzt sich vor der Verkaufstheke auf. Adrenalinschub. Ich: „Sie haben sich vorgedrängt.“ Der ältere Herr: „Ich stell' mich nur bei der anderen Verkäuferin an!“ Ich: „Schämen Sie sich.“ Der Herr erhält sein Eis vor der Rollstuhlfahrerin. Die Umstehenden fixieren stumm die Tafel mit den Eissorten. So sind wir halt.
Seit Jahren beschäftigt mich die Psychologie des Vordrängens – ein Verhalten, das Stanley Milgram nach seinem berühmten Experiment über den Gehorsam unter Autorität untersucht hat. (Milgram et al.: „Response to Intrusion Into Waiting Lines“, 1986)
Zum Unterschied von Milgram bin ich jedoch nicht weit gekommen. Die meisten meiner Hypothesen erwiesen sich nämlich als falsch. So drängen sich nach meiner Beobachtung Jugendliche nicht häufiger vor als Ältere. Auch, dass das Vordrängen mit der Höhe der Sozialschicht abnimmt, ist eine Chimäre. Die Hautevolée im Musikverein (Hans Weigel: „Nach der Ausrufung der Republik wurde der Adel in Österreich abgeschafft. An seine Stelle ist der Besitz eines Abonnements bei den Konzerten der Wiener Philharmoniker getreten“) drängt sich bei der Garderobe genauso vor wie die Masse am Fußballplatz. Vollends gescheitert bin ich auch beim korrekten Gendern des Problems: Die Vordrängenden sind nicht nur Männer. Auch ältere Damen, ich trau' mich's kaum zu schreiben, schwindeln sich gerne mit einem unschuldigen „Da ist ja frei?“ in die Lücken einer Warteschlange.
Eine Beobachtung mache ich aber immer wieder: Wartende unter Autorität verhalten sich anders. Beim Arzt ist es selbstverständlich, nach dem letzten Wartenden zu fragen. Da verhält man sich sogar lammfromm, wenn ein später kommender Privatpatient vorgezogen wird. Auch in Ambulanzen, am Arbeitsamt, bei der Bank, der Sozialversicherung oder einer Passkontrolle stellt man sich brav an. Nur wo man anonym ist und glaubt, es mit sozial Schwächeren zu tun zu haben, einer Eisverkäuferin oder Garderobenfrau etwa, trickst man ungehemmt. Das ist ein deprimierender Befund. Wären die Wiener beim Studieren oder Fußballspielen so ehrgeizig wie beim Vordrängen, wären wir Pisa-Sieger und Fußballeuropameister. Hätte ich einen Zauberstab, würde ich die Österreicher beim Warten in Engländer verwandeln. Wenn man die schockieren will, drängt man sich in einer Warteschlange vor. Queue-jumping gilt dort als inferior.
Doch bleiben wir optimistisch! Es gibt noch Einrichtungen, die die wahren Werte pflegen. Die Unesco etwa. Sie führt ein Verzeichnis des „immateriellen Kulturerbes“, von „Praktiken, die Gemeinschaften und Einzelpersonen als Bestandteil ihres Kulturerbes verstehen“. Dazu zählen der Tango, der türkische Öl-Ringkampf, die Echternacher Springprozession und der polyphone Gesang der Pygmäen. Auch die „Österreichische Nationalagentur für immaterielles Kulturerbe“ führt eine solche Liste. Sie umfasst die Wiener Kaffeehauskultur, den Ebenseer Fetzenzug, den Dürrnberger Schwerttanz, das Samsontragen im Lungau und die Wirlinger Böllerschützen. Wäre es unbescheiden, diesem Erbe auch das Verhalten in Warteschlangen hinzufügen zu dürfen?
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Kurt Scholz war von 1992 bis 2001 Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit 2011 ist er Vorsitzender des Österreichischen Zukunftsfonds.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2012)















