20.05.2013 01:35 Merkliste 0

Ein Ziel, eine Sehnsucht: Unzeitgemäße Betrachtungen über Masse und Macht

KURT SCHOLZ (Die Presse)

Die Menge im Stadion, die Fanmeile: Das Individuum fühlt sich erleichtert, wenn es sein Ich in der Masse aufgibt. Menschen sind zu Taten bereit, die sie allein nie begehen würden. Wachsamkeit ist angebracht.

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Ob beim Feuerwehrfest oder bei der Fußballmeisterschaft – überall ist sie präsent. Dennoch wird sie, anders als die Hauptakteure von Großveranstaltungen, kaum erwähnt: die Masse. Unüberhörbar untermalt sie das Geschehen, bejubelt einzelne Akteure oder straft sie mit gellenden Pfiffen ab. Mal bewegt sie sich im Rhythmus der Welle, mal erstarrt sie, und während eine Stadionhälfte im Freudentaumel liegt, versteinert die andere. Gern zeigen Kameras Teile der Masse: Menschen, die ihre Individualität aufgegeben und sich als Teil eines Vereins oder einer Nation uniformiert haben, die ihre Gesichter hinter Farbe verbergen. Diese löst sich manchmal in Tränen auf. Was würde ein Ethnologe, der vom Mars auf die Erde käme, zum Verhalten der Sportfans sagen? Wie ihre Rituale beschreiben? Die der Masse und jene der Massenmedien bedingen einander. Mich erinnern Fußballübertragungen an die Illustrationen jener völkerkundlichen Bücher, die ich als Bub verschlungen habe. Hugo Bernatzik, „Südsee“: „Eingeborene“ in Kriegsbemalung, Gruppenjubel, Gruppentänze – wie Publikum und Fußballer nach dem Tor.

Meine Generation ist mit vielen Filmdokumenten gleichgerichteter Massen groß geworden: der Nürnberger Parteitag, die Erklärung des totalen Kriegs, der Anschlussjubel, die Berliner Olympischen Spiele 1936. Das mag der Grund sein, weshalb manchen meiner Generation auch 76 Jahre nach Leni Riefenstahl bei Massenveranstaltungen mulmig wird. Mir sind die schunkelnden Reihen von Kirtagsbesuchern nicht angenehm, Gefälligkeitsredner bei Parteitagen oder im Bierzelt, das Aufstacheln und Johlen der Menge bei Aschermittwochsveranstaltungen bereiten mir Unbehagen. Wenn es um „Masse“ geht, fühle ich mich beim Gegenteil wohl: dem Individuum, nicht im Kollektiv. „Erträglich ist der Mensch als Einzelner, / Im Haufen steht die Tierwelt gar zu nah“, schreibt Grillparzer. Der „Aufstand der Massen“ hat für mich etwas Bedrohliches. Die Fanmeile: Alle haben ein Ziel, eine Sehnsucht, fühlen sich gleich. Menschen, die freiwillig ihr Ich in einer Gruppe aufgeben und den Verlust als Befreiung erleben: Deshalb sind mir Massen unheimlich.

Gewiss, Massenproteste haben edle Ziele verwirklicht, von den Hungerrevolten des Ersten Weltkriegs, der Erringung des allgemeinen Wahlrechts bis zur Sozialgesetzgebung der Ersten und Zweiten Republik. Massen haben Unzumutbares verändert, auch in unserer Zeit. Aber selbst als ich 1989 in Bratislava, Budapest, Ljubljana und Zagreb Augenzeuge friedlicher Massenproteste sein durfte, war ich froh, dass dort Demokraten sprachen und nicht Demagogen den Organismus zehntausender Empörter aufgewiegelt haben.

Zu den Büchern, die mir viel bedeuten, gehört „Masse und Macht“; Canetti hat es mir einmal geschenkt. Es verdankt seine Entstehung nicht nur lebenslangem Nachdenken über die Masse, sondern konkreten Jugenderlebnissen. Canetti hörte den Jubel der Rapid-Fans über den Wien-Fluss bis in die Hagenberggasse. Er war aber auch Augenzeuge des blutigen Endes der Protestmasse vor dem Justizpalast unter den Kugeln der Polizei. Beide Erlebnisse standen am Beginn von „Masse und Macht“. Stets bewegt sich die Masse zwischen Triumph und Tragödie. Masse enthemmt. In der Masse sind Menschen zu Taten bereit, die sie als Individuum nie begehen würden. Wo Massen sind, sind Verantwortung und Wachsamkeit angebracht.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2012)

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1 Kommentare
Gast: Luzifer
16.07.2012 21:24
3 0

Die Psychologie der Masse wird von Prof. Scholz

nur unzulänglich beschrieben und vielleich sogar einseitig ausgelegt: In der Masse geht der Einzelne nicht nur auf, da traut er sich sogar war und verliert alle Hemmungen. Da bekämpft er nicht nur "Schandurteile", die Justizpalast gefällt wurden, im Rechtsweg, sondern zündet gleich "im kurzem Wege" das Justizgebäude an. Ob bei solchen "enthemmten" Massenveranstaltungen wirklich der "Volkswille" zum Ausdruck kommt? Da hab ich meine Zweifel: den weder beim Brand des Justizpalastes noch am Heldenplatz war "die schweigende Mehrheit" dabei! Nachträglich und je nach politischer Opportunität kann man das immer noch behaupten!

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