Anders lesen Knaben den Terenz, anders Grotius“ – dieser Satz steht in Goethes „Zahmen Xenien“. Es ist reizvoll, ihn zu erklären. Goethe erwähnt darin den römischen Lustspieldichter Terenz, aber er bezieht sich vor allem auf Hugo Grotius, einen holländischen Gelehrten und Zeitgenossen des Erasmus. Grotius kannte die antiken Autoren und zitierte sie selbstbewusst. So etwa griff er den Satz von Terenz „Aliud legunt pueri, aliud viri, aliud senes“ (etwa „Das eine lesen sich Knaben, anderes Männer, anderes Greise heraus“) auf und wandelte ihn, nicht ohne Arroganz, in „Aliter pueri Terentium legunt, aliter Grotius“ um: Er, Grotius, lese die Römer nicht wie ein Schüler. Er verstünde die Antike besser als die Knaben. Dass Goethe an diesem Selbstbewusstsein Gefallen fand, verwundert kaum.
Man liest als Erwachsener Bücher anders als in der Schule. Lange erschien mir die „Italienischen Reise“ als eine Ansammlung belangloser Begebenheiten. Heute ist sie, auf Kindle gespeichert, ein spannender Reisebegleiter. Was einst fad war, ist heute ein Luxus: Goethe als Cicerone. Ähnlich überrascht war ich von einem Schmöker, den ich vor Jahrzehnten pflichtgemäß als „Buch zum Film“ gelesen hatte: Bram Stokers „Dracula“. Die langatmige Gruselgeschichte, an die ich mich vage erinnerte, wurde jetzt zur Entdeckung. Erstaunlich, wie Stoker einige Jahre vor der „Traumdeutung“ das Unbewusste, die Hypnose, den Somnambulismus und das Leiden des Psychotikers Renfield in einen Schauerroman gekleidet hat. Schade nur, dass er den Grafen Dracula in Siebenbürgen ansiedelte und nicht, wie ursprünglich geplant, in der Steiermark. Welche Tourismuschance ist uns da entgangen!
Die größte Überraschung beim „Zweitlesen“ bereitete mir aber ein alter Römer. Mit schweißnassen Schülerhänden hatten wir uns durch die „Germania“ gequält, immer mit dem Stoßseufzer: „Hoffentlich kommt das nicht zur Matura.“ Tacitus war gefährlich. Genau das ist der Titel eines soeben auf Deutsch erschienenen Buchs von Christopher B. Krebs, „Ein gefährliches Buch. Die Germania des Tacitus und die Erfindung der Deutschen“. Staunend erfährt man, wie jenes dünne Buch, mit dem Tacitus den Römern ihre Dekadenz vor Augen führen wollte, den Mythos der unbeugsamen, reinen und sittsamen Germanen schuf. Die „Germania“ wurde Hauptquelle des deutschen Nationalismus – so sehr, dass Himmlers Schergen noch 1943, nach der alliierten Invasion in Italien, fieberhaft nach der ältesten Abschrift fahndeten. Nochmals gelesen bietet die „Germania“ ein anderes Bild: Von unzivilisierten Kriegern in Hütten und Höhlen, von Menschenopfern, Spielern und Trunksucht. Fürwahr, eine seltsame „Bibel der Deutschen“.
Wieder zur Hand nehmen kann man auch eines der ältesten Dokumente unserer Kultur: Die biblische Genesis. Ausgerechnet Robert Crumb, der Comic-Altmeister und Schöpfer von „Fritz, the Cat“, hat alle 50 Kapitel des ersten Buchs Mose illustriert. Ob das Ergebnis gottgefällig ist, kann ich nicht beurteilen. Aber auch ohne die Crumb'schen Zeichnungen denke ich heute, dass Kinder das Alte Testament generell nur unter der Aufsicht von Erwachsenen lesen sollten. „Anders lesen Knaben?“ Es ist interessant, Bücher nochmals in die Hand zu nehmen. Meist ist es überraschend, gelegentlich unbequem, und manchmal zwingt es, eigene Ansichten zu revidieren. Was ja nicht der geringste Vorteil des Lesens ist.
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Kurt Scholz war von 1992 bis 2001 Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit 2011 ist er Vorsitzender des Österreichischen Zukunftsfonds.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.07.2012)















