Ich schnitt' es gern in alle Rinden ein,/ Ich grüb' es gern in jeden Kieselstein,/ Ich möcht' es sä'n auf jedes frische Beet/ Mit Kressensamen, der es schnell verrät,/ Auf jeden weißen Zettel möcht' ich's schreiben...“ heißt es in der Schönen Müllerin, und auch wenn heute niemand mehr „Dein ist mein Herz“ ritzt, gräbt oder gar mit Kressesamen (!) sät – das Schubert-Lied ist zeitlos schön „und soll es ewig bleiben“.
Denn es handelt von Leidenschaft und ihrer Sichtbarmachung, jeder soll wissen: Ich liebe, also bin ich. Es ist, wenn Sie so wollen, ein bisschen exhibitionistisch.
Damit ist ein omnipräsentes Thema angeschlagen, das der Selbstdarstellung, der Spuren und Botschaften im öffentlichen Raum. Nicht mehr auf Kieselsteinen, Rinden und frisch besäten Beeten prangen sie, sondern vorzugsweise auf Hausfassaden. Jeden Morgen auf dem Weg ins Büro bestaune ich sie. „Tod den Bullen“ steht an einer Hauswand, „Sexismusfreie Zone“ lese ich in einer Unterführung und „Women fight back“, und in einer Garageneinfahrt prangt seit jüngstem die Aufforderung „be cool“. Ein „Sprayer von Zürich“ ist da nicht am Werk (seine Wandzeichnungen werden ja mittlerweile von der Kantonsverwaltung restauriert und konserviert), eher Dilettanten aus Wien-Neubau.
Nun will es der Zufall, dass einen Steinwurf von meiner Frau und mir entfernt einstens der Ahnvater dieser Bewegung gelebt hat: Joseph Kyselak, Hofkammerbeamter, Fußreisender und nach zeitgenössischer Einschätzung „Sonderling“. Wo er hinkam, hinterließ er seinen Namenszug, der Legende nach am Chimborasso ebenso wie am kaiserlichen Stehpult. Was natürlich, siehe www.kyselak.at, Unsinn ist. „Sonderling“ soll er gewesen sein, ein Kauz? Ihre Namen eingemeißelt haben seinerzeit auch andere, etwa der Erbauer des Suezkanals, ein bayerischer König oder der berühmte Tiroler Orientalist Fallmerayer in die Tempelfiguren von Abu Simbel. Offensichtlich ist die Lust des Menschen, Zeichen zu hinterlassen, unbezähmbar. „Es kann die Spur von meinen Erdentagen/ Nicht in Äonen untergehn“, sagt der alte Faust, und das dachten sich in meiner Studienzeit wohl auch jene, die vielleicht nicht unbedingt die Klassiker studierten, sondern an den Uni-Wänden allenthalben ihr „Kilroy was here“ hinterließen – ahnungslos, dass dieser Spruch von den GIs des Zweiten Weltkriegs stammte (die damals, 1968ff, nicht gerade hoch im Kurs standen).
Menschen markieren. Hinterlassen heimlich Fußabdrücke im nassen Asphalt, als persönlicher Walk of fame sozusagen. Auch Helmut Seethaler, kreativer als alle Sprayer, wird irgendwann, wenn sich eine Kulturministerin seiner erbarmt, wieder seine Markierungen, seine Pflückgedichte anbringen. Und Sie? Und ich?
Ja, ich gestehe: Im Stadtschulrat, auf einer wunderschönen Lichtskulptur, gibt es ein kleines Zeichen. Das hat die Künstlerin für mich angebracht. Schwer sichtbar, es stört kaum jemanden. Man muss nur wissen, wo es ist.
Kurt Scholz ist Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien und war langjähriger Wr. Stadtschulratspräsident.
meinung@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2007)















