Wenn jemand vor zwanzig Jahren auf die Idee gekommen wäre, mich um eine Zukunftsprognose zu ersuchen, hätte ich in einem Punkt völlig versagt. Denn etwas hätte ich mir im entferntesten Winkel meiner Fantasie nie vorstellen können: die totale Überwachung aller Lebensbereiche. Sie ist lückenlos geworden. George Orwell hat seine negative Utopie im Jahr 1984 angesiedelt. Ein knappes Vierteljahrhundert später haben wir seine Vision gründlich übertroffen.
Wenn ich in Wien aus Richtung der Staatsoper in den Burggarten gehe, blicke ich in eine Überwachungskamera. Dort ist kein Geldinstitut, keine Botschaft, keine Synagoge, keine Moschee, nur ein Park. Bestelle ich ein Buch im Internet, werde ich folgendermaßen begrüßt: „Willkommen, Kurt Scholz (wenn Sie nicht Kurt Scholz sind, klicken Sie hier), wir haben folgende Empfehlungen für Sie“ – und die Buchtipps stimmen tatsächlich! Der Computer kennt die Neuerscheinungen, er kennt meine Kaufgewohnheiten – und wer kennt sie noch? Mein Mobiltelefon meldet jede Reisebewegung, selbst wenn es abgeschaltet ist. Bei Online-Untersuchungen kann bei Ihnen zu Hause das Laptop-Mikrofon zum Abhören aktiviert werden. Eine schöne neue Welt. Rührt sich ein Protest dagegen? Weit gefehlt. Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte: Die Mieter von kommunalen Wohnbauten wünschen den Ausbau der Kameraüberwachung, weil sie sich fürchten oder einfach bei der Mülltonne mehr Ordnung haben wollen. Dem kann man sich nur beugen.
Und dennoch bleibt ein Rest. Jahrhunderte hat es gedauert, der Obrigkeit individuelle Freiheiten abzutrotzen, von den „Habeas Corpus“-Akten bis zum Briefgeheimnis. Die besten Köpfe kämpften dafür, das private Leben vor dem Leviathan Staat zu beschützen. Sie sagten: Wohin jemand reist oder was jemand kauft, was der Bürger privat tut, hat den Staat nicht zu kümmern, solange nicht die Freiheit anderer beeinträchtigt wird. Und wenn der Staat handelt, muss er das nachvollziehbar und transparent tun. Alles andere widerspricht dem Kern der Rechtsstaatsidee. So dachte man noch vor 30, 40 Jahren. Erinnern Sie sich? In den 70er-Jahren wandte man sich gegen eine „Volkszählung besonderer Art“, weil sich dahinter eine geheime Sprachenerhebung verbarg. Etwa zur selben Zeit fanden viele, dass die Religionszugehörigkeit im Reisepass nichts zu suchen habe, weil der Glaube Privatsache sei. Der Protest gegen die Rasterfahndung und den Lauschangriff – wie nostalgisch mutet das alles an. Heute melde ich jede Reisebewegung über meine Telefongesellschaft, mein Kaufverhalten ist ein offenes Buch, das Googeln von Menschen ein Volkssport und der Gang zur Biotonne wird per Video aufgezeichnet. Niemand findet das absonderlich. Die Helden von einst sind müde.
In „Fahrenheit 451“ lernen die Menschen Bücher auswendig, um irgendetwas zu haben, was eine neugierige Öffentlichkeit nicht kontrollieren kann. Wir werden bald so weit sein.
Kurt Scholz ist Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien und war langjähriger Wr. Stadtschulratspräsident.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2008)















