25.05.2012 21:55 | Meine Presse Merkliste 0

Fahrenheit 2008

KURT SCHOLZ (Die Presse)

Die totale Überwachung aller Lebensbereiche. Sie ist lückenlos geworden.

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Wenn jemand vor zwanzig Jahren auf die Idee gekommen wäre, mich um eine Zukunftsprognose zu ersuchen, hätte ich in einem Punkt völlig versagt. Denn etwas hätte ich mir im entferntesten Winkel meiner Fantasie nie vorstellen können: die totale Überwachung aller Lebensbereiche. Sie ist lückenlos geworden. George Orwell hat seine negative Utopie im Jahr 1984 angesiedelt. Ein knappes Vierteljahrhundert später haben wir seine Vision gründlich übertroffen.

Wenn ich in Wien aus Richtung der Staatsoper in den Burggarten gehe, blicke ich in eine Überwachungskamera. Dort ist kein Geldinstitut, keine Botschaft, keine Synagoge, keine Moschee, nur ein Park. Bestelle ich ein Buch im Internet, werde ich folgendermaßen begrüßt: „Willkommen, Kurt Scholz (wenn Sie nicht Kurt Scholz sind, klicken Sie hier), wir haben folgende Empfehlungen für Sie“ – und die Buchtipps stimmen tatsächlich! Der Computer kennt die Neuerscheinungen, er kennt meine Kaufgewohnheiten – und wer kennt sie noch? Mein Mobiltelefon meldet jede Reisebewegung, selbst wenn es abgeschaltet ist. Bei Online-Untersuchungen kann bei Ihnen zu Hause das Laptop-Mikrofon zum Abhören aktiviert werden. Eine schöne neue Welt. Rührt sich ein Protest dagegen? Weit gefehlt. Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte: Die Mieter von kommunalen Wohnbauten wünschen den Ausbau der Kameraüberwachung, weil sie sich fürchten oder einfach bei der Mülltonne mehr Ordnung haben wollen. Dem kann man sich nur beugen.

Und dennoch bleibt ein Rest. Jahrhunderte hat es gedauert, der Obrigkeit individuelle Freiheiten abzutrotzen, von den „Habeas Corpus“-Akten bis zum Briefgeheimnis. Die besten Köpfe kämpften dafür, das private Leben vor dem Leviathan Staat zu beschützen. Sie sagten: Wohin jemand reist oder was jemand kauft, was der Bürger privat tut, hat den Staat nicht zu kümmern, solange nicht die Freiheit anderer beeinträchtigt wird. Und wenn der Staat handelt, muss er das nachvollziehbar und transparent tun. Alles andere widerspricht dem Kern der Rechtsstaatsidee. So dachte man noch vor 30, 40 Jahren. Erinnern Sie sich? In den 70er-Jahren wandte man sich gegen eine „Volkszählung besonderer Art“, weil sich dahinter eine geheime Sprachenerhebung verbarg. Etwa zur selben Zeit fanden viele, dass die Religionszugehörigkeit im Reisepass nichts zu suchen habe, weil der Glaube Privatsache sei. Der Protest gegen die Rasterfahndung und den Lauschangriff – wie nostalgisch mutet das alles an. Heute melde ich jede Reisebewegung über meine Telefongesellschaft, mein Kaufverhalten ist ein offenes Buch, das Googeln von Menschen ein Volkssport und der Gang zur Biotonne wird per Video aufgezeichnet. Niemand findet das absonderlich. Die Helden von einst sind müde.

In „Fahrenheit 451“ lernen die Menschen Bücher auswendig, um irgendetwas zu haben, was eine neugierige Öffentlichkeit nicht kontrollieren kann. Wir werden bald so weit sein.

Kurt Scholz ist Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien und war langjähriger Wr. Stadtschulratspräsident.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2008)

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7 Kommentare
Gast: mike
05.03.2008 15:51
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Das Erschreckende

an dieser Entwickluing ist, daß Politiker ( von den zuständigen Beamten nicht zu reden, da diese ohnehin Bürgerrechte als Erschwerung ihrer Arbeit betrachten ) gar nicht daran denken, die Behördenwillkür und Sammelwut entsprechend zu regeln.
Ein Diktaturregime kann 1:1 Gebrauch von all diesen schönen Mitteln zu einer Unterdrückung machen, die Orwellsches Format hat.

Antworten Gast: Christian
06.03.2008 12:17
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Re: Das Erschreckende - natürlich kann man viele noch verbessern!

Aber im Grund muß man eine Interessensabwägung vornehmen zwischen maximaler Sicherheit und maximaler Freiheit.

Würde man Verbrechensbekämpfung mit modernen Methoden nicht zulassen, so würde uns auch die maximale Freiheit wenig nützen!

Antworten Antworten Gast: Südafrikaner
09.03.2008 09:16
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Re: Re: Das Erschreckende - natürlich kann man viele noch verbessern!

Diese Rechnung ist einfach: Maximale Freiheit. Das Leben birgt immer eine gewisse Gefahr in sich.

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Der Staat verkauft seine Anliegen heute viel besser!

In Orwells "1984" ist die staatliche Diktatur weltumspannend. Drei riesige politische Gebilde haben den Planeten quasi unter sich aufgeteilt und führen virtuelle Kriege gegeneinander, um die Volksmassen bei der propagandistischen Stange zu halten. Irgendwie erinnert das natürlich schon an den heutigen sog. "Kampf gegen den Terror". Da wurden sogar brutale Regimes ins "gemeinsame Boot" geholt, die unter dem Titel "Auch wir sind gegen Terroristen" kommod nationale Oppositionelle verfolgten.

Und tortzdem findet die moderne Totalüberwachung weitgehend Akzeptanz: Schließlich dient sie doch primär unserer eigenen "Sicherheit"! Und verschiedenltich konnten auf diese Weise ja tatsächlich Gewalttäter schneller ausgeforscht werden!

Leider gibt es bei all der Datensammlung auch zuweilen Pannen: Etwa, wenn man aufgrund einer Namensgleichheit einen Schufa-Eintrag hat und nicht mehr von dieser schwarzen Liste kommt!

Und manchmal gehen auch wichtige Daten aus purer Schlamperei verloren...

Antworten leokoller3
05.03.2008 00:08
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Re: Der Staat verkauft seine Anliegen heute viel besser!

Ich frage mich halt, ob da wirklich ein Unterschied zwischen Orwells Utopie und der heutigen Wirklichkeit ist. Im Grunde genommen haben wir ja auch nur drei Bloecke.

Steininger
04.03.2008 03:01
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Der Romantitel bezeichnet dieTemperatur, bei der sich Papier entzündet (232,78 °C).

also Fahrenheit 451.

Gast: Christian
04.03.2008 01:36
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Die wahrscheinlich notwendigen Überwachungsmaßnahmen zu beklagen,

genügt halt nicht.

Wir haben selbst die Büchse der Pandora geöffnet, als wir unsere Staatsgrenze öffneten und die modernen Kommunikationsmittel wie das Internet zuließen.
Als die Fremden praktisch ohne Kontrolle in unser Land strömten, waren auch Menschen mit kriminellen Energien und Methoden darunter, die früher im kleinen Österreich schon mangels krimineller Spezialisierung ganz undenkbar waren. Es war auch nicht österreichische Art, besonders ältere Menschen (wie erst unlängst in Deutschland geschehen) brutal in U-Bahn oder auf öffentlichen Plätzen aus nichtigem Anlaß brutal niederzuschlagen. Des weltumspannende Internet ermöglicht hochspezialisierte Banden aus dem entferntesten Winkeln der Welt mit raffinierten Programmen auf unsere Privatdaten zuzugreifen.

Seien wir daher froh, daß Gewalttäter (nicht alle!) sich durch Überwachungskameras und Zensur im Internet bis zu einem gewissen Grad abschrecken lassen.
Diesen Preis müssen wir für den Fortschritt zahlen!

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