Wann immer ich abends vom Donnerbrunnen in die Kärntner Straße einbiege, sehe ich ihn. Eigentlich fällt mir nicht er auf, sondern die Tafel, die er trägt. Sie überragt ihn um einen Meter und ist so an seinem Rumpf befestigt, dass sie jeder Bewegung folgt. In einem Radius von etwa fünf Metern bewegt sich der Mann, und dieser Kreis ist sein Arbeitsplatz. In diesem Rund geht er hin und her. Schaut er Passanten an, blicken sie weg. Versucht er, ihnen eine Karte in die Hand zu drücken, weichen sie aus. Er ist jung, ein Plakatträger. Sein Werkzeug ist die Werbetafel über ihm, sein Schritt ist langsam, er selbst auswechselbar. Sein Blick ist vom Vorübergehen so müd' geworden, dass er nichts mehr hält, sein Gang ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, aber von Rilkes „Panther“ hat er wohl nie gehört. Was ihn antreibt, ist nicht gepflegte lyrische Innerlichkeit, sondern die Arbeitslosigkeit. Er ist ein Sandwichman.
Irgendwie geniere ich mich immer, wenn ich ihn sehe – nicht für mich persönlich oder ihn, sondern für das, was er symbolisiert. Da steht ein junger Mann, Anfang zwanzig, kräftig, gesund, man könnte ihn sich gut in einer berufsbildenden Schule oder als tüchtigen Handwerker vorstellen. Unverbraucht wirkt er – und gleichzeitig überflüssig. Er ist kein arbeitsloser Eckensteher, sondern ein sozialer Rundläufer. Man lässt ihn im Kreis gehen: Donnergasse, Kärntner Straße, Himmelpfortgasse, Donnergasse, das ist sein Wirkungsradius. Seine Isolation ist so offensichtlich wie die Gleichgültigkeit der Vorübergehenden. Er weiß, dass sich niemand für ihn interessiert, er bettelt nicht und präsentiert nicht demonstrativ eine Behinderung. Sein Beinstumpf ist das Plakat, das er an sich befestigt hat. Mit ihm bewegt er sich wie eine wandelnde Litfaßsäule, eine mit menschlichem Antlitz.
Wenn ich ihn sehe, denke ich: Wie würde ich mich an seiner Stelle fühlen? Hätte ich Angst, von Freunden erkannt zu werden? Was würden die denken, wenn ich ihnen von einem neuen Job erzähle und sie mich so sehen? Wie würde ich mich schämen?
Vielleicht ist dem jungen Mann mit dem Plakat das alles schon egal. Vielleicht denkt er auch nicht daran, dass auf seinem Plakat nicht irgendeine Bierwerbung steht, sondern die unsichtbare Aufschrift „Suche Arbeit, mache alles“. Vielleicht fällt ihm nicht auf, dass das Paar Luxusschuhe in der Auslage hinter ihm so viel kostet, wie er im Monat verdient. Seit 2008 sind Sandwichmen auf Londons Einkaufsstraßen verboten. Hat unser Sandwichman jemals die London-Romane des Charles Dickens gelesen? Der schrieb einmal: „Ein Sandwichman ist ein Stück warmes, lebendiges Menschenfleisch zwischen zwei Schnitten Plakatwerbung.“ Unser Sandwichman hat keine Zeit für Dickens. Wir Vorbeilaufenden aber, die Glücklichen, die Eloi, welche nicht das Zeichen der Armut über uns tragen, können vielleicht darüber nachdenken, wie sich ein Teil unserer Gesellschaft in die Zeiten von Dickens zurückentwickelt – oder sie nie zur Gänze verlassen hat.
Kurt Scholz war langjähriger Wr. Stadtschulratspräsident.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2009)















