Die Atmosphäre einer Bibliothek zu beschreiben ist ungefähr so schwierig wie die Beschreibung eines Orchesterkonzerts. Das Inventar ist überschaubar und rasch aufgezählt – Instrumente, Noten, Sessel und Notenständer da, Bücher, Regale, Tische und Sessel dort. Erst wenn Menschen mit diesen Dingen richtig umgehen, stellen sich Gefühle ein. In Konzerten nennt man das Klangerlebnis. Musikschriftsteller schildern es wortreich. Bibliothekserlebnisse gibt es auch, nur beschrieben werden sie selten.
Denn Bibliotheken sind Orte der Ruhe. Im Lesesaal der Österreichischen Nationalbibliothek etwa wird von Generation zu Generation die Stille weitergegeben. Wie der wienerische Klang der Philharmoniker kann sich auch die Kultur eines Lesesaals vererben. Vielleicht nicht ganz: Wo man früher das Ein- und Ausknipsen eines Kugelschreibers oder das Knirschen einer Füllfeder vernehmen konnte, hört man heute das leise Klicken von Notebook-Tastaturen. Ansonsten aber ist alles gleich geblieben: Die Pünktlichkeit des Bestellvorgangs, die zeitlose Höflichkeit der Buchausgabe, die gedämpften Schritte im Lesesaal, das Rascheln der Buchseiten. Seit 40 Jahren denke ich: Bibliotheken sind ein Wunder, sind Tradition ohne Schlamperei. Bestelle ich nachts online ein Buch, liegt es am nächsten Tag für mich auf. Irgendjemand hat es unter Millionen Druckwerken gesucht, gefunden und geholt. Ich schaffe das zu Hause bei einer vergleichsweise überschaubaren Bücherzahl nur selten.
Will man dem besseren Teil der Menschheit begegnen, muss man in Bibliotheken gehen. In Lesesälen wird nichts Böses ausgeheckt, keine Kriege, keine Hedgefonds. Schurken meiden Bibliotheken. Selbst Karl Marx war im British Museum dreißig Jahre lang nicht mehr als ein freundlicher Wissenschafter.
Ob heute in der Nationalbibliothek Weltveränderer sitzen, weiß ich nicht. Äußerlich widersprechen die Jungen dort allen Vorurteilen der Erwachsenen. Rücksichtsvoll sind sie und freundlich, helfen beim Kopieren, und wenn man einen Stoß Bücher in der Hand balanciert, halten sie sogar die Tür auf. Bibliotheken erziehen, seit zweitausend Jahren. Die Nationalbibliothek mag ein Großbetrieb sein, aber keiner mit brüllenden Managern, sondern einer, den, sagen wir, jemand führt wie eine noble Äbtissin, die nicht in Legislaturperioden rechnet, sondern ab urbe condita, und ihre Ordensangehörigen beiderlei Geschlechts mit kleinen Handbewegungen dirigiert, und da und dort einem freundlichen Nicken.
Lesesäle können Glücksmomente wecken, aber ich weiß, warum Bibliotheksbenützer das nie laut sagen. Es ginge ihnen nämlich dann wie den Reiseschriftstellern. Wer eine Trattoria in Venedig oder einen verschwiegenen Platz in Griechenland beschreibt, wird dort nie mehr alleine sein. Das ist der Grund, weshalb die Bibliotheksbenützer lieber schweigen: Wer im Lesesaal sitzt, möchte unter sich bleiben.
Kurt Scholz war langjähriger Wr. Stadtschulratspräsident.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2009)















