25.05.2012 21:56 | Meine Presse Merkliste 0

Stillleben

KURT SCHOLZ (Die Presse)

Bibliotheken haben etwas Zeitloses. Sie können Glücksmomente wecken.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Die Atmosphäre einer Bibliothek zu beschreiben ist ungefähr so schwierig wie die Beschreibung eines Orchesterkonzerts. Das Inventar ist überschaubar und rasch aufgezählt – Instrumente, Noten, Sessel und Notenständer da, Bücher, Regale, Tische und Sessel dort. Erst wenn Menschen mit diesen Dingen richtig umgehen, stellen sich Gefühle ein. In Konzerten nennt man das Klangerlebnis. Musikschriftsteller schildern es wortreich. Bibliothekserlebnisse gibt es auch, nur beschrieben werden sie selten.

Denn Bibliotheken sind Orte der Ruhe. Im Lesesaal der Österreichischen Nationalbibliothek etwa wird von Generation zu Generation die Stille weitergegeben. Wie der wienerische Klang der Philharmoniker kann sich auch die Kultur eines Lesesaals vererben. Vielleicht nicht ganz: Wo man früher das Ein- und Ausknipsen eines Kugelschreibers oder das Knirschen einer Füllfeder vernehmen konnte, hört man heute das leise Klicken von Notebook-Tastaturen. Ansonsten aber ist alles gleich geblieben: Die Pünktlichkeit des Bestellvorgangs, die zeitlose Höflichkeit der Buchausgabe, die gedämpften Schritte im Lesesaal, das Rascheln der Buchseiten. Seit 40 Jahren denke ich: Bibliotheken sind ein Wunder, sind Tradition ohne Schlamperei. Bestelle ich nachts online ein Buch, liegt es am nächsten Tag für mich auf. Irgendjemand hat es unter Millionen Druckwerken gesucht, gefunden und geholt. Ich schaffe das zu Hause bei einer vergleichsweise überschaubaren Bücherzahl nur selten.

Will man dem besseren Teil der Menschheit begegnen, muss man in Bibliotheken gehen. In Lesesälen wird nichts Böses ausgeheckt, keine Kriege, keine Hedgefonds. Schurken meiden Bibliotheken. Selbst Karl Marx war im British Museum dreißig Jahre lang nicht mehr als ein freundlicher Wissenschafter.

Ob heute in der Nationalbibliothek Weltveränderer sitzen, weiß ich nicht. Äußerlich widersprechen die Jungen dort allen Vorurteilen der Erwachsenen. Rücksichtsvoll sind sie und freundlich, helfen beim Kopieren, und wenn man einen Stoß Bücher in der Hand balanciert, halten sie sogar die Tür auf. Bibliotheken erziehen, seit zweitausend Jahren. Die Nationalbibliothek mag ein Großbetrieb sein, aber keiner mit brüllenden Managern, sondern einer, den, sagen wir, jemand führt wie eine noble Äbtissin, die nicht in Legislaturperioden rechnet, sondern ab urbe condita, und ihre Ordensangehörigen beiderlei Geschlechts mit kleinen Handbewegungen dirigiert, und da und dort einem freundlichen Nicken.

Lesesäle können Glücksmomente wecken, aber ich weiß, warum Bibliotheksbenützer das nie laut sagen. Es ginge ihnen nämlich dann wie den Reiseschriftstellern. Wer eine Trattoria in Venedig oder einen verschwiegenen Platz in Griechenland beschreibt, wird dort nie mehr alleine sein. Das ist der Grund, weshalb die Bibliotheksbenützer lieber schweigen: Wer im Lesesaal sitzt, möchte unter sich bleiben.

Kurt Scholz war langjähriger Wr. Stadtschulratspräsident.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2009)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

5 Kommentare
0 0

Vielen herzlichen Dank für die Werbung

die Herr Dr. Scholz an dieser Stelle für die öffentlichen Bibliotheken macht!

In der Tat ist es so dass diesen jetzt und immer mehr Bedeutung zukommt: Eine Art von Bildungsversorgung zum Billigsttarif für Alle.

Ich als ausgebildeter Bibliothekar der in N.Ö. tätig ist weiß von der Bedeutung und vom Nutzen der öff. Bibliotheken. Die Lebenserwartung der Menschen wird immer höher u. so ist die "Bücherei" mit den dortigen Medien aber auch Veranstaltungen, Vorträgen, Seminare, Workshops usw. ein sehr gutes Angebot für Kinder, Junge u. auch Alte um "im Leben stehen" zu können u. auch soziale Kontakte zu pflegen. Vielen Dank auch dem Büchereiverband Österreichs, BVÖ!

Herr Dr. Scholz hat recht: "Lesesäle können Glücksmomente wecken"!

0 0

Und erst der angenehme Zigarettenrauch,

der im Lesesaal der Musiksammlung vom Bücherlift daherweht, weil ein Angestellter offenbar im Depot raucht. Unvergleichlich idyllisch, fast wie an einem "verschwiegenen Platz in Griechenland"!

Gast: Melissengeist
07.04.2009 10:58
0 0

Sehr geehrter Herr Dr. Scholz 1

Zu Ihrem Artikel hätte ich zwei Fragen:

Wann haben Sie Frau Dr. Rachinger je freundlich nicken gesehen?
Bitte um Mitteilung, diese fünf Sekunden hätte ich mir gerne im Kalender rot angestrichen.

Brüllen ist nicht notwendig, denn Bibliothekare (beiderlei Geschlechtes) sind tatsächlich überwiegend bedächtige und dienstleistungsorientierte Menschen. Das müssen sie sein, um Kontinuität zu wahren, indem sie neuern, ohne sich voreilig jeden Schnickschnack vor die Brust zu schnallen. Und wird ihnen solches dennoch nahegelegt, zersprageln sie sich lange, um die Kontinuität so lange wie möglich darum herum zu wahren.


Gast: Melissengeist
07.04.2009 10:56
0 0

Sehr geehrter Herr Dr. Scholz 1

Zu Ihrem Artikel hätte ich zwei Fragen:

Wann haben Sie Frau Dr. Rachinger je freundlich nicken gesehen?
Bitte um Mitteilung, diese fünf Sekunden hätte ich mir gerne im Kalender rot angestrichen.

Brüllen ist nicht notwendig, denn Bibliothekare (beiderlei Geschlechtes) sind tatsächlich überwiegend bedächtige und dienstleistungsorientierte Menschen. Das müssen sie sein, um Kontinuität zu wahren, indem sie neuern, ohne sich voreilig jeden Schnickschnack vor die Brust zu schnallen. Und wird ihnen solches dennoch nahegelegt, zersprageln sie sich lange, um die Kontinuität so lange wie möglich darum herum zu wahren.


Antworten Gast: Chefbeobachter
02.09.2009 22:44
0 0

Re: Sehr geehrter Herr Dr. Scholz 1

"Die Glatze aus der Chefetage /
nur brüllen kann für ihre Gage. /
Gedroht hat sie schon den meisten /
sie will ihnen den Arsch aufreißen."
(kafli)

Tja auch Bibliothekare und -innen haben eine Chefin - warum nicht?

Mehr Quergeschrieben:

Top-News