25.05.2012 21:59 | Meine Presse Merkliste 0

Eine nicht gehaltene Rede

KURT SCHOLZ (Die Presse)

Der geforderte Pisa-Boykott ist ein Schritt in die richtige Richtung.

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Im unerquicklichen Schulstreit der letzten Wochen ist ein bemerkenswerter Vorschlag aufgetaucht: Die Schulen sollen, geht es nach der Lehrergewerkschaft, den Pisa-Test boykottieren. Selten ist eine Idee aus durchsichtigeren Motiven geboren worden: Die Lehrer wollen Muskeln zeigen und die Ministerin blamieren. Ausgerechnet vor der OECD, ihren Wirtschaftsfreunden also, müsste sie zugeben: Meine wichtigsten Mitarbeiter, die Pädagoginnen und Pädagogen, haben den Test verweigert. Ich kann keine Zahlen vorlegen. In der Statistik wird bei „Österreich“ stehen: „Hat 2009 nicht teilgenommen.“

Lassen wir einmal die Fantasie spielen und stellen uns eine Ministerin vor, die eine andere Rede hält. Sich nicht für die fehlende Hausübung entschuldigt, sondern den Pisa-Granden sagt: Ich habe Entwicklungspsychologinnen, Vertreter und Vertreterinnen der Tiefen- und Sozialpsychologie, Pädagoginnen und Pädagogen aller Bereiche, Arbeitsmarktexperten, Mediziner, Migrationsfachleute, ja sogar Kriminalpsychologen und Suizidforscher eingeladen, über die Schule zu reden. Sie alle lassen sie schön grüßen und meinen: Pisa ist ein Humbug. Wir in Österreich, so meine imaginäre Ministerin, vertreten ein anderes, ein umfassenderes Menschenbild. Aus unserem Land stammt Bruno Bettelheim, der meinte, Kinder bräuchten Märchen und nicht Gewaltvideos. Bei uns hat Sigmund Freud gesagt, es gelte, die Menschen arbeits- und liebesfähig zu machen. Hier hat August Aichhorn festgestellt, dass Kinder dann Probleme machen, wenn sie Probleme haben. Wir haben Reformer wie Siegfried Bernfeld, Anna Freud, die Bühlers und Wilhelm Reich zuerst geschätzt und dann vertrieben, aber wir haben dazugelernt. Ein Ernst Berger hat, weltweit einmalig, mit Hilfe von Lehrerinnen autistische Kinder integriert, ein Max Friedrich unentgeltlich hoch qualifizierte Beratungslehrerinnen ausgebildet, Kunsterzieherinnen und Kunsterzieher haben das Erbe von Franz Cizek wiedererweckt, eine neue Generation klassischer Philologen kämpft für das Kulturgut antiker Sprachen. Unsere Lehrerinnen und Lehrer sollen gemessen werden: Aber nicht nur an der Pisa-Latte, sondern daran, wie sie die Lebensentwürfe der Kinder fördern – und ihr kleines Glück.

Nach dieser Rede würde ein Delegierter nach dem andren aufstehen. Die Deutschen würden auf ihre Steiner-Tradition hinweisen, die Italiener auf Maria Montessori, die Amerikaner auf John Dewey und Helen Parkhurst, Engländer und Franzosen auf Neill, Feldenkrais und Freinet, und alle wären sich einig: Der Pisa-Boykott ist ein Schritt in die richtige Richtung.

So könnte es sein, aber jetzt heißt es aufwachen – in einem Land, in dem der Wirklichkeitssinn über den Möglichkeitssinn triumphiert, der Rechenstift regiert und der Streit um Lehrerstunden mit einer Schulreform verwechselt wird.

Kurt Scholz war langjähriger Wr. Stadtschulratspräsident.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2009)

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15 Kommentare
Gast: PISA für Politiker
23.04.2009 21:03
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Herr Scholz!

Sie erwarten das aber nicht ernsthaft von einer roten Bankerin, die sich mit der Industrie ins Bett legt, oder? Meinen Sie denn wirklich, Sie hat irgendetwas von den Persönlichkeiten je gelesen und verstanden, die Sie zitiert haben?

Gast: Ovid
22.04.2009 10:45
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Kritikresistent

Selten ist eine Idee aus durchsichtigeren Motiven geboren worden. behauptet der Herr Stadtschulratspräsident. Stimmt besonders für seine eigene ARgumantation. Seit Lehrerkritik zu erdrückend versucehn auch bundesdeutsche Kultusminister jeglichen PISA-Kontakt möglichst fern zu halten. Am besten nur noch Bundesländer untereinander vergleichen. Da gibt es immer einen Sieger.
S dazu www.bildungspolitik-niedersachsen.de

Gast: GrimmsMaerchen
15.04.2009 16:54
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Kinder brauchen Märchen

Einstmals hat ein Hausvater ein Schwein geschlachtet, das haben seine Kinder gesehen; als sie nun Nachmittag mit einander spielen wollen, hat das eine Kind zum andern gesagt: „du sollst das Schweinchen und ich der Metzger seyn;“ hat darauf ein bloß Messer genommen, und es seinem Brüderchen in den Hals gestoßen. Die Mutter, welche oben in der Stube saß und ihr jüngstes Kindlein in einem Zuber badete, hörte das Schreien ihres anderen Kindes, lief alsbald hinunter, und als sie sah, was vorgegangen, zog sie das Messer dem Kind aus dem Hals und stieß es im Zorn, dem andern Kind, welches der Metzger gewesen, ins Herz. Darauf lief sie alsbald nach der Stube und wollte sehen, was ihr Kind in dem Badezuber mache, aber es war unterdessen in dem Bad ertrunken; deßwegen dann die Frau so voller Angst ward, daß sie in Verzweifelung gerieth, sich von ihrem Gesinde nicht wollte trösten lassen, sondern sich selbst erhängte.

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Schön, dass jemand denkt!

Danke, Herr Scholz!
Erfreulich, dass ein Schulexperte (schön langsam wird das Wort "Experte"nämlich eh schon zu einem Schimpfwort...) querdenkt und diese überbordende Evaluitis kritisiert.

Unsere Pisa-Hörigkeit ist derart überzogen, dass wir nur auf sie starren wie die Maus auf die Schlange. Dabei ist die Basis dieses Tests derart fragwürdig, dass es einem kalt über den Rücken läuft, wenn man sich mit den Vergleichs-Kriterien einmal näher beschäftigt hat. Hier wurde ein Tanz um ein goldenes Kalb initiiert, damit sich viele, viele selbsternannte "Experten" selber feiern und eine Existenzberechtigung haben. Ginge es nämlich mit rechten Dingen zu, hätten diese Herrschaften wohl keine...

saddam
14.04.2009 22:35
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Träumerei .

Da sind wohl die Pferde mit Ihnen durchgegangen ,Herr Scholz. Die Assistenten an den Unis freuen sich schon auf die bunte Vielfalt bei den Aufnahmetests.Shakespeare Sonette in der Aglistik anstatt Grammatik und Homerische Epen bei den Medizinern. Miit besten Grüssen Saddam.

Gast: Veritas
14.04.2009 15:54
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Multiculti - omnes stulti.


Gast: gast1
14.04.2009 15:29
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PISA - Welch ein Menschenbild!

So tiefgründig hat sich wohl noch kein Experte mit PISA beschäftigt, wie Scholz.

PISA, welch ein armseliges Menschenbild - und wir huldigen dir!

Ob Scholz den PISA-Test bestehen würde? Ich fürchte nicht. Er weiß zu viel!

Gast: gast1
14.04.2009 15:27
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Das Menschenbild von PISA - wie einseitig ...

So tiefgründig hat sich wohl noch kein Experte mit PISA beschäftigt, wie Scholz.

PISA, welch ein êinseitiges (armseliges) Menschenbild - und wir huldigen dir!

Ob Scholz den PISA-Test bestehen würde? Ich fürchte nicht. Er weiß zu viel!

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sehr schön, dass aus unserem land soviele wichtige und bedeutende leute stammen.

nur - was hilft's?
ist ö voll mit geistreichen bürgern? mit leuten, die über den tellerrand hinausdenken können?......

ich behaupte: das gegenteil ist der fall!

Antworten Gast: anonymos
12.05.2009 19:37
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Re: sehr schön, dass aus unserem land soviele wichtige und bedeutende leute stammen.

Wie bekannt gilt der Prophet im eigen Lande nichts - und vor allem in einem Land, in dem der Schausport die Einschaltzahlen im TV bestimmt.

Antworten Gast: Eichhörnchen
14.04.2009 15:06
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Re: sehr schön, dass aus unserem land soviele wichtige und bedeutende leute stammen.

aber es ist ein "Leider" für den Pisa-Haider!!

Boris
14.04.2009 00:32
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Bravo!


Antworten Gast: filofax
14.04.2009 07:34
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Re: Bravo!

BRAVISSIMO!!

Antworten Antworten WAB
14.04.2009 10:42
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Re: Re: Bravo!

Bravississimo!

Gast: No klar
13.04.2009 21:56
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Statt dessen veranstaltet Österreich 2009

eine Studie über multikulturelle Bereicherung durch die Ersetzung der früheren Unterrichtssprache durch Vienna-Pidgin.

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