Im unerquicklichen Schulstreit der letzten Wochen ist ein bemerkenswerter Vorschlag aufgetaucht: Die Schulen sollen, geht es nach der Lehrergewerkschaft, den Pisa-Test boykottieren. Selten ist eine Idee aus durchsichtigeren Motiven geboren worden: Die Lehrer wollen Muskeln zeigen und die Ministerin blamieren. Ausgerechnet vor der OECD, ihren Wirtschaftsfreunden also, müsste sie zugeben: Meine wichtigsten Mitarbeiter, die Pädagoginnen und Pädagogen, haben den Test verweigert. Ich kann keine Zahlen vorlegen. In der Statistik wird bei „Österreich“ stehen: „Hat 2009 nicht teilgenommen.“
Lassen wir einmal die Fantasie spielen und stellen uns eine Ministerin vor, die eine andere Rede hält. Sich nicht für die fehlende Hausübung entschuldigt, sondern den Pisa-Granden sagt: Ich habe Entwicklungspsychologinnen, Vertreter und Vertreterinnen der Tiefen- und Sozialpsychologie, Pädagoginnen und Pädagogen aller Bereiche, Arbeitsmarktexperten, Mediziner, Migrationsfachleute, ja sogar Kriminalpsychologen und Suizidforscher eingeladen, über die Schule zu reden. Sie alle lassen sie schön grüßen und meinen: Pisa ist ein Humbug. Wir in Österreich, so meine imaginäre Ministerin, vertreten ein anderes, ein umfassenderes Menschenbild. Aus unserem Land stammt Bruno Bettelheim, der meinte, Kinder bräuchten Märchen und nicht Gewaltvideos. Bei uns hat Sigmund Freud gesagt, es gelte, die Menschen arbeits- und liebesfähig zu machen. Hier hat August Aichhorn festgestellt, dass Kinder dann Probleme machen, wenn sie Probleme haben. Wir haben Reformer wie Siegfried Bernfeld, Anna Freud, die Bühlers und Wilhelm Reich zuerst geschätzt und dann vertrieben, aber wir haben dazugelernt. Ein Ernst Berger hat, weltweit einmalig, mit Hilfe von Lehrerinnen autistische Kinder integriert, ein Max Friedrich unentgeltlich hoch qualifizierte Beratungslehrerinnen ausgebildet, Kunsterzieherinnen und Kunsterzieher haben das Erbe von Franz Cizek wiedererweckt, eine neue Generation klassischer Philologen kämpft für das Kulturgut antiker Sprachen. Unsere Lehrerinnen und Lehrer sollen gemessen werden: Aber nicht nur an der Pisa-Latte, sondern daran, wie sie die Lebensentwürfe der Kinder fördern – und ihr kleines Glück.
Nach dieser Rede würde ein Delegierter nach dem andren aufstehen. Die Deutschen würden auf ihre Steiner-Tradition hinweisen, die Italiener auf Maria Montessori, die Amerikaner auf John Dewey und Helen Parkhurst, Engländer und Franzosen auf Neill, Feldenkrais und Freinet, und alle wären sich einig: Der Pisa-Boykott ist ein Schritt in die richtige Richtung.
So könnte es sein, aber jetzt heißt es aufwachen – in einem Land, in dem der Wirklichkeitssinn über den Möglichkeitssinn triumphiert, der Rechenstift regiert und der Streit um Lehrerstunden mit einer Schulreform verwechselt wird.
Kurt Scholz war langjähriger Wr. Stadtschulratspräsident.
meinung@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2009)















