25.05.2012 22:00 | Meine Presse Merkliste 0

Sorgt die Schule für Statusvererbung? Es ist der Storch, sagen die Kritiker

KURT SCHOLZ (Die Presse)

Die Schule kann individuell lebensverändernd wirken – ist sie aber auch ein Autopilot für eine gerechte Gesellschaft? Die bildungsgerechte heile Welt durch schulische Schnellreparaturen wird es nicht geben.

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Einer der Hauptvorwürfe an die Schulorganisation lautet, dass sie die Ungerechtigkeiten im Bildungszugang nicht ausgleiche. Die Schule betreibe Statusvererbung: Kinder von Akademikern haben eine 5- bis 10-fach höhere Chance, zur Matura zu gelangen als gleich begabte Kinder bildungsferner Familien.

Entscheidend ist der Storch: Bringt er ein Neugeborenes in das richtige Nestlein, also etwa einen städtischen Akademikerhaushalt, könnte er das Maturazeugnis gleich dazulegen. Liefert er das Baby in prekäre Verhältnisse, wird das Kind nie eine Universität von innen sehen. Die Schule kompensiere soziale Benachteiligungen kaum und trage so Mitschuld an der Ungleichheit in unserer Gesellschaft. Wer oben sei, bleibe oben, wer unten sei, könne alle Hoffnung fahren lassen.

Das Schulwesen gehöre reformiert, weil es die jeweils vorherrschende Verteilung von Macht und Ohnmacht in einer Gesellschaft unverändert an die nächste Generation weitergebe. Somit sei die Schule bloß eine Zeit und Geld verschlingende Großveranstaltung zur Vererbung des Sozialstatus der Eltern an die Kinder, egal wie begabt oder unbegabt die sind. Was der Storch entschieden hat, das bestätigt die Schule.

Dass das aber kein Naturgesetz ist, zeigen die 1970iger-Jahre. Damals führten die Schulreformen zwar nicht zu einem raschen Aufstieg von Unterschichtskindern an die Spitze, aber immerhin zu einer langsamen „Parallelverschiebung nach oben“. Insbesondere die Mädchen der Mittelschicht profitieren seit damals von der Schulpolitik, so sehr, dass sie heute in der Schule bei gleichen Leistungen gegenüber den Buben bevorzugt werden – ein Sexismus übrigens, dem PolitikerInnen weniger Beachtung schenken als dem Text der Bundeshymne.

Die Schule kann also individuell lebensverändernd wirken. Ist sie auch ein Autopilot für eine gerechte Gesellschaft? Dazu müssten die Lehrerinnen und Lehrer Göttinnen und Götter, nicht staatlich angestellte Pädagoginnen und Pädagogen sein. Die Schule ist und bleibt eingebettet in ein spannungsreiches soziales Umfeld, und das hat kürzlich der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt so beschrieben: „Es ist nicht einzusehen, dass der Spitzenmann einer Bank hundertmal so viel Geld verdient wie sein Fahrer, dass er dreißig- oder vierzigmal so viel verdient wie die Bundeskanzlerin.“

Kann eine reformierte Schule den Kindern des Chauffeurs gleiche Abschlüsse wie den Sprösslingen des Bankiers garantieren? Tony Judt, der Historiker, hat dazu kurz vor seinem Tod geschrieben: „A society divided by wealth and inheritance cannot redress this injustice by camouflaging it in educational institutions.“ Eine Bildungspolitik, die allen den gleichen Anteil an höheren Bildungsabschlüssen verspricht, meint das Richtige. In einer Welt aber, die Gier belohnt, kann sie rasch so illusorisch werden wie eine Gesundheitsreform, die vorgibt, allen Menschen, egal ob arm oder reich, die gleiche Lebenserwartung zu garantieren.

Lehrerinnen und Lehrer tragen viel zur individuellen Hebung von Lebenschancen bei. Das ist eine große Leistung. Wo aber rund um die Schulen Siedlungsghettos, Perspektive- und Sprachlosigkeit herrschen, werden sie rasch zu ohnmächtigen Helfern. Wer eine bildungsgerechte heile Welt allein durch schulische Schnellreparaturen verspricht, belügt sich selbst und alle anderen.


Zum Autor:
Kurt Scholz war von 1992 bis 2001
Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit
Anfang des Jahres ist er Vorsitzender des Österreichischen Zukunftsfonds.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2011)

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8 Kommentare
periskop
30.08.2011 20:30
1 0

Wann werden die Schul-"Experten" endlich begreifen, dass Kinder nicht nur in der Schule, sondern auch von den Eltern lernen!

Das, was Kinder von den Eltern lernen, ist für das spätere Leben ähnlich wichtig, wie das, was sie in der Schule lernen! Dazu gehört heute leider auch, dass man nicht nur "spielend" lernt, sondern dass man viel Wissen nur mit Anstrengung erwerben kann.
Aber das Eigentliche, was Kinder von erfolgreichen Eltern selbst erfolgreich macht, ist nicht nur Hilfe beim Erwerb des Schulwissens, sondern wie man vorgehen muss, um Erfolg zu haben.
Sachwissen ist ungeheuer wichtig, "soziale Kompetenz", wie sie die Schule versteht, ist m. E. nicht sehr hilfreich. Nur von Eltern lernen kann man Strategien, wie man Erfolg hat, und wie man mit Mitbewerbern umgeht, ohne sich Feinde zu schaffen, wobei Erfolg überhaupt nur mit Einsatz und Anstrengung zu gewinnen ist. Schulen können das nicht vermitteln, den Lehrern fehlt dieses Wissen meist selbst!

Das ist der alleinige Grund, weshalb Kinder von Eltern, die selbst weiter gekommen sind, auch weiter kommen, als die, denen dieses Wissen fehlt!

Chancengleichheit für alle könnte nur dadurch erzeugt werden, dass man Kinder daran hindert, von ihren Eltern zu lernen, also nur durch Nivellierung nach unten!


Gast: Niederösterreich
30.08.2011 10:35
1 0

"Fetisch Bildung"

Auch wenn Prof. Scholz manche Ansichten ein wenig zurechtrückt, ein paar wesentliche Aspekte sollte man doch nicht vernachlässigen:

1.) Vollkommen ausgeblendet bei den div. Schuldebatten wird die Frage der Begabung. Schon unsere Altvorderen wußten, daß sich gewisse Fähigkeiten oft durch Generationen (durch entsprechende Zuchtwahl) vererben können. Wenn also großteils Akademikerkinder studieren, hängt das sicherlich auch mit einer gewissen "natürlichen" Auslese zusammen. Man kann das nicht dadurch "korrigieren", indem man mit Muß Sonderschüler auf die Hochschule schickt!

2.) Natürlich hängt die "Auslese" auch mit Geld und dem Ehrgeiz der Eltern zusammen. Das 1.Problem könnte man durch Begabten-Stipendien lösen. 'Andererseits darf man in einer Demokratie nicht einfach das Erziehungsrecht der Eltern aushölen. Wenn Eltern etwa erfolgreich einen Handwerksbetrieb führen, warum sollten sie ihre Kinder nicht zu diesem Gewerbe erziehen? Einvereständnis der Kinder natürlich vorausgesetzt.

3.) Es gibt auch viele Eltern, denen die Kinder einfach "passieren" und die wenig Interesse an ihren Kindern zeigen. Wenn man nicht zu einem strikt vom Staat regeltmentierten Erziehungssystem a la Sparta greifen will, kann man auch hier nur mit Stipendien eingreifen!

4.) Nicht zu vernachlässigen ist auch das Angebot am Arbeitsmarkt und ganz wichtig - die Kinder sollen im erwählten Beruf auch tatsächlich glücklich werden. Auch davon ist nirgends zu lesen! Denn Geld allein macht auch nicht

Antworten Gast: Bildungsbürgerin
30.08.2011 17:07
3 0

Re: "Fetisch Bildung"

Ich würden den Ausführungen des nunmehrigen Pensonisten nicht allzuviel Bedeutung beimessen... hier schreibt sich einer, der es es in seiner aktiven Zeit in der Hand gehabt hätte, die Verhältnisse zu ändern, den schöngeistigen Frust von der Seele...

3 0

Na, Sie trauen sich was.

Darf man denn von unterschiedlichen Begabungen reden? Oder daß Intelligenz möglicherweise vererbt wird?

Antworten Antworten Gast: Geheimrat
31.08.2011 20:23
1 0

Re: Na, Sie trauen sich was.

Nach den Glaubensätzen der sozialistischen Religion sind alle gleich begabt. Erst durch intensiven sozialistischen Religionsunterricht scheidet sich die Spreu vom Weizen!

2 0

Schulen sind dazu da, Wissen zu vermitteln.

Wissen, das den sozialen Aufstieg erst möglich macht.

Antworten Gast: Woodman
30.08.2011 12:48
0 0

Re: Schulen sind dazu da, Wissen zu vermitteln.

Bildung vermitteln, bitte. Fürs Wissen gibt's den Brockhaus oder die Wikipedia.

Antworten Antworten Gast: Nurse Diesel
30.08.2011 15:17
0 0

Re: Re: Schulen sind dazu da, Wissen zu vermitteln.

Wikipedia? Der war gut.

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