Einer der Hauptvorwürfe an die Schulorganisation lautet, dass sie die Ungerechtigkeiten im Bildungszugang nicht ausgleiche. Die Schule betreibe Statusvererbung: Kinder von Akademikern haben eine 5- bis 10-fach höhere Chance, zur Matura zu gelangen als gleich begabte Kinder bildungsferner Familien.
Entscheidend ist der Storch: Bringt er ein Neugeborenes in das richtige Nestlein, also etwa einen städtischen Akademikerhaushalt, könnte er das Maturazeugnis gleich dazulegen. Liefert er das Baby in prekäre Verhältnisse, wird das Kind nie eine Universität von innen sehen. Die Schule kompensiere soziale Benachteiligungen kaum und trage so Mitschuld an der Ungleichheit in unserer Gesellschaft. Wer oben sei, bleibe oben, wer unten sei, könne alle Hoffnung fahren lassen.
Das Schulwesen gehöre reformiert, weil es die jeweils vorherrschende Verteilung von Macht und Ohnmacht in einer Gesellschaft unverändert an die nächste Generation weitergebe. Somit sei die Schule bloß eine Zeit und Geld verschlingende Großveranstaltung zur Vererbung des Sozialstatus der Eltern an die Kinder, egal wie begabt oder unbegabt die sind. Was der Storch entschieden hat, das bestätigt die Schule.
Dass das aber kein Naturgesetz ist, zeigen die 1970iger-Jahre. Damals führten die Schulreformen zwar nicht zu einem raschen Aufstieg von Unterschichtskindern an die Spitze, aber immerhin zu einer langsamen „Parallelverschiebung nach oben“. Insbesondere die Mädchen der Mittelschicht profitieren seit damals von der Schulpolitik, so sehr, dass sie heute in der Schule bei gleichen Leistungen gegenüber den Buben bevorzugt werden – ein Sexismus übrigens, dem PolitikerInnen weniger Beachtung schenken als dem Text der Bundeshymne.
Die Schule kann also individuell lebensverändernd wirken. Ist sie auch ein Autopilot für eine gerechte Gesellschaft? Dazu müssten die Lehrerinnen und Lehrer Göttinnen und Götter, nicht staatlich angestellte Pädagoginnen und Pädagogen sein. Die Schule ist und bleibt eingebettet in ein spannungsreiches soziales Umfeld, und das hat kürzlich der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt so beschrieben: „Es ist nicht einzusehen, dass der Spitzenmann einer Bank hundertmal so viel Geld verdient wie sein Fahrer, dass er dreißig- oder vierzigmal so viel verdient wie die Bundeskanzlerin.“
Kann eine reformierte Schule den Kindern des Chauffeurs gleiche Abschlüsse wie den Sprösslingen des Bankiers garantieren? Tony Judt, der Historiker, hat dazu kurz vor seinem Tod geschrieben: „A society divided by wealth and inheritance cannot redress this injustice by camouflaging it in educational institutions.“ Eine Bildungspolitik, die allen den gleichen Anteil an höheren Bildungsabschlüssen verspricht, meint das Richtige. In einer Welt aber, die Gier belohnt, kann sie rasch so illusorisch werden wie eine Gesundheitsreform, die vorgibt, allen Menschen, egal ob arm oder reich, die gleiche Lebenserwartung zu garantieren.
Lehrerinnen und Lehrer tragen viel zur individuellen Hebung von Lebenschancen bei. Das ist eine große Leistung. Wo aber rund um die Schulen Siedlungsghettos, Perspektive- und Sprachlosigkeit herrschen, werden sie rasch zu ohnmächtigen Helfern. Wer eine bildungsgerechte heile Welt allein durch schulische Schnellreparaturen verspricht, belügt sich selbst und alle anderen.
Zum Autor: Kurt Scholz war von 1992 bis 2001
Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit
Anfang des Jahres ist er Vorsitzender des Österreichischen Zukunftsfonds.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2011)















