25.05.2012 22:00 | Meine Presse Merkliste 0

Ein grüblerischer Rundgang im Klub der toten Dichter

KURT SCHOLZ (Die Presse)

Josef Weinheber, Knut Hamsun, Ezra Pound: Drei Lebensläufe, die eine Frage aufdrängen: Sind Literaten generell politisch weitblickender als etwa Zahnärzte oder Tischlermeister?

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Als jüngst die wortgewaltige Rektorin der Akademie der angewandten Künste das Weinheber-Denkmal vor ihrem Eingangstor kritisch kommentierte, konnte sie nicht wissen, welche nostalgischen Gefühle sie in mir weckte. Mir fiel ein, dass ich irgendwann Mitte der 1970er-Jahre eine Gedichtinterpretation als Maturafrage gestellt habe. Die Kandidatin wurde eingeladen, die folgenden Verse Weinhebers aus dem Jahr 1939 in einen kultur- und zeitgeschichtlichen Zusammenhang zu stellen:

Deutschlands Genius, Deutschlands Herz und Haupt,
Ehre Deutschlands, ihm so lang geraubt.
Macht des Schwerts, daran die Erde glaubt.
Fünfzig Jahre, und ein Werk aus Erz.
Übergroß, gewachsen an dem Schmerz.
Hell und heilig, stürmend höhenwärts.
Retter, Löser, der die Macht bezwang,
Ernte du auch, dulde Kranz und Sang:
Ruh' in unsrer Liebe, lebe lang!

Die Kandidatin hatte viel gelernt. Sie prüfte Inhalt, Versmaß und Aufbau des Gedichts, erkannte das Akrostichon (die Anfangsbuchstaben von oben nach unten) und damit den Titel des Gedichts („Dem Führer“), ordnete die Huldigung zu dessen 50. Geburtstag richtig ein und war zu Recht stolz auf ihre Leistung. Ich auch.

Ob solche Fragen bei der geplanten Zentralmatura noch möglich sind, weiß ich nicht. Aber ich will ja nicht über Schulpolitik reden, sondern über Dichter. Weinheber, der formenstrenge Lyriker, politische Irrläufer und gelegentliche Gefälligkeitspoet, war kein Einzelfall. In der Biografie von Peter Longerich kann man nachlesen, wie gerührt Hitlers Propagandaminister Goebbels 1943 vom Besuch Knut Hamsuns war: Der Norweger hatte ihm seine Medaille und die Urkunde zum Nobelpreis verehrt, „als Ausdruck der Verbundenheit mit unserem Kampf um ein neues Europa“.

Zum Unterschied von Weinheber überlebte Hamsun das Kriegsende, wenngleich mit Mühe: Die Wiedergutmachung, die Norwegen von ihm verlangte, ließ ihn fast verhungern. Geächtet und mittellos starb er 1952. Weinheber lebte da nicht mehr. Er hatte 1945 Selbstmord begangen, einen Steinwurf von jener Reichsautobahn entfernt, die er in seiner „Ode an die Straßen Adolf Hitlers“ besungen hatte.

Im selben Jahr 1945 kroch in Pisa ein anderer Dichter, ein Amerikaner, in einem Käfig herum. Ezra Pound, Freund von T. S. Eliot, James Joyce und Ernest Hemingway, wurde in einem Gittergestell verwahrt, das an heutige Gefängnisbilder von Guantanamo erinnert. In hunderten Radiosendungen des faschistischen Italiens hatte er gegen Juden und die Alliierten gegeifert und Hitler gerühmt. Nun kritzelte er im Käfig seine Gedichte auf Toilettenpapier. Nur ärztliche Atteste retteten ihn in den USA vor lebenslanger Haft. Seinen Lebensabend verbrachte er in Südtirol, heute ruht er auf San Michele in Venedig neben Diaghilew, Stravinsky und Joseph Brodsky.

Ob Dichter generell politisch weitblickender sind als, sagen wir: Zahnärzte oder Tischlermeister, ist eine offene Frage. Bei Meran jedenfalls gibt es ein Ezra-Pound-Literaturzentrum, und die Werke Hamsuns werden weltweit gelesen. Man kann Gedenksteine für Dichter entfernen, wie es der Vorgänger der jetzigen Akademierektorin angeregt hat. Mir scheint es besser, ihr Leben gut zu kennen und ihre Werke aufmerksam zu lesen.


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Zum Autor:

Kurt Scholz war von 1992 bis 2001 Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit Anfang des Jahres ist er Vorsitzender des Österreichischen Zukunftsfonds.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2011)

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4 Kommentare
Gast: Karli Kraus
11.10.2011 16:10
0 0

Ergänzung?

Sehr geehrter Herr Scholz,
im Zusammenhang mit den toten Dichtern könnte man auch Gerhart Hauptmann erwähnen, der mE auch eine "Doppelrolle" eingenommen hat.
So reimte er 1941 zur Einberufung seines Sohnes folgende Zeilen:
"Diesen Leib den halt ich hin/
Flintenkugeln und Granaten:/
eh ich nicht durchlöchert bin/
kann der Feldzug nicht geraten."
Und noch 1945 zeigte sich der schon vom Tode gezeichnete Greis in einigen Zeilen bereit zur Zusammenarbeit mit den neuen sowjetischen Herren.

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*gähn*

Und täglich grüßt das N***-Murmeltier...

Antworten Gast: zwickerll
11.10.2011 21:42
0 0

Re: *gähn*

jeder verblödet auf seine Weise

0 0

Re: Re: *gähn*

Ja. Merkt man bei Ihnen.

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