Bruno Kreisky war ein Sonnenkönig der Zitate. Egal ob es um Gaddafi, Franz Vranitzky, den Zustand der Koalition oder den der Geschichtsschreibung ging, stets hatte er eine passende literarische Anspielung zur Hand. Als ihm wegen seiner Kontakte zum libyschen Revolutionsführer internationale Ablehnung entgegenschlug, geißelte er die Doppelmoral seiner Kritiker. Manche steckten doch selbst mit Gaddafi unter einer Decke, meinte er. Sie hielten es mit ihm so wie Heinrich Heine mit dem heimlichen Liebchen: „Blamier mich nicht, mein schönes Kind,/ Und grüß mich nicht unter den Linden;/ Wenn wir nachher zu Hause sind,/ Wird sich schon alles finden.“
Aber Kreisky kannte nicht nur seinen Heine. Bei der Eröffnung einer Geschichtsausstellung las er einmal aus Strindbergs „Blaubuch“ vor: „Sucht man die Ursachen zur französischen Revolution, so findet die Oberklasse sie in der Verwilderung des Volkes; und die Unterklasse findet sie in der Erbärmlichkeit des Königs und Hofes.“ Zum Verhältnis zwischen Sozialdemokratie und Volkspartei fielen ihm die Stachelschweine aus Schopenhauers „Parerga und Paralipomena“ ein: War ihr Abstand zu groß, drohten sie zu erfrieren. Rückten sie zu nahe zusammen, verletzten sie einander mit den Stacheln.
Dass einer seiner Nachfolger als Bundeskanzler und Parteichef für ihn eine „Sphinx ohne Rätsel“ war, ist bekannt. Es war der Titel einer Erzählung von Oscar Wilde. Nach dem Sonnenkönig wurde die Tradition literarischer Anspielungen dünner. Erhard Busek verwendete in Briefen gelegentlich die Anrede „Euer Liebden“, was bei Rosenkavalier-Unkundigen Verwunderung hervorgerufen haben soll.
Auch Andreas Khol war immer für Gustostücke gut. Etwa, als er in einer Besprechung für eine Österreich-Ausstellung mehrere Male einen „Grafen Leinsdorf“ zu einer Wortmeldung einlud, den aber niemand unter den Anwesenden ausfindig machen konnte. Anwesend war jedoch der Tiroler Widerstandskämpfer, Botschafter und Staatssekretär Dr. Ludwig Steiner.
Im Verlauf der Sitzung wurde klar, dass es Steiner war, den Khol respektvoll mit „Graf Leinsdorf“ ansprach. Des Rätsels Lösung: Im „Mann ohne Eigenschaften“ kommt ein Leinsdorf vor, eine gebildete Persönlichkeit und „die wahrhaft treibende Kraft jener großen patriotischen Aktion, die aus der Mitte des Volkes kommen und von oben geleitet werden müsse“.
Kreisky, Busek, Khol konnten solche Anspielungen noch wagen, weil sie die Bücher gelesen hatten. Heute ist die Verwendung von literarischen Beispielen eine zwiespältige Angelegenheit. Zitate eignen sich nicht fürs Bierzelt. Selten lösen sie Schenkelklatschen und Heiterkeit aus. Im Gegenteil: Ein Politiker, der zu oft literarische Anleihen nimmt, setzt sich leicht dem Vorwurf aus, oberlehrerhaft und neunmalklug zu sein.
Umgekehrt aber stellt sich jeder Redner durch Zitate in einen geistigen Zusammenhang, reklamiert eine Tradition, aus der man verstanden werden will. Und nicht immer müssen Volkstümlichkeit und die Kunst des Zitierens einen Widerspruch bedeuten. Der begnadete Populist Helmut Zilk hat einmal nach dem Besuch einer Goya-Ausstellung den Titel eines Caprichos an den Schluss einer Regierungserklärung gestellt: „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“. Ich weiß nicht, ob man seither Ähnliches in einem Landtag vernommen hat.
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Zum Autor:
Kurt Scholz war von 1992 bis 2001
Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit
Anfang des Jahres ist er Vorsitzender des Österreichischen Zukunftsfonds.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2011)















