25.05.2012 22:01 | Meine Presse Merkliste 0

Wie geht man mit den sterblichen Überresten von Diktatoren um?

KURT SCHOLZ (Die Presse)

Es gibt Berichte über atavistische Akte, die man nur mit Abscheu und Widerwillen lesen kann. Aber warum werden gerade tote Diktatoren aufgebrachten Mengen zur Schau gestellt?

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Der Diktator war 24 Stunden tot, erschossen. Man hatte seinen Leichnam in die nächste Großstadt gebracht, dort zeigte man sie der aufgebrachten Menge. Der Mob raste. Zuerst durchsiebten Männer und Frauen die Leiche mit Kugeln, traten auf sie ein und bespuckten sie. Frauen urinierten unter dem Applaus der Menge auf den Toten. Der Kopf des Diktators wurde auf die Brüste seiner ermordeten Geliebten gelegt, um einen Liebesakt nachzuäffen.

Dann hängte man die Körper des Toten und seiner letzten Gefährten mit den Köpfen nach unten wie Vieh auf. Fotos davon wurden massenhaft verbreitet. Später, als man die entstellte Leiche des Diktators zu einer Obduktion brachte, spielten Krankenschwestern lachend mit seiner Leber, dem Herz und der Lunge.

Das alles geschah nicht in einem fremden Kontinent, sondern in Mitteleuropa – in Mailand am 29.April 1945 und in den Tagen danach. Wer gute Nerven hat, kann es im Buch des Turiner Historikers Sergio Luzzatto nachlesen: „Il Duce. Das Leben nach dem Tod“. Nach der Lektüre verliert man die Lust, eine grundsätzliche zivilisatorische Überlegenheit Europas gegenüber anderen Erdteilen zu behaupten.

Die Behandlung der Leiche des libyschen Diktators, deren abstoßende Bilder uns die Medien nicht erspart haben, erscheint vergleichsweise zivil. Und sie erfüllte, auch wenn man sich dagegen sträubt, eine politische Funktion. Erstens zerstreute die Zurschaustellung eines toten Diktators in Mailand wie in Libyen alle Gerüchte über dessen mögliches Weiterleben. Zweitens sollte dem verhassten Toten jede Würde genommen werden. Dabei entlädt sich die Grausamkeit der Menge besonders an den Körpern jener Diktatoren, deren politisches Auftreten von prononcierter Virilität geprägt war.

Nicht in ihrer ostentativ zur Schau gestellten Männlichkeit – Gaddafi mit seinen Leibwächterinnen und den schönen Italienerinnen seiner Zeltfeste, Mussolini auf Skiern mit nacktem Oberkörper, als schwertschwingender Reiter, mit behaarter Brust und in Badehose am Strand von Riccione neben dem krawattentragenden Dollfuss – soll man Diktatoren in Erinnerung behalten, sondern wie vom Fleischhauer aufgehängtes Schlachtvieh. Oder, wie Gaddafi, als eingekotetes, auf dem Boden liegendes Fotoobjekt, vor dessen Geruch man sich die Nase zuhalten muss. Danach soll der Körper eines Diktators spurlos verschwinden. Beseitigt, nicht bestattet will man ihn sehen.

Bei Mussolini misslang das übrigens gründlich. Neofaschisten entwendeten seine Leiche aus seinem anonymen Mailänder Grab, versteckten sie erst bei Franziskanern und danach elf Jahre in einem Kapuzinerkonvent. 1957 wurde sie von einer Regierung der Democrazia Cristiana, die auf die Stimmen der Neofaschisten angewiesen war, der Familie Mussolini übergeben. Seither ist der Begräbnisort eine Wallfahrtsstätte.

„Le mort saisit le vif!“, schreibt Marx in der Vorrede zum „Kapital“ – „Der Tote packt den Lebenden!“ Und: „Wir ziehen die Nebelkappe tief über Aug' und Ohr, um die Existenz der Ungeheuer wegleugnen zu können.“

Auch in unserem Zeitalter leiden Menschen nicht nur unter Lebenden, sondern fürchten sich davor, dass Tote und deren Verehrer nach uns greifen könnten. Daher werden die Leichen von Diktatoren in Akten atavistischer Grausamkeit zuerst alles Menschlichen beraubt, bevor sie für immer verschwinden sollen.


Reaktionen senden Sie bitte direkt an: debatte@diepresse.com


Zum Autor:

Kurt Scholz war von 1992 bis 2001
Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit
Anfang des Jahres ist er Vorsitzender des Österreichischen Zukunftsfonds.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2011)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

Mehr Quergeschrieben:

Top-News