Einst hat William M. Johnston in seinem Standardwerk über die österreichische Kultur- und Geistesgeschichte den „therapeutischen Nihilismus“ als Charakteristikum des Wiener Lebens bezeichnet. So sei etwa die berühmte Medizinische Schule überzeugt gewesen, dass Diagnostik und Autopsie genügten: Krankheiten entzögen sich der Therapie. Für die Behandlung genüge es, alles Schädliche zu vermeiden. Am wichtigsten sei die Untersuchung, die beste Therapie die Unterlassung jeglichen Eingreifens.
Blickt man heute um sich, fragt man sich, wie viel von dem, was Johnston für den „Austrian Mind“ von 1848–1938 beschrieben hat, noch fortwirkt. Die unheilvolle Lust, das Negative zu beschreiben und sich von Therapieversuchen abzuwenden, scheint in unserer Gesellschaft ungebrochen.
Es gibt aber auch erfreuliche Ausnahmen. Vor mir liegt der Katalog der Ausstellung „Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen 1918–1945“. Auf über 600Seiten hat sich ein Team österreichischer, deutscher und Südtiroler Historikerinnen und Historiker mit den heroischen und den dunkelsten Jahren der Alpingeschichte beschäftigt. Rechtzeitig zum 150-Jahr-Jubiläum 2012 hat sich der Alpenverein seiner Geschichte gestellt. Die besteht aus großartigen sportlichen Leistungen, aber seit den 1920er-Jahren auch aus deutschnationalen Ideologien.
Der Erste, der das schonungslos diagnostizierte, war der Wiener Historiker und Extrembergsteiger Rainer Amstädter. Vor 15Jahren legte er das Standardwerk „Der Alpinismus“ vor, eine bahnbrechende Arbeit, die leider auf universitärem Boden mit keiner Karriere belohnt wurde. Dafür hat sie bei den Alpinvereinen Früchte getragen. Die zogen – nach einem kurzen Abwehrreflex – klare Konsequenzen.
Hütten wurden umbenannt, Gedenktafeln an jüdische Gründungsmitglieder angebracht, Persönlichkeiten wie der verstorbene Logotherapeut und Bergsteiger Viktor Frankl oder der Schwimmmeister, Universitätsprofessor und Hakoah-Präsident Paul Haber zu Vorträgen eingeladen, Gedenkfeiern abgehalten und Aufsätze in Vereinsnachrichten über die Verstoßung jüdischer Gründerväter des Alpenvereins durch den infamen „Arierparagrafen“ publiziert.
Gerade wenn man Teilen der Geschichte unseres Landes kritisch gegenübersteht, muss man anerkennen, wie sehr es den heutigen Verantwortlichen des Alpenvereins gelungen ist, die Schatten der Vergangenheit durch Selbstkritik aufzuhellen. Sie haben die Therapievorschläge, die vor 15Jahren eingesetzt haben, ernst genommen.
Niemand kann den Alpinvereinen heute therapeutischen Nihilismus vorwerfen. Die Historikerinnen und Historiker der Dokumentation „Alpenverein und Bergsteigen 1918–1945“, die heutigen Verantwortlichen der größten Alpinvereinigung des Landes und unzählige idealistische Bergbegeisterte, die mit vorgestrigen Ideologien nichts mehr zu tun haben, verdienen es, vor den Vorhang gerufen zu werden. Sie haben etwas geschafft, was ihnen kritische Journalisten und gewohnheitsmäßige Skeptiker dieses Landes noch vor einigen Jahren nie zugetraut hätten.
Der Prachtband zur Ausstellung, die diese Woche in München beginnt und 2012 nach Österreich übersiedelt, ist schon jetzt erhältlich („Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen 1918–1945“, Böhlau Verlag, 2011, 640Seiten).
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Zum Autor:
Kurt Scholz war
von 1992 bis 2001
Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit Anfang des Jahres ist er Vorsitzender des Zukunftsfonds der Republik Österreich.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2011)















