Die Tage vor Weihnachten sind hektisch, aber auch die Zeit edler Momente. Man denkt angestrengt nach, womit man anderen Freude bereiten kann, erinnert sich an Geschenke, die man selbst erhalten hat und will sich mit einer Aufmerksamkeit revanchieren. Am liebsten gibt man dort, wo man selbst beschenkt worden ist. Auch dieser Artikel soll ein kleines Geschenk sein, und Schuld daran trägt ausgerechnet ein früherer Chefredakteur.
Thomas Chorherr hat vor einigen Jahren ein kluges Buch über das „Lob des Lobens“ geschrieben. Die Medien, meinte er, sollten nicht nur schimpfen, sondern dort, wo's angebracht ist, auch einmal loben. Daher will ich mich heute bei einer kleinen, wunderbaren Gruppe von Menschen bedanken, die mir jedes Wochenende ein ganz spezielles Geschenk macht: den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des samstäglichen „Spectrum“.
Das „Spectrum“ der „Presse“ ist, die Konkurrenz soll's ruhig lesen, die beste österreichische Literaturbeilage. Eine, die nicht immer bequem ist. Manchmal lagen die Beiträge links von der Blattlinie – da konnte schon einmal ein Chefredakteur per Leitartikel dem, was weiter hinten im Blatt stand, einen Ordnungsruf erteilen.
Dann wieder erregte das „Spectrum“ den Ärger der Linken, etwa, wenn der Philosoph Rudolf Burger laut über die Konsequenzen der Parole „Niemals vergessen“ nachdachte. Immer aber blieb das „Spectrum“ ein Geschenk an jene Minderheit, die noch längere Texte lesen kann. Man kann die historischen Beiträge von Manfried Rauchensteiner sammeln, die eleganten Glossen von Jochen Jung am Frühstückstisch vorlesen (und an Alfred Polgar denken); man studiert die kenntnisreichen Artikel von Gerhard Drekonja-Kornat oder Martin Leidenfrost, bewundert historisch-literarische Doppeltalente wie Erich Hackl und Doron Rabinovici, streitet über Adolf Holl oder Konrad Paul Liessmann, zitiert Robert Schindel, applaudiert Germanisten wie Karl Wagner, Wolfgang Müller-Funk oder Robert Streibel, kann den Architekturbeschreibungen von Christian Kühn oder Liesbeth Wächter-Böhm nachreisen. Und jede Leserin, jeder Leser hat die Qual der Wahl, ob der erste Blick (meiner!) den „unkorrekten“ Cartoons auf der letzten Seite gilt oder dem elitären Kreuzworträtsel, ob man auf die Schach- und Spielespalte vorblättert, über die Sprachspielereien schmunzelt oder... oder...
Das „Spectrum“ ist klug, bietet Anstößiges (Na hoffentlich! Ist das doch laut Nestroy „der Kren zum Rindfleisch des täglichen Lebens“) und lässt nur einen Wunsch offen: den nach einer Pizzaschachtel in der ungefähren Größe des Blattes, nur ein bisserl dicker, in der man die Literaturbeilage jede Woche ablegen und sammeln kann.
Das „Times Literary Supplement“ und die „New York Review of Books“ bieten solche Boxen an. Eine solche Schachtel für das „Spectrum“, bitte, ist mein Wunsch an das Christkind, das in diesem Falle Michael heißt und im Nebenberuf Chefredakteur der „Presse“ ist. Wenn die Bitte zu unbescheiden ist, helfe ich sogar und mache bei einem Jahresregister für das „Spectrum“ mit: Es wäre ein Inhaltsverzeichnis des literarischen Österreich und ein Kulturdokument der „Presse“!
Genug für heute. Ich wünsche Ihnen ein frohes Weihnachtsfest und ein Jahr mit schönen Augenblicken. Aus ihnen besteht das Leben.
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Zum Autor:
Kurt Scholz war von 1992 bis 2001 Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit Anfang des Jahres ist er Vorsitzender des Österreichischen Zukunftsfonds.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2011)















