Immer zu Jahresbeginn versucht die Politik, dem neuen Jahr ein Motto zu unterschieben. So hat man für 2011 vollmundig ein „Jahr der Bildung“ versprochen, aus dem leider nur Eulenspiegeleien und Scheinlösungen geworden sind. Vielleicht sollte man heuer nicht das Blaue vom Himmel versprechen, sondern nur Ziele ansprechen, die jeder mehr oder weniger selbst verwirklichen kann.
Ich fände es etwa spannend, aus 2012 ein „Jahr des Spielens“ zu machen. Das Spiel kommt in der Bildungsdiskussion kaum mehr vor. Es ist auf dem Rückzug, dabei ist das Spiel der Baustein des Lebens, nicht die inflationären Bildungsvergleiche. Spielend entwickelt sich die Motorik des Kindes, sein Denken und Verhalten. Wenn Schiller in den „Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen“ sagt, dass „der Mensch nur da ganz Mensch ist, wo er spielt“, dann gilt das erst recht für das Kind.
Nur wer spielt lernt Regeln und Selbstvertrauen, und Kinder benötigen dazu erstaunlich wenig. Wenn wir im Wiener Kunsthistorischen Museum das Gemälde von Pieter Bruegel d. Ä. mit den Kinderspielen sehen, sehen wir, dass Kindern das, was vor 450 Jahren Spaß gemacht hat, noch heute gefällt: Bei Bruegel spielen die Kleinen fangen, Blindekuh, verkleiden sich und haben mit Pölstern, Würfeln, Kugeln, Reifen und Alltagsgegenständen einen Heidenspaß. Nirgendwo ist die Aufsicht eines Erwachsenen zu sehen.
Glaubt man dem heutigen Bildungsdiskurs, dann benötigen Kinder unbedingt ausgeklügelte Lernspiele und staatliche Frühförderung, um nicht Idioten zu werden. Dabei ist das Spiel die beste Lernförderung, die einfachste auch. Kinder brauchen eine Wiese, Wasser und einen Ball. Auch Schmutz ist attraktiv (und stärkt das Immunsystem): Eine Regenlache oder die überschwemmte Sandkiste macht Kindern mehr Freude als ein Frühförderprogramm.
So gesehen ist es ein seltsames Zeichen, wenn Kinder heute immer mehr coole Games geschenkt bekommen, bei denen sie allein bleiben: als Egoshooter am Computer oder vor dem DVD-Spieler, den sie selbstständig bedienen sollen. Dass sie dabei nicht einmal mehr selbst lachen müssen, hat kürzlich der ebenso geistvolle wie amüsant zu lesende Wiener Philosoph Robert Pfaller angemerkt: Das „Konservengelächter“ der Sitcoms lacht an unserer Stelle. Wir fühlen uns so, als ob das aufgezeichnete Lachen unser eigenes gewesen wäre – Interpassivität statt Interaktivität.
Kinder wollen keinen Frühförderstress, sondern einen Menschen mit einem Ball. Beim Hin- und Herwerfen imitieren sie die Bewegung des erfahreneren Spielers, sehen, dass es nur klappt, wenn sich beide bemühen müssen, freuen sich über die wachsende Geschicklichkeit und werden umso selbstbewusster, je besser sie das Werfen und Fangen beherrschen. Sie lernen, dass Unachtsamkeit das Spiel unterbricht und der Ball von dem, der ihn verworfen hat, wieder geholt werden sollte. Alles Regeln des Spiels und Regeln des Lebens.
Laut der griechischen Mythologie sollen es die Götter gewesen sein, die das Spiel erfunden haben. Hermes den Würfel, Palamedes der Sage nach das Schach. Spiele dienen der Fantasie, dem Wettkampf, der Illusion und Information, dem Regelerwerb, der Angstbewältigung und der Freude. Wir alle können Götter sein, wenn wir mit Kindern spielen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2012)















