25.05.2012 22:04 | Meine Presse Merkliste 0

Im Zeichen des Saturn: Die Melancholie ist immer unter uns

KURT SCHOLZ (Die Presse)

Die Menschen schwanken zwischen Optimismus und Pessimismus. Goethe hatte ein Rezept, wie man die „Seelenleiden, in die wir durch Unglück oder eigene Fehler geraten“, zu heilen vermag.

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Drohend und alle Sinne betäubend schiebt sich ein Planet auf die Menschheit zu, seine Anziehungskraft kennt kein Entrinnen. Zehn Mal größer als die Erdkugel ist er, und nach dem ewigen Gesetz der Gestirne wird er die Erde verschlingen. Der Weltuntergang ist da: Untermalt vom süßen Gift der „Tristan“-Akkorde endet das Leben in einem Farbenrausch, geht auf in einem anderen Himmelskörper.

Die Menschen haben ihren Zerstörer noch beobachtet, ihm einen Namen gegeben, „Melancholia“, bevor sie resignierten. „Die Erde ist böse“, sagt die depressive Hauptheldin, „wir müssen nicht um sie trauern“. Was ich erzähle, ist die überwältigende Schlussszene des Films „Melancholia“ von Lars von Trier.

Die Melancholie ist derzeit allgegenwärtig. Im Museumsquartier läuft eine Schiele-Ausstellung unter dem Titel „Melancholie und Provokation“. Vor zwanzig Jahren hätten wir bei Schiele Revolutionäres entdeckt, Anstößiges, Pornografisches, die Ausgesetztheit des Menschen, seine Einsamkeit. Nun haben wir die Brille der Melancholie aufgesetzt und sehen Schiele als Melancholiker. In der Botero-Ausstellung hängt ein Gemälde „Melancholie“. Wohin wir blicken, entdecken wir Melancholie.

Die Wissenschaft folgt ihren Spuren in der Geschichte, in der Philosophie, in den Werken Goethes, Flauberts und Thomas Manns. Burtons Klassiker von 1621 „Anatomie der Melancholie“, für Friedrich Engels ein „ständiger Freudenquell“, und die moderne Studie „Saturn und Melancholie“ von Klibansky/Panofsky und Saxl wurden durch lesenswerte Bücher von László F. Földényi oder Julia Kristeva ergänzt. Populärer sind Gedichtsammlungen zum Thema oder ein Lesebuch. Vergleicht man bei Amazon „Melancholie“ und „Optimismus“, erzielt die Melancholie mehr Treffer. Und wenn der „Spiegel“ eine Titelgeschichte dem Optimismus widmet, wirkt das mehr wie eine Beschwörung.

Die Melancholie beschäftigt den Menschen seit 2500 Jahren. Die Antike vermutete den schädigenden Einfluss einer „schwarzen Galle“, die mittelalterliche Theologie sah in ihr eine der Hauptsünden, Luther nannte sie die „Badestube des Teufels“. Im 19. Jahrhundert bekämpfte man sie erfolgreich mit Morphium. Gleichzeitig aber galt sie als Lebensgefühl der Genies. Hölderlins „Hyperion“ bekennt: „Das Leiden wurde mir lieb, und ich legte es, wie ein Kind, mir an die Brust.“

Egal, ob man die Melancholie als Kennzeichen des schöpferischen Menschen oder als Gelehrtenkrankheit sieht, ob sie im Zeichen des Saturn oder des Satans steht, durch Wein (so die Antike) oder Kaffee (Goethe an Frau von Stein) verstärkt wird, ob sie von Aufklärern verdammt oder im Sturm und Drang idealisiert wurde, ob man sie abbildete (Dürer, Goya) oder literarisch gestaltete (Hamlet, Faust), die Melancholie ist ein Cantus firmus der abendländischen Kultur.

Allerdings hatten große Geister immer ein Rezept gegen sie. Goethe klagt Eckermann zwar melancholisch, er sei „in den bisherigen 75 Jahren meines Lebens keine vier Wochen glücklich gewesen“, aber im Wilhelm Meister nennt er ein Gegenmittel: „Seelenleiden, in die wir durch Unglück oder eigene Fehler geraten, sie zu heilen, vermag der Verstand nichts, die Vernunft wenig, die Zeit viel, entschlossene Tätigkeit hingegen alles“ – ein schöner Gedanke, nicht wahr?


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Béla Rásky, in Wien geborener und ausgebildeter Historiker, Verfasser mehrerer Bücher zu zeithistorischen Themen, war ab 1997 Direktor des 2003 aufgelassenen Austrian Science and Research Liaison Office in Budapest. Nach freiberuflicher Tätigkeit leitet er seit 2010 das Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI). [Privat]


Zum Autor:

Kurt Scholz war von 1992 bis 2001 Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit Anfang des Jahres ist er Vorsitzender des Österreichischen Zukunftsfonds.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2012)

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1 Kommentare
Gast: pensionär
18.01.2012 19:24
0 0

für Friedfertige

Die Melancholie hat ein Gegenspiel:
Die Gelassenheit der Freude.

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