25.05.2012 22:05 | Meine Presse Merkliste 0

Man reibt sich die Augen: Die Wiener Kultur als Perle der Deutschen?

KURT SCHOLZ (Die Presse)

Seit Jahren behauptet das deutsche Feuilleton, die Österreicher seien Rosinenpicker. Die Wahrheit ist genau umgekehrt. Möglich werden die Vereinnahmungen durch das Vakuum der eigenen Kulturpolitik.

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Seit Jahren kaufe ich Literatur über Venedig, so jüngst das gute Buch von Klaus Bergdolt „Deutsche in Venedig“. Mich interessierten die Venedig-Aufenthalte von Dürer, Goethe, Wagner, Thomas Mann und unzähliger anderer deutscher Besucher der Stadt. Wie immer bei Fachbüchern blättere ich gerne von hinten nach vorne: Quellenverzeichnis, Literaturangaben, Namensregister. Der Schluss eines Buches kann aufschlussreicher sein als das Vorwort.

So auch bei den „Deutschen in Venedig“: Man findet zahllose bekannte Namen – Peter Altenberg genauso wie Alban Berg, Sigmund Freud, Franz Grillparzer, Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus oder Anton Wildgans und Stefan Zweig. Deutsche allesamt?

Weil mich interessierte, wen aller der Autor, ein ehemaliger Direktor des Deutschen Studienzentrums in Venedig, als „Deutschen“ definiert, blätterte ich nach vorne. Dort fand ich eine Erklärung. Als „Deutsche“ gelten „alle deutschsprachigen Bewohner der Länder des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation“, und zwar „in alteuropäischer Tradition“. Als ich das Buch weglegte sah ich, dass dem Verlag bei der Titelwahl doch etwas unwohl gewesen ist: Auf der Rückseite lautet der Buchtitel nämlich „Die Tedeschi in Venedig“. „Die Deutschen“ waren verschwunden. Das riecht nach schlechtem Gewissen. Immerhin.

Nun gestehe ich, dass mir die Anmaßung, Künstler für die eigene Nation zu reklamieren, nie gefallen hat. Künstler sind Individualisten, und bis heute hat mir niemand erklären können, ob Mozart ein Österreicher war oder ein Salzburger und wie fürsterzbischöflich er sich nach dem Fußtritt des Grafen Arco noch gefühlt hat.

Es hat den Beigeschmack des Provinziellen, bei jeder Gelegenheit das „gute Österreichische“ hervorzukehren. Der „österreichische Mensch“ war eine Leidenschaft politischer Bestrebungen, die mir fremd sind: der Monarchisten (Maria Theresia gegen Friedrich „den Großen“), des politischen Katholizismus (gegen die Lutherischen) oder des kommunistischen Staatssekretärs Ernst Fischer, der 1945 die Österreicher als Opfer von den bösen Deutschen abgrenzen wollte.

Künstler gehören selten einem Land allein. Karl Kraus, Schnitzler, Musil und andere bewegten sich in Berlin so selbstverständlich wie in Wien. Ärgerlich aber wird es, wenn das deutsche Feuilleton monoton die Behauptung wiederkäut, die Österreicher sähen in Beethoven einen Wiener und machten aus Hitler einen Deutschen. Umgekehrt ist es: Bundesdeutsche Verlage machen aus Hofmannsthal oder Kokoschka Deutsche.

Aber kehren wir vor der eigenen Tür. Solche Vereinnahmungen werden nur durch das Vakuum der eigenen Politik möglich: kaum Ausstellungsoffensiven; Verlage, die international nicht wahrgenommen werden; die Auslandskultur ausgehungert. Großvorhaben wie „Wien 1900“ oder der Neubau des Kulturinstituts in New York liegen Jahrzehnte zurück.

Heute sind Kulturpolitiker damit zufrieden, alle zwei Jahre bei der Biennale alte Bekannte zu treffen. Der Hoffmann-Pavillon stammt aus dem Jahr 1934 und ist 250 Kilometer von der Grenze entfernt. Das ist der Horizont unserer Kulturpolitik. Doch irgendwie sind wir wieder an der Lagune gelandet. Wir haben in Venedig zwar kein Studienzentrum wie die Deutschen, spüren dort aber noch viel Österreichisches. Oder ist das auch schon deutsch geworden?


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2012)

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5 Kommentare

Mozart und Hofmannsthal als bekennende Deutsche

Um die Frage, ob die von Herrn Dr. Kurt Scholz genannten großen Österreicher mit oder ohne Recht zu den Deutschen gezählt werden, beantworten zu können, sollte man die eigenen Bekenntnisse dieser Landsleute lesen.
Als Beispiele seien hier nur zwei höchst bemerkenswerte Äußerungen zitiert.

In einem Brief, den der Komponist Wolfgang Amadé Mozart am 17. August 1782 aus Wien an seinen Vater schrieb, heißt es:
„... will mich Teutschland, mein geliebtes vatterland, worauf ich (wie sie wissen) Stolz bin, nicht aufnehmen, so muß im gottes Nammen frankreich oder England wieder um einen geschickten teutschen Mehr reich werden; - und das zur schande der teutschen Nation ...“

In seinem um 1926 verfassten, erst 1955 gedruckten Prosatext mit dem Titel
"Bemerkungen" erklärte der Dichter Hugo von Hofmannsthal:: " ... so wenig Zweck und Sinn es hat, wenn gelegentlich französische Diplomaten und Journalisten Österreich gegen Deutschland ausspielen, die Fiktion einer österreichischen Literatur, einer österreichischen Musik aufstellen – alles das gibt es nicht, es gibt nur eine deutsche Musik und eine deutsche Literatur und in dieser die von Österreichern hervorgebrachten Werke (denn diese Begriffe haben nur mit der gesamten deutschen Nation zu tun, wie sie einst im Heiligen Römischen Reich repräsentiert war, und stehen ganz oberhalb solcher Phänomene wie es die GründGründung des neuen preußischen Deutschen Reiches war) ..."

Gast: hagescholz
01.02.2012 10:47
0 0

wie immer

ein wesentlicher Beitrag zum österreichischen Geistesleben, danke Herr Gummistiefler!

Gast: Österreicher
30.01.2012 22:00
3 0

Der Versuch, im 19. Jh. die Österreicher von den Deutschen

abzugrenzen, scheitert, weil Östereich bis zur Schlacht von Königsgrätz 1866 Mitglied des Deutschen Bundes war.

Auch für die Gegenwart macht die Abgrenzung Schwierigkeiten, wel viele Österreicher als Sudetendeutsche und während des WK 2 als deutsche Reichsangehörige geboren wurden. Noch rd. 10 Jahre nach Kriegsende anerkannte die BRD die deutsche Staatsangehörigkeit dieser Österreicher!

Die Frage der Staatsangehörigkeit von Mozart und Beethoven ist rasch beantwortet: Mozart (dessen Vater aus Augsburg stammt) und Beethoven (der aus Bonn am Rhein stammt) waren so wie ihre österreichischen Zeitgenossen Deutsche.

Das von Prof. Scholz angeschnittene Problem läßt sich daher leicht lösen: Österreich und Deutschland haben ein gemeinsames deutsches kulturelles Erbe!

Übrigens hat unser großer Bildhauer Alfred Hrdlicka (bekanntlich ein bekennender Stalinist!) wiederholt vor seinem Tod erklärt, er fühle eher großdeutsch! 'Vielleicht könnte sich Prof. Scholz an ihm ein Vorbild nehmen?

Antworten Dagobert
31.01.2012 10:55
0 0

Re: Der Versuch, im 19. Jh. die Österreicher von den Deutschen

Es gibt Österreicher

Es gibt Halbösterreicher (die Bayern)

und es gibt den Rest :-)

Aber grundsätzliche sehe ich ebenfalls das gemeinsame kulturelle Erbe.

Antworten Antworten Gast: Österreicher
01.02.2012 01:45
1 0

Re: Re: Der Versuch, im 19. Jh. die Österreicher von den Deutschen

Ich habe das Glück, daß meine Vorfahren nicht bei den Nazis "angestreift" sind. Daher ist mein Verhältnis zum deutschen Brudervolk entspannt!
Verrenkungen wie sie Prof. Scholz in seinem Artikel vollführt, habe ich daher nicht notwendig. Sehr oft habe ich den Verdacht, daß viele Österreich deshalb eine stramm antideutsche Haltung einnehmen, weil´sie eine NS-Familliengeschichte zu verbergen habe.


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