Seit Jahren kaufe ich Literatur über Venedig, so jüngst das gute Buch von Klaus Bergdolt „Deutsche in Venedig“. Mich interessierten die Venedig-Aufenthalte von Dürer, Goethe, Wagner, Thomas Mann und unzähliger anderer deutscher Besucher der Stadt. Wie immer bei Fachbüchern blättere ich gerne von hinten nach vorne: Quellenverzeichnis, Literaturangaben, Namensregister. Der Schluss eines Buches kann aufschlussreicher sein als das Vorwort.
So auch bei den „Deutschen in Venedig“: Man findet zahllose bekannte Namen – Peter Altenberg genauso wie Alban Berg, Sigmund Freud, Franz Grillparzer, Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus oder Anton Wildgans und Stefan Zweig. Deutsche allesamt?
Weil mich interessierte, wen aller der Autor, ein ehemaliger Direktor des Deutschen Studienzentrums in Venedig, als „Deutschen“ definiert, blätterte ich nach vorne. Dort fand ich eine Erklärung. Als „Deutsche“ gelten „alle deutschsprachigen Bewohner der Länder des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation“, und zwar „in alteuropäischer Tradition“. Als ich das Buch weglegte sah ich, dass dem Verlag bei der Titelwahl doch etwas unwohl gewesen ist: Auf der Rückseite lautet der Buchtitel nämlich „Die Tedeschi in Venedig“. „Die Deutschen“ waren verschwunden. Das riecht nach schlechtem Gewissen. Immerhin.
Nun gestehe ich, dass mir die Anmaßung, Künstler für die eigene Nation zu reklamieren, nie gefallen hat. Künstler sind Individualisten, und bis heute hat mir niemand erklären können, ob Mozart ein Österreicher war oder ein Salzburger und wie fürsterzbischöflich er sich nach dem Fußtritt des Grafen Arco noch gefühlt hat.
Es hat den Beigeschmack des Provinziellen, bei jeder Gelegenheit das „gute Österreichische“ hervorzukehren. Der „österreichische Mensch“ war eine Leidenschaft politischer Bestrebungen, die mir fremd sind: der Monarchisten (Maria Theresia gegen Friedrich „den Großen“), des politischen Katholizismus (gegen die Lutherischen) oder des kommunistischen Staatssekretärs Ernst Fischer, der 1945 die Österreicher als Opfer von den bösen Deutschen abgrenzen wollte.
Künstler gehören selten einem Land allein. Karl Kraus, Schnitzler, Musil und andere bewegten sich in Berlin so selbstverständlich wie in Wien. Ärgerlich aber wird es, wenn das deutsche Feuilleton monoton die Behauptung wiederkäut, die Österreicher sähen in Beethoven einen Wiener und machten aus Hitler einen Deutschen. Umgekehrt ist es: Bundesdeutsche Verlage machen aus Hofmannsthal oder Kokoschka Deutsche.
Aber kehren wir vor der eigenen Tür. Solche Vereinnahmungen werden nur durch das Vakuum der eigenen Politik möglich: kaum Ausstellungsoffensiven; Verlage, die international nicht wahrgenommen werden; die Auslandskultur ausgehungert. Großvorhaben wie „Wien 1900“ oder der Neubau des Kulturinstituts in New York liegen Jahrzehnte zurück.
Heute sind Kulturpolitiker damit zufrieden, alle zwei Jahre bei der Biennale alte Bekannte zu treffen. Der Hoffmann-Pavillon stammt aus dem Jahr 1934 und ist 250 Kilometer von der Grenze entfernt. Das ist der Horizont unserer Kulturpolitik. Doch irgendwie sind wir wieder an der Lagune gelandet. Wir haben in Venedig zwar kein Studienzentrum wie die Deutschen, spüren dort aber noch viel Österreichisches. Oder ist das auch schon deutsch geworden?
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2012)















