Irgendwo in meinen Bücherregalen steht „Mein Kampf“. Es ist ein englischsprachiges Exemplar. Ich habe es bei Barnes and Noble auf der Fifth Avenue gekauft. Der Grund dafür war einfach: Mich interessierte, was darin über Henry Ford steht.
Tatsächlich wird dieser recht positiv erwähnt. Das kann kaum überraschen. Schließlich war der Automagnat Herausgeber einer antisemitischen Zeitung, und bis zum Nürnberger Prozess nannten Hauptkriegsverbrecher seine Publikationen als Inspirationsquelle. Trotz einer Entschuldigung Fords bei der amerikanischen jüdischen Gemeinde wundert es mich, dass eine Automarke immer noch diesen Namen trägt.
Wenn die Erwähnung Fords in „Mein Kampf“ positiv ist, dann sind die Passagen über Schönerer und Lueger enthusiastisch. „Rein menschlich genommen ragen sie, einer wie der andere, weit über den Rahmen und das Ausmaß der sogenannten parlamentarischen Erscheinungen hinaus“, heißt es, und: „Im Sumpfe einer allgemeinen politischen Korruption blieb ihr ganzes Leben rein und unantastbar.“
Lueger hatte es dem jungen Hitler anscheinend besonders angetan: „Als der gewaltige Leichenzug den toten Bürgermeister vom Rathaus hinweg der Ringstraße zu fuhr, befand auch ich mich unter den vielen Hunderttausenden, die dem Trauerspiel zusahen.“ Und: „Hätte Dr. Karl Lueger in Deutschland gelebt, würde er in die Reihe der großen Köpfe unseres Volkes gestellt worden sein. Heute sehe ich in dem Manne mehr noch als früher den gewaltigsten deutschen Bürgermeister aller Zeiten.“ Nun kann sich Lueger gegen diese spätere Vereinnahmung nicht wehren. Noch dazu ist nicht alles, was Hitler 1924 schrieb, wörtlich zu nehmen.
„Mein Kampf“ ist keine Autobiografie, sondern die Kampfschrift eines aufstrebenden Politikers. Schon Brigitte Hamann hat präzise herausgearbeitet, dass der junge Hitler in Wien zwar den gängigen antisemitischen Klischees begegnete, seine entscheidende Wende zum Antisemiten aber erst nach den Wiener Jahren eingesetzt hat. Erst vor Kurzem hat der deutsche Historiker Ralf Georg Reuth dokumentiert, dass andere Erlebnisse, etwa die (als „Judenherrschaft“ denunzierte) Bayerische Räterepublik oder die Versailler Friedensbedingungen, entscheidend für Hitlers Weg zum Judenhasser waren.
So suggestiv die Schilderung seines Wiener Antisemitismus in „Mein Kampf“ sein mag, handelt es sich dabei aber doch eher um eine spätere Vertuschung seines keineswegs hasserfüllten Verhaltens gegenüber Juden in seiner Wiener Zeit.
Ist „Mein Kampf“ ein gefährliches Buch? Kaum. Kluge lesen es mit Abscheu, Unbelehrbare ziehen ihre Überzeugungen wohl aus anderen Quellen. Eines aber wäre bei einer Aufhebung des Verbots sicher: Eine Kränkung für alle, die Familienmitglieder in den Mordfabriken des „Dritten Reichs“ verloren haben. Für sie wäre die Legalisierung jener Propagandaschrift, die am Beginn einer millionenfachen Vernichtung stand, eine tiefe Beleidigung: Sie gilt es zu vermeiden.
Wenn man schon neugierig auf „Mein Kampf“ ist, kann man zur Lesung von Helmut Qualtinger greifen. Die ist als CD erschienen. Qualtinger ist der Einzige, der die wahnwitzigen Analogien, die grauenhafte Lächerlichkeit des Textes und seine mitunter peinliche Grammatik deutlich machen kann.
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Zum Autor:
Kurt Scholz war von 1992 bis 2001
Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit
Anfang des Jahres ist er Vorsitzender des Österreichischen Zukunftsfonds.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2012)















