25.05.2012 22:05 | Meine Presse Merkliste 0

Ist „Mein Kampf“ ein gefährliches Buch, das weiterhin verboten bleiben sollte?

KURT SCHOLZ (Die Presse)

Kaum. Kluge lesen Hitlers Kampfschrift mit Abscheu, Unbelehrbare ziehen ihre Überzeugungen wohl aus anderen Quellen. Aber es gilt, eine Kränkung der Familien der Opfer zu vermeiden.

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Irgendwo in meinen Bücherregalen steht „Mein Kampf“. Es ist ein englischsprachiges Exemplar. Ich habe es bei Barnes and Noble auf der Fifth Avenue gekauft. Der Grund dafür war einfach: Mich interessierte, was darin über Henry Ford steht.

Tatsächlich wird dieser recht positiv erwähnt. Das kann kaum überraschen. Schließlich war der Automagnat Herausgeber einer antisemitischen Zeitung, und bis zum Nürnberger Prozess nannten Hauptkriegsverbrecher seine Publikationen als Inspirationsquelle. Trotz einer Entschuldigung Fords bei der amerikanischen jüdischen Gemeinde wundert es mich, dass eine Automarke immer noch diesen Namen trägt.

Wenn die Erwähnung Fords in „Mein Kampf“ positiv ist, dann sind die Passagen über Schönerer und Lueger enthusiastisch. „Rein menschlich genommen ragen sie, einer wie der andere, weit über den Rahmen und das Ausmaß der sogenannten parlamentarischen Erscheinungen hinaus“, heißt es, und: „Im Sumpfe einer allgemeinen politischen Korruption blieb ihr ganzes Leben rein und unantastbar.“

Lueger hatte es dem jungen Hitler anscheinend besonders angetan: „Als der gewaltige Leichenzug den toten Bürgermeister vom Rathaus hinweg der Ringstraße zu fuhr, befand auch ich mich unter den vielen Hunderttausenden, die dem Trauerspiel zusahen.“ Und: „Hätte Dr. Karl Lueger in Deutschland gelebt, würde er in die Reihe der großen Köpfe unseres Volkes gestellt worden sein. Heute sehe ich in dem Manne mehr noch als früher den gewaltigsten deutschen Bürgermeister aller Zeiten.“ Nun kann sich Lueger gegen diese spätere Vereinnahmung nicht wehren. Noch dazu ist nicht alles, was Hitler 1924 schrieb, wörtlich zu nehmen.

„Mein Kampf“ ist keine Autobiografie, sondern die Kampfschrift eines aufstrebenden Politikers. Schon Brigitte Hamann hat präzise herausgearbeitet, dass der junge Hitler in Wien zwar den gängigen antisemitischen Klischees begegnete, seine entscheidende Wende zum Antisemiten aber erst nach den Wiener Jahren eingesetzt hat. Erst vor Kurzem hat der deutsche Historiker Ralf Georg Reuth dokumentiert, dass andere Erlebnisse, etwa die (als „Judenherrschaft“ denunzierte) Bayerische Räterepublik oder die Versailler Friedensbedingungen, entscheidend für Hitlers Weg zum Judenhasser waren.

So suggestiv die Schilderung seines Wiener Antisemitismus in „Mein Kampf“ sein mag, handelt es sich dabei aber doch eher um eine spätere Vertuschung seines keineswegs hasserfüllten Verhaltens gegenüber Juden in seiner Wiener Zeit.

Ist „Mein Kampf“ ein gefährliches Buch? Kaum. Kluge lesen es mit Abscheu, Unbelehrbare ziehen ihre Überzeugungen wohl aus anderen Quellen. Eines aber wäre bei einer Aufhebung des Verbots sicher: Eine Kränkung für alle, die Familienmitglieder in den Mordfabriken des „Dritten Reichs“ verloren haben. Für sie wäre die Legalisierung jener Propagandaschrift, die am Beginn einer millionenfachen Vernichtung stand, eine tiefe Beleidigung: Sie gilt es zu vermeiden.

Wenn man schon neugierig auf „Mein Kampf“ ist, kann man zur Lesung von Helmut Qualtinger greifen. Die ist als CD erschienen. Qualtinger ist der Einzige, der die wahnwitzigen Analogien, die grauenhafte Lächerlichkeit des Textes und seine mitunter peinliche Grammatik deutlich machen kann.


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Zum Autor:

Kurt Scholz war von 1992 bis 2001
Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit
Anfang des Jahres ist er Vorsitzender des Österreichischen Zukunftsfonds.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2012)

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9 Kommentare
Gast: pensionär
14.03.2012 15:56
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Cui bono

Ich schließe mich den Aussagen von Hannah Arendt über die Organe des Dritten Reichs an - pathologisch verkrüppelt und daher unzurechnungsfähig.
Mein g'scheiter Eisenbahner-Großvater hat diese Zeit fallweise als "Hausmeister-Imperium" (nichts gegen die Hausbesorger), wo alle jene, die einmal gerne aufgeignen wollten eine Uniform erhielten, damit sie es allen zeigen konnten, wie wichtig sie sind. Es waren auch viele Kleinbürger, Arbeiter, Kleinbauern, die Apparatschicks dabei, deren eigentlicher Kulturrahmen nicht über den Stammtisch hinausging. Na ja, und auch wie immer die Profiteure ...
Dahin entwickelt es sich auch heute wieder.

Gast: 6nh
16.02.2012 16:51
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Ich

hab das Kapital gelesen, vollständig. Da war ich 20. Ganz schön schwachsinnig, aber wenigstens nicht bösartig.
Zur Zeit les ich Mein Kampf. Wie einer der vorigen Kommentatoren schreibt, kann er nicht mehr als 7 Seiten auf einmal lesen. Ich schaff etwa 20, nicht mehr.
Ein furchtbarer Schwachsinn, noch dazu bösartig.
Man sollte beide Werke gelesen haben. Immerhin waren sie prägend für das 20. Jahrhundert.

Ich bitte jedoch um Verständnis, dass ich mir das Kommunistische Manifest nicht mehr reinziehe.
Irgendwann ist Schluss mit schwachsinnig.

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Das "Verbotene" hat schon immer am meisten gereizt!

Viele Filme wären schon an den Kinokassen fürchterlich abgestunken, wären sie nicht mit dem "Makel" eines "Skandals" versehen worden. Entweder von irgenwelchen Filmzensurbehörden oder von selbst ernannten Moralwächtern!

Mit "Mein Kampf" verhält es sich ganz ähnlich. In anderen Ländern; ganz besonders in jenen der Siegermächte, geht man mit dem Nationalsozialismus ganz erstaunlich locker um. In England beispielsweise wird mit Hitler als Konterfei für alle möglichen Produkte geworben! Und in den USA zählen die Rechtsradikalen mit ihren Aufmärschen in SA-Uniform und mit Hakenkreuzfahnen fast schon zur üblichen "Folklore"! Nur in Deutschland und Österreich schlägt halt der Wiederbetätigungs-Paragraph voll zu!

Manche vertreten die These, wonach Hitler und die NSDAP wohl kaum so mächtig geworden wären, hätten mehr Menschen noch rechtzeitig "Mein Kampf" gelesen und wären damit vor dem, was später tatsächlich kam, rechtzeitig gewarnt worden. Ich hingegen habe so meine Zweifel daran.

Denn: Welcher "normale Mensch" hätte das verschrobene Gefasel, das Hitlers ideologisches Programm gewesen ist, überhaupt ernst genommen? Ich höre ja schließlich auch nicht das, was ein besoffener Brantweiner vor sich hin brabbelt! Und wer hätte auch nur ahnen können, daß Hitler seine diabolischen Ankündigungen tatsächlich nach seiner Machtübernahme umsetzt? Nicht einmal alle Juden konnten oder wollten es glauben, als das Unheil bereits vor ihrer Haustür stand...


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Re: Das "Verbotene" hat schon immer am meisten gereizt!

Zur Ergänzung!

Im SAT 1- "stern tv" gab es dieser Woche einen hochinteressanten Beitrag eines Journalisten, der einige Jahre hindurch undercover rechtradikale Konzerte besuchte und heimlich mitfilmte, was dort abgegangen war. Gezeigt wurden Auftritte in Deutschland, Ungarn und Österreich, bei denen die Polizei auf einen kurzen Besuch vorbeikam, mit den Veranstaltern plauderte und dann offenbar wenig beunruhigt über das Gesehene und Gehörte wieder ging.

Dabei waren die zu hörenden Texte dieser braunen Hitparaden alles andere als "harmlos". Denn in ihnen wurden nicht nur wahre Haßorgien über jene ausgegossen, die nicht ins "arische Idealschema" passen; darüber hinaus waren sie sogar üppig angereichtert mit MORDAUFRUFEN gegen alle Linke, Ausländer und schlechtin jeden, welcher der "Reinheit" der deutsche Gesellschaft, die SIE meinen, entgegen steht! Die "Hauptfeinde" werden inzwischen im Internet mit Namen und Adresse aufgelistet, damit sie jeder, der an ihrem Tod interessiert ist, sie garantiert schnell findet!

Aber was macht der deutsche "Verfassungsschutz"? Praktisch gar nix! Oder, doch: Er observiert inzwischen vermehrt Abgeordnete der Partei "Die Linken". Die hält er offenbar für weit gefährlicher als alle rechten Radaubrüder zusammen...

Immerhin muß man der offiziellen BRD bescheinigen, daß es ihr noch immer glänzend gelingt, sich als immerwährendes "Bollwerk gegen Rechts" zu präsentierten. Aber wer´s glaubt, wird selig...

Alacran
14.02.2012 15:07
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"Meinen" Kampf......

... hab´ ich in Madrid am Flohmarkt erstanden.
Dieses Buch sollte besser "Mein Krampf" heissen.
Es ist ein weinerliches Konvolut aus Selbstmitleid und Judenhass. Mehr als sieben Seiten auf einmal konnte ich nie lesen.
Warum dieser Schmarrn verboten ist, werde ich nie ergruenden.
Jedenfalls waere es gescheiter gewesen, ich haette mir damals in Madrid um das Geld ein gutes Vierterl gekauft.........

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Bewusst kritisches Lernen aus der Geschichte

Gegenwart ist Geschichte und Zukunft. Das gegenwärtige Empfinden, Denken und Handeln, wirkt in die Zukunft und gründet auf Wirkungen aus der Vergangenheit. Für das Lernen aus der Geschichte gibt drei Möglichkeiten: 1. es unversehens, unbedacht, schier unbewusst in Abhängigkeit oder Gegenabhängigkeit zu tun, 2. Gewesenes absichtlich fortzusetzen oder 3. in unverkürzt kritischer Auseinandersetzung Wertvolles zu bestärken und Zukunftsweisendes und Zukunftstaugliches zu schaffen suchen.

Hitlers „Mein Kampf“ ist ein wesentliches zeitgeschichtliches Dokument zur Beantwortung der entscheidenden Frage: Wie war es möglich, dass trotz den durch dieses Buch bekannten Primitivitäten bis zu zahlreichen Ungeheuerlichkeiten dieser Mann mit seiner „Bewegung“ zur Macht kommen und sie so lange verderblich ausüben konnte? Und dies kraft nationaler und internationaler Faktoren!

In der „Auseinandersetzung der heranwachsenden Generation mit der überkommenen Kultur“ (© R. Meister) sind Auslassungen zwangsläufig hinderlich. Der Hinweis auf Qualtingers Darbietung ist gewiss wichtig. Aber das wird nicht ausreichen. Speziell nicht, wenn die Urheberrechte demnächst auslaufen.

Damals galt wie heute: Wehret den Anfängen! Wie das damals verabsäumt wurde, müsste heute zum unverkürzten Lernen anstehen. Hitlers frühe Darlegung seiner verbrecherischen Absichten ist keine „tiefe Beleidigung“ der Geschundenen, sondern ein Nachweis für die von langer Hand geplanten Ungeheuerlichkeiten.

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Dass ein Auto noch Ford heisst...

... Ist weniger wichtig oder dramatisch als dass ein Platz Luegerplatz heißt

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Re: Dass ein Auto noch Ford heisst...

Oder eine Wohnhausanlage Karl-Marx-Hof.

Hirschmugl
14.02.2012 10:06
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Beim Lesen ...

dieses Buches kommt einem das Kotzen.

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