Kalavryta war in den 1920er- und 1930er-Jahren eine beliebte Sommerfrische. Eine pittoreske Schmalspurbahn führte wohlhabende Familien aus dem heißen Patras oder Athen auf 700 m Seehöhe. Die Bilder im kleinen Ortsmuseum zeigen glückliche Menschen.
1821 hatte hier der Metropolit von Patras die Fahne der griechischen Befreiungskämpfer gegen die Türken gesegnet. Einer der beiden griechischen Nationalfeiertage, der am 25. März, hat darin seinen Ursprung. Heute nennt man Kalavryta meist in einem anderen Zusammenhang: dem von Lidice, Oradour und Marzabotto. Auch Kalavryta im Norden des Peloponnes ist ein Schreckensort.
Griechenland wurde 1941, nach dem Scheitern von Mussolinis „Blitzkrieg“, von deutschen Truppen erobert. Die Folgen für die Zivilbevölkerung waren katastrophal: Allein in den Wintern 1941/42 und 1942/43 verhungerten in Athen an die 100.000 Menschen, die Säuglingssterblichkeit betrug bis zu 80 Prozent, acht von zehn griechischen Juden wurden ermordet.
Nach der Niederlage von Stalingrad nahm die Partisanentätigkeit zu. Die Besatzungstruppen am Peloponnes, unter ihnen überproportional viele „Ostmärker“, wurden Ziel vermehrter Angriffe. Die Rache dafür bekamen Unbeteiligte zu spüren.
Dass die Partisanen Repressalien gegen die Zivilbevölkerung und Geiselerschießungen einkalkulierten, ist ein trauriges Kapitel. So auch in Kalavryta. Hier hatten kommunistische Widerstandskämpfer im Oktober 1943 etwa 80 deutsche Soldaten gefangen genommen und nach 50 Tagen Gefangenschaft ermordet. Da ein Teil der Partisanen aus Kalavryta stammte, wurde die ganze Gegend rund um den Ort Schauplatz von „Sühnemaßnahmen“. Über 20 Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht und in Befolgung eines Führerbefehls fast 800 Geiseln ermordet.
Wie sie sterben mussten, entzieht sich einer zumutbaren Beschreibung. Nur eines: Die Opfer waren meist unbeteiligte Zivilisten, die zum Teil noch versucht hatten, die Partisanen von ihren Anschlägen abzubringen.
Während Unschuldige als Geiseln erschossen wurden, waren die Widerstandskämpfer, meist junge Männer, längst in die Berge geflüchtet. Die Frauen von Kalavryta, die die Wehrmacht im Schulhaus zu verbrennen versucht hatte, waren allein, als sie ihre ermordeten Kinder und Männer von der Hinrichtungsstätte in den Ort schleppten und begruben.
Fünfzehn Jahre nach Kriegsende wurden zwischen der griechischen und bundesdeutschen Regierung „Abschlagszahlungen“ vereinbart. Jede Familie erhielt pro Totem etwa das Jahresgehalt eines griechischen Gymnasiallehrers, bei mehreren Opfern maximal zwei. Nur ein Teil des Geldes kam tatsächlich im Ort an.
Die Kriegsverbrecher von Kalavryta standen nach 1945 vor alliierten Richtern. Die meisten wurden verurteilt, jedoch schon 1951 unter Druck der Regierung Adenauer, der Kirchen und nicht zuletzt der USA begnadigt.
Bei der Gedenkstätte oberhalb von Kalavryta kann man „OXI ΠIA ΠOΛEMOI“ (Nie wieder Krieg) und „ΕΙΡΗΝΗ“ (Frieden) lesen. Schön wär's. In einem Roman von Nikos Kazantzakis finde ich: „Auf dieser Erde musst du entweder Lamm sein oder Wolf. Bist du Lamm, so wirst du aufgefressen; bist du Wolf, so frisst du. Mein Gott, gibt es denn kein drittes Wesen, das stärker und besser ist?“
Reaktionen senden Sie bitte direkt an: debatte@diepresse.com
Zum Autor:
Kurt Scholz war von 1992 bis 2001
Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit
Anfang des Jahres ist er Vorsitzender des Österreichischen Zukunftsfonds.
Derzeit bereist er den Peloponnes.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2012)















