24.05.2013 08:40 Merkliste 0

Wölfe und Schafe, Täter und Opfer: Ein Schulhaus erzählt seine Geschichte

KURT SCHOLZ (Die Presse)

Die griechische Gastfreundschaft ist ungebrochen. In Kalavryta auf dem Peloponnes jedoch begegnet man bitteren Erinnerungen. Dort wütete im Herbst 1943 die Wehrmacht im Kampf gegen Partisanen.

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Kalavryta war in den 1920er- und 1930er-Jahren eine beliebte Sommerfrische. Eine pittoreske Schmalspurbahn führte wohlhabende Familien aus dem heißen Patras oder Athen auf 700 m Seehöhe. Die Bilder im kleinen Ortsmuseum zeigen glückliche Menschen.

1821 hatte hier der Metropolit von Patras die Fahne der griechischen Befreiungskämpfer gegen die Türken gesegnet. Einer der beiden griechischen Nationalfeiertage, der am 25. März, hat darin seinen Ursprung. Heute nennt man Kalavryta meist in einem anderen Zusammenhang: dem von Lidice, Oradour und Marzabotto. Auch Kalavryta im Norden des Peloponnes ist ein Schreckensort.

Griechenland wurde 1941, nach dem Scheitern von Mussolinis „Blitzkrieg“, von deutschen Truppen erobert. Die Folgen für die Zivilbevölkerung waren katastrophal: Allein in den Wintern 1941/42 und 1942/43 verhungerten in Athen an die 100.000 Menschen, die Säuglingssterblichkeit betrug bis zu 80 Prozent, acht von zehn griechischen Juden wurden ermordet.

Nach der Niederlage von Stalingrad nahm die Partisanentätigkeit zu. Die Besatzungstruppen am Peloponnes, unter ihnen überproportional viele „Ostmärker“, wurden Ziel vermehrter Angriffe. Die Rache dafür bekamen Unbeteiligte zu spüren.

Dass die Partisanen Repressalien gegen die Zivilbevölkerung und Geiselerschießungen einkalkulierten, ist ein trauriges Kapitel. So auch in Kalavryta. Hier hatten kommunistische Widerstandskämpfer im Oktober 1943 etwa 80 deutsche Soldaten gefangen genommen und nach 50 Tagen Gefangenschaft ermordet. Da ein Teil der Partisanen aus Kalavryta stammte, wurde die ganze Gegend rund um den Ort Schauplatz von „Sühnemaßnahmen“. Über 20 Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht und in Befolgung eines Führerbefehls fast 800 Geiseln ermordet.

Wie sie sterben mussten, entzieht sich einer zumutbaren Beschreibung. Nur eines: Die Opfer waren meist unbeteiligte Zivilisten, die zum Teil noch versucht hatten, die Partisanen von ihren Anschlägen abzubringen.

Während Unschuldige als Geiseln erschossen wurden, waren die Widerstandskämpfer, meist junge Männer, längst in die Berge geflüchtet. Die Frauen von Kalavryta, die die Wehrmacht im Schulhaus zu verbrennen versucht hatte, waren allein, als sie ihre ermordeten Kinder und Männer von der Hinrichtungsstätte in den Ort schleppten und begruben.

Fünfzehn Jahre nach Kriegsende wurden zwischen der griechischen und bundesdeutschen Regierung „Abschlagszahlungen“ vereinbart. Jede Familie erhielt pro Totem etwa das Jahresgehalt eines griechischen Gymnasiallehrers, bei mehreren Opfern maximal zwei. Nur ein Teil des Geldes kam tatsächlich im Ort an.

Die Kriegsverbrecher von Kalavryta standen nach 1945 vor alliierten Richtern. Die meisten wurden verurteilt, jedoch schon 1951 unter Druck der Regierung Adenauer, der Kirchen und nicht zuletzt der USA begnadigt.

Bei der Gedenkstätte oberhalb von Kalavryta kann man „OXI ΠIA ΠOΛEMOI“ (Nie wieder Krieg) und „ΕΙΡΗΝΗ“ (Frieden) lesen. Schön wär's. In einem Roman von Nikos Kazantzakis finde ich: „Auf dieser Erde musst du entweder Lamm sein oder Wolf. Bist du Lamm, so wirst du aufgefressen; bist du Wolf, so frisst du. Mein Gott, gibt es denn kein drittes Wesen, das stärker und besser ist?“


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Zum Autor:

Kurt Scholz war von 1992 bis 2001
Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit
Anfang des Jahres ist er Vorsitzender des Österreichischen Zukunftsfonds.

Derzeit bereist er den Peloponnes.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2012)

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5 Kommentare

Herr Scholz erzählt die Geschichte nicht vollständig:

Als ich in Kalavrita war, begrüßte man mich als Österreicherin freundlichst und erzählte mir, dass ein österreichischer Soldat eine Türe der brennenden Kirche geöffnet habe und ein Großteil der darin Eingeschlossenen entkommen konnte.
Warum erzählt das Herr Scholz nicht ?

Die Griechen haben es wirklich nicht leicht!

Zuerst litten sie jahrelang unter der brutalen Besetzung durch die Hitler-Armee; dann wurden das Festland und vor allem die Inseln von deutschen und "ostmärkischen" Touristen überschwemmt; und den letzten Rest geben den Hellenen die immer größeren Hilfpakete und "Rettungsschirme"; verbunden mit harten Sparmaßnahmen, den den Menschen den letzten Euro aus der Tasche ziehen, um wenigstens die Banken zu "retten".

Der Hinweis auf die Begnadigung von echten Kriegsverbrechern auf Druck der Adenauer-Regierung, der Kirchen und den USA ist leider ein besonders schlimmer Fakt; wenn auch der geostrategischen Neuordnung der Welt in der Zeit des Kalten Krieges zugeordnet! Die Angst vor einer Machübernahme Griechenlands durch die Kommunisten war nämlich durchaus real! Und in der Stunde der Not hat man sich dann eben mit den Feinden von gestern gegen die Feinde von heute verbündet; weil man sie brauchte!

Auf ZDF-History gab es gestern in der Nacht einen Beitrag zum Thema "Eichmann". Darin wurde auch penibel aufgezählt, wie durchdrungen von teils hoch "belasteten" Nazis damals die staatlichen Einrichtungen in der BRD gewesen sind. Ein besonders schlimmer Finger dabei war auch Adenauers Kabinettchef; also seine "rechte Hand". Aber auch Justiz, Polizei und den Staat "schützende" Geheimdienste waren ziemlich fest in "brauner" Hand.

Aber auch heute erfreuen sich die Neonazis oft erstaunlicher Milde seitens des demokratischen Staates und seiner offiziellen Einrichtungen. Warum ist das so?

Antworten Gast: Luzifer
07.05.2012 22:53
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Re: Die Griechen haben es wirklich nicht leicht!

Wie Sie schon richtig sagten: man hat sie einfach gebraucht. Ein großer Teil der Westdeutschen wollte ohnehin nicht mitmachen und neutral bleiben. Aber in den ersten 4 Jahren nach dem Krieg übten eben die westlichen Besatzungsmächte in W-Dtl. die Regierungsgewalt aus. Die sind also für den Verbleib der NS-Belasteten im Staatsdient verantwortlich zu machen!

Re: Re: Die Griechen haben es wirklich nicht leicht!

Historisch betrachtet ist es im Grunde immer dasselbe: Der Übergang von einer Demokratie in eine Diktatur verläuft in der Regel völlig anders umgekehrt!

Während im ersten Fall von einem Tag auf den anderen die staatserhaltenden Einrichtungen (Ministerien, Ämter, Behörden, Justiz, Exekutive usw.) mit Vertretern der "neuen Ordnung" besetzt werden, zieht sich der Rattenschwanz der personellen "Altlasten" im umgekehrten Fall oft viele Jahre dahin! Vor allem deshalb, weil in jeder Art und Weise gescheiterte Militärjuntas, wie in Lateinamerika, Spanien, Portugal und Griechenland, mit der Vorbedingung zurück treten, daß es für alles, was während ihrer eigenen Herrschaft geschah, eine umfassende GENERLAMNESTIE geben MÜSSE! Und diese Bedingung wird auch meist eingehalten; erst viele Jahre später traut man sich darüber, diese "dunkle Zeit" historisch aufzuarbeiten. Aber selbst die ärgsten Menschenschinder und Massenmörder bleiben dabei meistens ungeschoren...

Aufrechten, braven Demokraten war es unter der Herrschaft von Obristen und Generälen schlimmer ergangen. Da wurde verhaftet, gefoltert, angeklagt und umgebracht. Und wer es dennoch überlebte mußte froh sein, nicht auch noch nachher irgendwie als "Verräter" abgestempelt zu bleiben.

Antworten Antworten Antworten Gast: Luzifer
09.05.2012 01:34
0 0

Re: Re: Re: Die Griechen haben es wirklich nicht leicht!

Das in Vichy- u. De Gaulle-Anhänger tief gespaltene Frankreich hatte nach 1945 die gleichen Probleme. Schon wegen der knappen personellen Resourcen entschied er sich in Frankreich (anders als in den besiegten Ländern) für eine großzügige Amnestie und gewann durch die Dankbarkeit der Amnestierten zusätzliche Anhänger (die ihm im Kampf gegen den Kommunismus gut anstanden)! Politik ist auch im inländischen Bereich die Kunst des Möglichen!

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