Nun, da die Tage der Schlusskonferenzen und der Zeugnisverteilung nahen, kann man auch ein Jahr Schulpolitik bilanzieren. Die letzten zwölf Monate waren beherrscht von Strukturdebatten. Als ernüchterndes Ergebnis bleibt die Trennung der 10- bis 14-Jährigen in zwei Schularten aufrecht. Auch die Reform des Lehrerdienstrechts verheißt wenig Gutes. Mit Ach und Weh einigte sich die Regierung auf eine gemeinsame Verhandlungsposition, sie dient als Ausgangspunkt für weitere Kompromisse mit der Lehrergewerkschaft.
Über all den Organisationsdebatten trat aber ein anderer Bereich völlig in den Hintergrund: Jener der Erziehung. Wie sehr Eltern hier Informationen suchen, beweist die Flut populärwissenschaftlicher Beratungsliteratur. In der österreichischen Bildungspolitik jedoch herrscht Sprachlosigkeit. Dieses Schweigen ist Mitschuld, dass sich die Lehrerschaft in ihrem Berufsalltag im Stich gelassen fühlt.
Früher hatten Erziehungsreformer keine Scheu, die Dinge beim Namen zu nennen. August Aichhorn etwa, einst Leiter der Wiener Erziehungsstellen und Lehranalytiker. Seine praktischen Erfahrungen mit Kindern und Eltern hielt er so fest:
„Es gibt also im allgemeinen zwei Erziehungsverfahren. Das eine arbeitet mit Liebesprämien, das zweite mit Strafandrohung. Wenn wir nicht absichtlich Tatsachen übersehen wollen, müssen wir zugeben, dass auf beiden Wegen Erfolge erzielt werden. Ebenso richtig bleibt aber auch, dass beide zu Misserfolgen führen können.“ Aichhorn kämpfte für eine gewaltlose Erziehung. Aber auch im schrankenlosen Nachgeben sah er eine Gefahr: „Übersehen wir nicht“, mahnte er, „dass die Liebesprämie nur als Belohnung für einen Verzicht gegeben werden darf. Gewährt sie der Erzieher, ohne eine Gegenleistung zu verlangen, so besteht für das Kind keine Notwendigkeit, sich anzustrengen.“
Und weiter: „Das Kind wird körperlich heranreifen und dabei der Herrschaft des Lustprinzips in einer Weise unterworfen bleiben, die einer viel früheren, kindlicheren Entwicklungsstufe entspricht.“
Aichhorn konstatiert auch den „Typus ,Verwahrloster aus zu viel Liebe‘“. Er „ist im bürgerlichen Milieu unverhältnismäßig oft die Quelle uneingestandener Sorgen und Verzweiflung. Da Eltern alles tun, um dem Liebling drohendes Unbehagen abzuwehren, vermögen sie ihm schon gar nicht Versagungen aufzuerlegen, die zu den notwendigen Triebeinschränkungen führen. Voll geschäftiger Sorge sind sie ununterbrochen um sein Wohlergehen bemüht und nicht imstande, von ihm Lustaufschub oder Lustverzicht zu verlangen.“
Und Aichhorn weiter: „Launen des Kindes werden mit nie endender Geduld ertragen, Unarten als Ausdruck besonderer Individualität gewertet und bewundert, Einwände dagegen schmerzhaft als persönliche Kränkung empfunden.“
Aichhorns Resümee ist klar: „Es ist durchaus nicht richtig, dass Erziehen ein Gewährenlassen bedeutet.“ Der Mut, Unpopuläres zu sagen, hat die Tiefenpsychologen und Erzieher früherer Jahre zu Legenden gemacht. Von der Bildungspolitik des zu Ende gehenden Schuljahres wird man das nur schwer behaupten können.
(August Aichhorns Klassiker „Verwahrloste Jugend“ (1924), hier gekürzt zitiert, kann mit „Calibre“ kostenlos auf Kindle heruntergeladen werden.)
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Zum Autor:
Kurt Scholz war von 1992 bis 2001 Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit2011 ist erVorsitzender des Österreichischen Zukunftsfonds.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2012)















