Frederick Winslow Taylor war ein umtriebiger Mann. Von der idealen Schaufelgröße bis zur Dauer der Gebissreinigung vermaß er alles. Kein Technokrat hat die Arbeitswelt der letzten 100 Jahre mehr verändert als „Speedy Fred“. Seine Ideen beflügelten die Fließbandproduktion von Autos, selbst für den Film stand er Pate: Unvergesslich die Fabrikszene von „Modern Times“, die monotone Arbeit am Fließband, jeder Handgriff überwacht vom Fabrikbesitzer. Hinreißend die „taylorisierte“ Mahlzeit: Chaplin am Essensapparat – das ist kein Klamauk, sondern die geniale Kritik am Zugriff des Managements auf die letzten Reste an Privatheit. Taylorisierte Arbeitsformen eroberten nach und nach die gesamte industrielle Arbeitswelt. Die exakte Fixierung verbindlicher Ziele und Leistungen, eine detaillierte Vorgabe von Arbeitsschritten und die externe Qualitätskontrolle sind heute feste Bestandteile des „Scientific Management“.
Frederick W. Taylor, ein Kind mit neurotischen Zügen, amerikanischer Tennischampion, Ingenieur, Erfolgsautor, Unternehmensberater und Herold des Fortschritts, stand am Anfang dieser Entwicklung.
Nicht überall wurden seine Ideen gleich verwirklicht. Die Schule etwa entzog sich diesen lange. In ihr wirkten andere Zielvorstellungen, etwa jene, die wir noch im Zielparagrafen des österreichischen Schulwesens finden: Zum „Wahren, Guten und Schönen“ solle erzogen werden – eine Idealvorstellung, die freilich in der Schulrealität verblasste. Dennoch bedeutet die Suche nach dem Wahren, Guten und Schönen keine generelle Absage an das Testen und Vergleichen.
Das kann in Einzelfällen sinnvoll sein, etwa beim Dokumentieren von – meist ohnehin längst bekannten – Problemzonen oder für jene hoffentlich selten gewordenen Fälle, in denen sich Schüler ungerecht beurteilt fühlen und ihr Wissen durch einen externen Test nachweisen möchten.
Eines jedoch haben staatliche Testreihen nicht bewirkt: eine generelle Verbesserung des Bildungssystems. Im Gegenteil. Gerade in den USA werden die kritischen Stimmen immer lauter.
Zentrale Testvorgaben hätten zu einer „Drill-für-den-Test-Schule“ geführt, in der sich „die Kinder Woche um Woche ausschließlich der Vorbereitung auf standardisierte Tests widmen müssen“. Der Unterricht sei „zu einer freudlosen Veranstaltung verkommen“, bei dem „ein ödes Testregime herrscht, das zu einem demoralisierenden Prozess für Kinder, Eltern und Lehrer geführt“ habe, so die vielfach ausgezeichnete Erziehungswissenschaftlerin Diane Ravitch, in der „New York Review of Books“ vom 7. Juni.
Standardisierte Tests reduzieren die Handlungsspielräume der Schulen, fördern repetitive Vorbereitungsarbeiten und bewirken eine Wissens- und Entscheidungsenteignung durch ein zentrales Management. Das, was gute Schulen ausmacht – Empathie, Einfallsreichtum, Fantasie, Kreativität, kritisches Denken, Hilfsbereitschaft – ist in der Logik nationaler Testreihen nicht enthalten. Damit verfehlen sie genau das, was unsere Gesellschaft so dringend benötigt.
Doch zurück zu unserer Hauptperson: In seiner „U.S.A. Trilogie“ beschreibt John Dos Passos das Ende Frederick Taylors. Er stirbt mit der Stoppuhr in der Hand – eine Symbolik, die man Bildungsinteressierten nicht weiter erläutern muss.
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Zum Autor:
Kurt Scholz war
von 1992 bis 2001
Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien.
Seit 2011 ist er
Vorsitzender des Österreichischen Zukunftsfonds.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2012)















