23.05.2013 11:24 Merkliste 0

Tatsachenforschung. Ein Wundermittel und seine unerwünschten Nebeneffekte

KURT SCHOLZ (Die Presse)

Der Glaube, dass zentrale Standards die Schulqualität heben, ist unerschütterlich. Es handelt sich aber um eine Illusion. Standardisierte Tests verfehlen genau das, was unsere Gesellschaft dringend benötigt.

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Frederick Winslow Taylor war ein umtriebiger Mann. Von der idealen Schaufelgröße bis zur Dauer der Gebissreinigung vermaß er alles. Kein Technokrat hat die Arbeitswelt der letzten 100 Jahre mehr verändert als „Speedy Fred“. Seine Ideen beflügelten die Fließbandproduktion von Autos, selbst für den Film stand er Pate: Unvergesslich die Fabrikszene von „Modern Times“, die monotone Arbeit am Fließband, jeder Handgriff überwacht vom Fabrikbesitzer. Hinreißend die „taylorisierte“ Mahlzeit: Chaplin am Essensapparat – das ist kein Klamauk, sondern die geniale Kritik am Zugriff des Managements auf die letzten Reste an Privatheit. Taylorisierte Arbeitsformen eroberten nach und nach die gesamte industrielle Arbeitswelt. Die exakte Fixierung verbindlicher Ziele und Leistungen, eine detaillierte Vorgabe von Arbeitsschritten und die externe Qualitätskontrolle sind heute feste Bestandteile des „Scientific Management“.

Frederick W. Taylor, ein Kind mit neurotischen Zügen, amerikanischer Tennischampion, Ingenieur, Erfolgsautor, Unternehmensberater und Herold des Fortschritts, stand am Anfang dieser Entwicklung.

Nicht überall wurden seine Ideen gleich verwirklicht. Die Schule etwa entzog sich diesen lange. In ihr wirkten andere Zielvorstellungen, etwa jene, die wir noch im Zielparagrafen des österreichischen Schulwesens finden: Zum „Wahren, Guten und Schönen“ solle erzogen werden – eine Idealvorstellung, die freilich in der Schulrealität verblasste. Dennoch bedeutet die Suche nach dem Wahren, Guten und Schönen keine generelle Absage an das Testen und Vergleichen.

Das kann in Einzelfällen sinnvoll sein, etwa beim Dokumentieren von – meist ohnehin längst bekannten – Problemzonen oder für jene hoffentlich selten gewordenen Fälle, in denen sich Schüler ungerecht beurteilt fühlen und ihr Wissen durch einen externen Test nachweisen möchten.

Eines jedoch haben staatliche Testreihen nicht bewirkt: eine generelle Verbesserung des Bildungssystems. Im Gegenteil. Gerade in den USA werden die kritischen Stimmen immer lauter.

Zentrale Testvorgaben hätten zu einer „Drill-für-den-Test-Schule“ geführt, in der sich „die Kinder Woche um Woche ausschließlich der Vorbereitung auf standardisierte Tests widmen müssen“. Der Unterricht sei „zu einer freudlosen Veranstaltung verkommen“, bei dem „ein ödes Testregime herrscht, das zu einem demoralisierenden Prozess für Kinder, Eltern und Lehrer geführt“ habe, so die vielfach ausgezeichnete Erziehungswissenschaftlerin Diane Ravitch, in der „New York Review of Books“ vom 7. Juni.

Standardisierte Tests reduzieren die Handlungsspielräume der Schulen, fördern repetitive Vorbereitungsarbeiten und bewirken eine Wissens- und Entscheidungsenteignung durch ein zentrales Management. Das, was gute Schulen ausmacht – Empathie, Einfallsreichtum, Fantasie, Kreativität, kritisches Denken, Hilfsbereitschaft – ist in der Logik nationaler Testreihen nicht enthalten. Damit verfehlen sie genau das, was unsere Gesellschaft so dringend benötigt.

Doch zurück zu unserer Hauptperson: In seiner „U.S.A. Trilogie“ beschreibt John Dos Passos das Ende Frederick Taylors. Er stirbt mit der Stoppuhr in der Hand – eine Symbolik, die man Bildungsinteressierten nicht weiter erläutern muss.


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Zum Autor:

Kurt Scholz war

von 1992 bis 2001
Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien.

Seit 2011 ist er

Vorsitzender des Österreichischen Zukunftsfonds.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2012)

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8 Kommentare
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Gratulation

hervorragend, vermutlich dringt dieser Artikel jedoch weder bis zum Bifie noch bis zum Ministerium

...in der sich „die Kinder Woche um Woche ausschließlich der Vorbereitung auf standardisierte Tests widmen müssen“

was für ein realitätsverlust!

ist es etwa vernünftiger, wenn sich die Kinder Woche um Woche ausschließlich der Vorbereitung auf VOM LEHRER ZUSAMMENGESTELLTE TESTS widmen müssen?

übrigens: taylor hatte einen weithin unbekannten bruder. dieser sorgte mit seinem maßband und anderen mitteln dafür, dass die produzierten waren und dienstleistungen VERGLEICHBAR waren und in einer 100 gramm packung auch tatsächlich 100 gramm drinnen sind.
aber vielleicht ist es ja im sinne der förderung des „Wahren, Guten und Schönen“ besser, wenn ein lehrer definiert, wie schwer 100 gramm tatsächlich sind....

Qualitäten und/oder Qualifikationen


Mit dem Tod unseres Marian Heitger stand zu befürchten, dass mit ihm eine der letzten pädagogisch kundigen Stimmen unwiederbringlich verloren ist. Nun dürfen wir jedoch unserem Kurt Scholz sehr danken, dass er es übernommen hat aufzuzeigen, mit welchen Folgen der Lerntaylorismus um sich greift.

Mit den schulischen Fließbandrationalisierungen werden in der Tat – in den Zielen und Methoden – zentral gesteuerte Uniformierungen, Stückelungen, Verkürzungen, Gegenwartsfixierungen und radikale Verzweckungen ins Werk gesetzt.

Von der Bildung persönlich tragender Qualitäten, die in Begegnungen und Auseinandersetzungen mit Lerninhalten, Lernquellen und Lehrpersonen zu erzielen sind, bleiben nur noch Nebeneffekte übrig. Die Bildung wird durch Ausbildungen möglichst unmittelbar nützlicher Qualifikationen ersetzt. Und zwar von den Kompetenzvorgaben bis zur Testhörigkeit der Überprüfungen. Was gerne als „Bildungsreform“ bezeichnet wird, hat mit Bildung tatsächlich wenig bis nichts zu schaffen.

Es darf jedenfalls nicht unbedacht bleiben, welche Freiheiten von und Freiheiten zu ein zulängliches Bildungsgeschehen mit eingebundenen Ausbildungen braucht. Nicht zuletzt dazu, dass unserer Jugend die Zukunft in ihrer persönlichen Lebensführung wie im gemeinschaftlichen „Miterleben, Mitgestalten und Mitverantworten“ offen stehe.

Wie wahr!

Der "Taylerismus" sollte -zumindest- in der Bildungspolitik nichts zu suchen haben.....

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großartiger Artikel


Antworten Gast: Christian Sitte
19.06.2012 08:57
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Re: großartiger Artikel

Ja dem kann man voll zustimmen -
Aber . GENAU DAS WILL UNSERE fR: uNTERRICHTSMINISTER - SIE KANN WOHL NICHT ANDERS -
Schade, dass solche Köpfe wie Scholz, in der derzeitigen Bildungsapparatischiklandschaft keine Rolle spielen - wir würden weiter kommen und zukunftsträchtigere Weichenstellungen für unsere Kinder und Enkel stellen, als mit dem was zZ. die (Halb-)Bildungspolitiker uns gerade einbrocken....

PS: man kann zum Pisa-Schmäh und dieser "Leistungsmeßmethode" in Finnland auch hier einen Originalbericht - S. 6 - 8 nachlesen http://www2.oepu.at/index.php?option=com_docman&task=doc_download&gid=993&Itemid=400017 ... der vergleich macht Sie sicher ! - und das bestätigen auch immer wieder unserer Schüler bei Lehrlingswettbewerben, oder Studis nach Auslandssemestern...

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Vielen Dank...

... für den Link.

Unter diesen Voraussetzungen würde ich meine Kinder so schnell wie möglich aus der Schule nehmen - aber wahrscheinlich würde man dafür in Finnland an den Pranger gestellt.

In Summe ein schulischer Albtraum!

wow

das hätte ich dem scholz nicht zugetraut.
er sollte die marxistentruppe verlassen

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