Es liegt im Wesen des Menschen, dass ihm hin und wieder Fehler unterlaufen: Manche fallen niemandem auf, am wenigsten dem Verursacher, manche sind außerordentlich peinlich, aber nichts auf Erden kann sie ungeschehen machen, manche ziehen verheerende Folgen nach sich, manche hingegen kann man mit einem Handstrich korrigieren.
Der schlechte Ruf des Schulfaches Mathematik beruht zum Teil wohl darauf, dass bei Prüfungen jeder auch noch so kleine Rechenfehler geahndet wird. Selbst wenn alles gut verstanden wurde, können „dumme“ Fehler den Erfolg zunichtemachen. Es mag darum ganz lehrreich sein, wenn jemand, dem als Professor für Mathematik Fehler aller Art immer wieder unterkommen, vom lächerlich unnötigen bis hin zum heillos katastrophalen, ja er selbst vor ihnen niemals ganz gefeit ist, sich dieses Themas im „Quergeschrieben“ der kommenden Wochen annimmt. Wobei weniger die mathematischen Fehler, eher die Fehlleistungen des Alltags im Vordergrund stehen, in die wir allzu leicht tappen.
Vielleicht beginnen wir diese Serie gleich damit, unser Verhalten zu beschreiben, wenn wir entdecken, dass jemand einen Fehler begangen hat: Handelt es sich dabei um eine hochgestellte Respektperson, gar um einen Vorgesetzten, die Chefin einer Klinik oder den Leiter des Betriebs, in dem man arbeitet, ist man verleitet, darüber hinwegzusehen. Jedes vorlaute Hinweisen auf den Lapsus könnte für einen selbst von Nachteil sein. Unterrichtsminister Flint fand seinem ehemaligen Arztkollegen Bernhardi gegenüber für dieses Duckmäusertum beeindruckend hochtrabende Worte der Rechtfertigung. Unterlief hingegen einem Untergebenen der Fehler, sind wir schnell verleitet, dem Verursacher des Makels seine Unfähigkeit vorzuwerfen, nicht über den Fehler selbst zu klagen, sondern über die Person, die ihn beging, bevor wir noch überlegen, aus welchem Antrieb heraus es zum Fehlverhalten gekommen sein mag, und bevor wir noch abschätzen, wie leicht oder schwer sich der angerichtete Schaden beheben lässt.
Selbst bei Rechenfehlern in der Mathematik, die bloß an der Tafel stehen, aber keine Brücken einstürzen und keine Explosionen entstehen lassen, gibt es Lehrer, welche die Person, die den Fehler begangen hat, erniedrigen, obwohl es sich bloß um einen Irrtum handelt, den jeder begehen könnte. Aber auch die kaltschnäuzige Bemerkung „Das ist falsch“, wenn jemand – ich vereinfache sehr – für 7x6 die Zahl 43 an die Tafel schreibt, sollte man unterlassen, sondern vielmehr fragen, warum dieses Ergebnis nicht stimmen kann. Um zum Beispiel die Antwort zu hören, dass bei einer Multiplikation einer Zahl mit 6 nur eine gerade Zahl als Ergebnis herauskommen kann. Und würde jemand meinen, 7x6 sei 420, sollte man statt eines brüsken Tadels darauf hinweisen, dass 7x6 sicher kleiner als 10x10, also 100 ist. Und hörte man als Replik, zwischen 420 und 42 bestünde ohnehin kein Unterschied, denn die Null symbolisiere ja nichts – in journalistischen Kreisen, und nicht nur in ihnen, kommt es zum gleichen Missverständnis, wenn es um Millionen oder um Milliarden geht –, sollte man diesen Fehler beheben, indem man auf die Subtilitäten des Stellenwertsystems aufmerksam macht.
Die Fehler der Mathematik sind gottlob dazu da, dass man aus ihnen lernen kann. Aus der Korrektur jedes Fehlers ergibt sich eine kleine Theorie.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2012)















