19.06.2013 00:46 Merkliste 0

Von Fehlern, zweiter Teil: Auf die Abwechslung ist kein Verlass

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

Kaum etwas ist heikler, als Ereignisse der Vergangenheit bei einem undurchschaubaren Beziehungsgeflecht für Prognosen verwerten zu wollen.

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Zwanzig Mal hintereinander fiel eines Abends im Casino von Monte Carlo die Kugel auf Schwarz. Massenhaft stauten sich die Spieler um den Roulettetisch und setzten wie verrückt auf Rot. Felsenfest waren sie davon überzeugt, dass in Kürze die Kugel auf Rot fallen müsse, um für den nötigen Ausgleich zu sorgen. Doch sie wurden schwer enttäuscht: Erst beim siebenundzwanzigsten Wurf des Croupiers gelangte nach dem „Rien ne va plus“ die Kugel in den Fächer einer rot unterlegten Nummer. Inzwischen hatten fast alle Spieler ihr gesamtes Vermögen – „Jetzt aber muss doch Rot kommen!“ – heillos verspielt.

Die Profis im Roulette wissen, dass es beim Setzen für das nächste Spiel das Dümmste ist, auf die Resultate der vorangegangenen Spiele zu blicken. Denn die Kugel „hat kein Gedächtnis“; die Wahrscheinlichkeiten für das nächste Spiel sind immer die gleichen, völlig egal, was sich am Spieltisch zuvor ereignete.

Wir aber sind andauernd versucht, aus den Ereignissen der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen. Nur in einem sehr abgeschiedenen Bereich, in einer von uns Menschen unfassbar fernen Welt hat sich dieser Glaube blendend bewährt. Die älteste Wissenschaft ist daraus entstanden: die Astronomie. Sie traf tatsächlich auf Basis der Aufzeichnungen der Vergangenheit sichere Voraussagen über Himmelsereignisse, sogar über Sonnen- und Mondfinsternisse. Die Ingenieurskunst, die Chemie und die Physik eifern ihr nach und ziehen ihre Erfolge aus der Tatsache, dass alle Experimente stets wiederholt werden können und immer zu den gleichen Ergebnissen führen. In der Naturwissenschaft kann man sich auf Vorhersagen verlassen. Bei der Medizin ist die Sachlage schon etwas heikler: Auch in ihr versucht man die typischen Fälle herauszuarbeiten, die eine sichere Prognostik je nach gewählter Therapie erlauben, aber Überraschungen kommen immer wieder vor, ohne dass diese einen Wechsel der tradierten Lehrmeinung erzwingen.

Bei allen erfolgreichen Prognosen ist wichtig, dass eine enge Korrelation zwischen dem künftigen und dem vergangenen Geschehen vorliegt. In den Naturwissenschaften ist sie gegeben, wenn auch bei sehr komplexen dynamischen Systemen nur schwer zu analysieren. Und im Leben des Alltags ist sie, wenn überhaupt vorhanden, noch viel verwickelter: in der Gesellschaft, in der Wirtschaft, in der Politik und – naturgemäß völlig unvorhersehbar – im Sport und in der Kunst. Beim Wetter zum Beispiel ist man gut beraten, wenn man auf die „Regression zur Mitte“ setzt: Nach einem bitterkalten Wintertag wird die Temperatur in den nächsten Tagen mit einer größeren Wahrscheinlichkeit ansteigen als noch weiter fallen. Denn die Physik der Atmosphäre sorgt dafür, dass sich Extremwerte wieder ausgleichen. Bei den Einkommen hingegen pflegen sich die Extreme noch zu verstärken: Reiche werden tendenziell immer reicher. Das Roulette schließlich lebt davon, dass überhaupt keine Korrelation zwischen den einzelnen Spielen besteht.

Zwar hat oft das, was geschehen ist, einen Einfluss darauf, was in Zukunft geschehen wird. Doch nur sehr selten gelingt es, diesen Einfluss so zu durchblicken, dass damit die Zukunft berechnet werden könnte. Beim Wetter glückt es für ein paar Tage. Und im Casino gelingt es sicher nicht. Dort ist der Glaube an die „ausgleichende Gerechtigkeit“ ein unverzeihlicher Fehler.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2012)

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