19.06.2013 14:56 Merkliste 0

Von Fehlern, dritter Teil: Auf dem Weg zum „Wohlfahrtsausschuss“

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

Jeder Mensch möchte ein gutes Leben führen. Aber es wäre ein schwerer Fehler, dem Staat die Gestaltung des guten Lebens zu überantworten.

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Was ist das Ziel des Daseins? „Ein gutes Leben zu führen“, ist keine schlechte Antwort. Doch was ist ein gutes Leben?

Den vielleicht schwersten Fehler überhaupt begeht ein Staat, der mit Gesetzen das gute Leben erzwingen will. Nicht umsonst nannte sich die mächtigste Behörde des republikanischen Frankreichs nach 1789 der „Wohlfahrtsausschuss“. Das Ziel, einen Staat zu schaffen, der allen „Citoyens“ das gute Leben garantiert, erfordert, so behaupteten es die Jakobiner, nicht nur gegen die „evidente Konterrevolution“, sondern auch gegen die mögliche Revolutionsfeindlichkeit vorzugehen, nicht erst der Tat, sondern bereits dem „nicht konformen Gewissen“ mit präventiven, brutalen Abschreckungsmaßnahmen, die in der Regel zur Guillotine führen, zu begegnen. „Die Terreur“, so Robespierre, „ist nichts anderes als unmittelbare, strenge, unbeugsame Gerechtigkeit; sie ist also Ausfluss der Tugend.“ François Furet sieht mit Recht in der Schreckensherrschaft der Jakobiner das Vorbild aller totalitären Regime, die seither wüteten. Gewiss: Abgrundtief böse Menschen, beginnend mit Lenin und leider nicht endend mit Pol Pot, führten sie an. Aber es ist ein Irrtum zu meinen, dass alle ihre Mitläufer das Schlechte wollten. Im Gegenteil: Viele von ihnen meinten Gutes erzwingen zu können, und all das Schreckliche, was sie anstellten, gehörte zu den notwendigen Mitteln, die dem guten Zweck dienten.

Wie weit, so meinen wohl viele, sind wir doch von diesen düsteren Epochen entfernt. Und sie haben recht. Wir leben in einem Europa, das wie selten zuvor den Bürgerinnen und Bürgern die Freiheit bietet, den individuellen Plan für ein „gutes Leben“ zu entwerfen. Übersehen werden jedoch gerne die Voraussetzungen, dass dies gelingt: einerseits jungen Menschen die Bildung und Ausbildung zukommen zu lassen, die ihnen Weitsicht für die freie Gestaltung des eigenen Lebens bietet. Andererseits dafür zu sorgen, dass der Staat sich auf seine Aufgabe beschränkt: die Sicherheit des Landes und seiner Einwohner zu wahren, die Wohlfahrt zu fördern und die Lebensgrundlagen zu erhalten.

Es ist nicht leicht, die Grenze zu ziehen, ab der es dem Staate nicht mehr zustehen sollte, in den Lebensentwurf von Menschen einzugreifen. Soll der Staat verbieten dürfen, dass sich Personen total verhüllt in der Öffentlichkeit bewegen? Ich meine ja, denn er darf über den öffentlichen Raum gebieten und verlangen, dass man dort einander „mit offenem Visier“ begegnet. Soll der Staat Erwachsenen Drogen verbieten dürfen? Ich meine nein und verweise auf den Artikel „Legalisierung des Drogenkonsums als Ausweg“ von Marxeiner und Miersch. Soll der Staat die Beschneidung von Mädchen verbieten dürfen? Ich meine ja, denn es handelt sich um eine Verstümmelung mit so schweren Folgen für die Betroffene, dass davor der Gesetzgeber nicht die Augen verschließen darf. Soll der Staat die Beschneidung von Buben verbieten dürfen? Ich meine nein, denn sie ist frei von ernsten Folgen für den Betroffenen. Darum geht dieses religiöse Ritual den Staat nichts an. Jedenfalls viel weniger als dass Schwangere rauchen, was nachweislich in vielen Fällen Ungeborenen schweren Schaden zufügt. Je mehr die Regulierungswut der auf Korrektheit Bedachten in die Lebensgestaltung eingreift, umso näher geraten wir in die Falle „Wohlfahrtsausschuss“.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2012)

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18 Kommentare


Inkompetent

"Soll der Staat die Beschneidung von Buben verbieten dürfen? Ich meine nein, denn sie ist frei von ernsten Folgen für den Betroffenen."

Ich wusste nicht, dass Herr Professor Taschner auch Medizin studiert hat.

Sofern Sie es nicht ohnehin sind:

Was würden Sie eher ertragen, Herr Professor, eine Beschimpfung (verboten), eine Ohrfeige (verboten), die Brieftasche wird Ihnen gestohlen (verboten) oder eine Beschneidung ohne Ihre Einwilligung?

Re: Inkompetent

Abgesehen davon, wenn sie ohnehin frei von ernsten Folgen ist, warum macht man sie dann überhaupt?!

Sorgfalt schadet nicht

Wenn man eine Qualitätsmeinung veröffentlichen will, darf man genauer hinsehen:
Max(!)einer & Miersch behaupten, Drogenkonsum schade nur dem Konsumenten.
Und Religionen sollten sich, wenn sie nicht selbst als Altlasten entsorgt werden wollen, von Altlasten wie der Beschneidung trennen. Gegenverweise: Jonathan Enosch in diesem Blatt, Bettina Röhl im Spiegel.

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Man

sollte ins Elternrecht auch aufnehmen, dass es den Eltern freisteht ihren Kindern auf den Arsch zu tätowieren: Deine Eltern waren praktizierende Juden, Moslems etc. Schließlich soll es ja trotz Verstümmelung zu keinen Verwechslungen kommen.

Bis auf Drogenfreigabe ...

mit Allem einverstanden.
Die Drogendealer suchen bei Unmündigen neue Konsumenten. Nach Freigabe wäre der Staat Steigbügelhalter regulärer Drogendealer.
Über die gesundheitlichen Schäden von Drogen (welche?) werden wir wohl einig sein, auch über die sozialen Probleme der Gesellschaft, Sozialgemeinschaft, die die Folgen tragen muß (anderswen gibt es nicht).

ach aquilo


ganz allein heute?

@aquilo:Ein Keks (aus dem Plural cakes von engl. cake ‚Kuchen‘) ist ein ursprünglich englisches Gebäckstück

und wie bekannt ist Österreich ein überwiegend katholisches Land mit überwiegend christlicher/katholischer Bevölkerung. Daher finde ich Anmerkungen mit christlichem Bezug zu aktuellen Themen oft recht interessant. Besonders dann, wenn sie aus der "Feder" sogenannter Hochbegabter Mehrleister stammen.

Der Schaum vor dem Mund einiger weniger (diesmal ist aquilo ganz allein), dafür umso verkrampfter wirkender minderbegabterer Gottesleugner ist eine nun schon berechenbare Reaktion in diesen Foren.

Die aufrechten und kritischen Mitdenker dieser Diskussionsrunden nehmen diese Beiträge mit Amusement und größter Gelassenheit zur Kenntnis.

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Re: @aquilo:Ein Keks (aus dem Plural cakes von engl. cake ‚Kuchen‘) ist ein ursprünglich englisches Gebäckstück

Fest steht, das Herr Prof. Taschner nichts anderes als Ablenkungsmanöver fährt. Und es darf gefragt werden, warum Beschwichtigung angesagt ist. Die einen Verknüpfen die Beschneidung mit der Masernimpfung und andere mit dem Für und Wieder eines modernen Wohlfahrtsstaates. Beides kann ich beim besten Willen nicht als tiefgreifende Argumentation ansehen.

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Katholische Sittenmathematik!

Weil Wohlfahrtstaat zu unendlich ist, ist das Meschenrecht auf Unversehrtheit vernachlässigbar klein.

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Was ist das Ziel des Daseins? „Ein gutes Leben zu führen“, ist keine schlechte Antwort. Doch was ist ein gutes Leben?

Ein gutes Leben ist nach Meinung der verschiedenen Religionsgemeinschaften tunlichst ein Leben nach den Vorstellungen ihres einzigartigen Gottes, der jeweils seiner Glaubensgemeinschaft das einzig Wahre unumstößlich für alle Zeiten per Buch und Prophet eingetrichtert hat. Oder sollte ich mich in dieser Einschätzung irren? Wie gut, dass es mit einer bestimmten Art von Intelligenz gelingt, an diesen Gegebenheit dank Scheuklappe Religion, vorbeizusehen und wiederum gut ist, dass vore dieser speziellen Intelligenz auch Hochgelahrte nicht gefeit sind,

Re: Was ist das Ziel des Daseins? „Ein gutes Leben zu führen“, ist keine schlechte Antwort. Doch was ist ein gutes Leben?

ja, aber der "einzigartige Gott" wird nur vorgeschoben, in diesen Religionen ist es derselbe Gott (der Gott Abrahams), aber die versch. Religionsgrößen belügen die jeweiligen Gläubigen unterschiedlich.
Intelligenz und Glauben stehe doch etwas im Widerspruch.
Es mag aber das Resultat von Intelligenz sein, auch eine Überlebensstrategie, sich zu einem Glauben zu bekennen; am ausgeprägtesten wohl im Islam.

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Re: Re: Was ist das Ziel des Daseins? „Ein gutes Leben zu führen“, ist keine schlechte Antwort. Doch was ist ein gutes Leben?

Woher wollen Sie wissen, das die verscheidenen Religionsgrößen lügen? Und überhaupt, wieso glauben Sie zu wissen, was der abrahamitische Gott wirklich will? Was macht Sie so sicher oder nicht, dass es diesen Gott gibt?
Ist es nicht vielmehr so, das dieser Gott lediglich nicht vielmehr eine langsam gewachsene Idee ist, die sich im Laufe der Zeit gebildet hat.

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Katholischer Taschenrechner!

Es wäre vielleicht ganz nützlich und lehrreich, wenn sich unser sehr verehrter Herr Prof. Taschner wieder mehr mit Mathematik beschäftigen täte. Da soll er ja ein Ass sein. Aber diese Herumphilosophierei, das Hintennach "Ich habe auch noch einen Senf dazu" geht langsam aber sicher auf den Kecks. Aber es bleibt doch anzumerken, dass sich gleich und gleich gerne gesellen. Der Fundamental Katholik Taschner, der an das personifizierte Böse, den Teufel glaubt, verbündet sich mit fundamentgläubigen Juden, die ebenfalls von der bzw. ihrer einzigartigen göttlichen Sendung und ihrer Steinzeitriten überzeugt sind. Aber das Phänomen "Gleich und gleich gesellt sich gern" ist auch aus den Niederungen der Politik bekannt und nicht von ungefähr haben sich Diktatoren mit ihresgleichen mitunter, wenn es vorteilhaft erschien, herzlich verbündet.

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Soll der Staat die Beschneidung von Buben verbieten dürfen? Ich meine nein, denn sie ist frei von ernsten Folgen für den Betroffenen.

Für diesen Satz gebührt der Titel: Fundamental-katholischer Befürworter der Kinderschändung!

Und die Gräueltaten der franz. Revolution, werter Herr Professor, sind auch als Reaktion des Doppeljochs zu erklären. Ein Doppeljoch von kath. Kirche und Adel, wie es sonst in dieser brutalen Ausformung nicht gegeben hat. Die ganze Riege von franz. Philosophen der Aufklärung hat sich zeitlebens fürchten müssen, von diesem Regime zum Tod verurteilt zu werden. Aber erst nach Folter! Dazu gehören auch Aufklärer wie Diderot!

Gast: Simon Weithaler
19.07.2012 11:30
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Sehr richtig!

"Regulierungswut" ist der richtige Ausdruck! Allerdings: Wir leben in einem Land, wo die Menschen sich zwar über Datenschutzprobleme etc. aufregen, gleichzeitig aber am lieben von der Wiege bis zur Bahre von Papa Staat versorgt werden möchten. So entsteht keine freie Gesellschaft.

Gast: MuhmsVisionen
18.07.2012 19:00
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Wir sind der Wohlfahrtsausschuss Österreichs!

Und wir werden immer besser für alle Bürger sorgen. Der erste größere Erfolg war das verpfl. Vorschuljahr, auch die NMS wird für alle Bürger kommen. Dann noch eine Uniform für alle und unseren Ethikunterricht über 10 Jahre und die Menschen werden bereit sein für ein Leben in unseren Kollektiv.

Das spätere Leben im Kollektiv werden wir dann mit einer umfassenden Verstaatlichung der Wirtschaft auch erlangen. Weite Bereiche konnten wir ja auch während der neoliberalen Tendenzen erhalten. Den Rest an privaten Eigentum werden wir mit verpflichtenden Staatsanleihen für die bösen Reichen wieder in die Obhut des Staates führen. Die notwendigen Sozialbauten mit den notwendigen elektronischen Kontrollinstrumenten sind auch schon fertig geplant, die können dann auch sehr schnell umgesetzt werden. Vorgesehen ist, wie schon früher in der UdSSR praktiziert, ein Wohnraum von 7 Quadratmetern pro erwachsenen Menschen. Das Zusammenrücken wird weitere soziale Verbesserungen bringen, auch die Überwachung erleichtern.

Dann sind wir auch noch umfassender für die Umsetzung der ausgebildeten Menschen für das große Kollektiv gerüstet und können endlich die Gesamtheit zur Erlösung der Menschen von Wettbewerb und Leistung erreichen.

Wir, vom Wohlfahrtsausschuss, sind in Wien schon sehr weit gekommen, wir werden das Schritt für Schritt in ganz Österreich, wahrscheinlich auf EU Ebene, umsetzen.

Wirtschaftliche Schwächen werden durch die EZB kompensiert. Alle Menschen werden glücklich sein!

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