Es war in den Zeiten der Burgtheaterdirektion Bachler: Dem Regietheater wurde gehuldigt und im vom Direktor vollmundig gepriesenen Shakespeare-Zyklus spielten die Mimen allerlei Unfug, nur nicht Shakespeare. Meine Frau und ich saßen in einer dieser Aufführungen gequält mitten im Parkett. Ich glaubte, von der irrigen weil unrettbar aussichtslosen Annahme getrieben, es könnte sich doch noch irgendwann zum Guten wenden, wir sollten dem Desaster bis zum bitteren Ende beiwohnen. Doch meine Frau war klug genug, den Abend zu retten: Mit einem Kopfnicken forderte sie mich auf, so wie einige andere Besucher auch mitten im Stück schnurstracks das Theater zu verlassen.
Ich selbst wäre das Opfer eines der heimtückischsten aller Fehler geworden: sehenden Auges dem aussichtslosen Pfad weiter zu folgen, weil man ihn schon so lange gegangen ist.
Ein anderes Beispiel: Eine Firma hat viel Geld in ein Produkt investiert, die ersten Monate des Verkaufs laufen zäh an, die Verkaufszahlen wollen nicht und nicht steigen. Doch statt das Produkt vom Markt zu nehmen und den vorbereiteten PlanB in Gang zu setzen, beharrt die Firmenleitung auf dem eingeschlagenen Weg: Zu viel Geld wurde bereits dafür ausgegeben, vielleicht hilft eine Werbeaktion dem Produkt doch noch auf die Sprünge – eine Sturheit, die Firmen an den Rand des Ruins bringen kann.
Oder erinnern wir uns an die verkorkste Wahlkampagne der ÖVP im Jahre 2006 oder an die noch tristere Wahlwerbung dieser Partei zwei Jahre später: Beratungsresistent vertraute die Parteileitung der vereinbarten Strategie, obwohl bereits wenige Wochen nach Beginn offensichtlich war, dass sie in den Abgrund führen muss. Aber sie hielt stur an der Strategie fest, weil eine Abkehr von ihr als Schwäche ausgelegt werden könnte. Was für ein Unsinn!
Inwieweit bei manchen „Hilfsaktionen“ der EU dem bereits verbrannten Geld noch weiteres gutes Geld nachgeworfen wurde, nur weil man den eingeschlagenen Weg nicht verlassen wollte – die dafür Verantwortlichen sollten es besser wissen als der Autor dieser Zeilen.
Auch in der Wissenschaft ist dieser Fehler gang und gäbe: Mit unglaublichem Aufwand verteidigten die Physiker des 19.Jahrhunderts den Begriff des Äthers, der das Schwingungsmedium der elektromagnetischen Wellen sein sollte, bis die Widersprüche zu eklatant wurden. Stolz verweisen Wissenschaftshistoriker auf gelungene Paradigmenwechsel. Aber sie sind in Wahrheit viel zu selten. Oft finden nötige Paradigmenwechsel nicht statt, weil man stur die Theorie gegen lauernde Widersprüche mit immer abstruseren Argumenten verteidigt. Das erlebt man nicht nur in der ohnehin windigen Psychoanalyse, auch in der als solide geltenden Mathematik.
Es gilt die schlichte Regel: Trauere getätigten Investitionen nicht nach!
Richtig verhielt sich, einer Anekdote Otto Schenks zufolge, ein Theaterkritiker, der mit einem Freund eine grottenschlechte Aufführung besuchte. „Komm, wir gehen“, sagt er zum Freund. „Wir können nicht“, flüstert jener zurück, „die Karten wurden uns geschenkt.“ Die beiden leiden weiter. „Ich will fort“, ächzt der Kritiker. „Das geht nicht, wegen der Freikarten“, raunt verzagt der Freund. Schließlich reißt der Kritiker den Freund mit den Worten vom Platz: „Ich halt es nicht mehr aus! Wir kaufen uns jetzt zwei Karten und verschwinden.“
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2012)















