In einer sternenklaren Neumondnacht, möglichst weit weg von den Lichtern der Zivilisation, kann man den gestirnten Himmel in seiner ganzen Pracht bewundern. Wie viele Sterne bekommt man zu Gesicht? Die meisten werden bass erstaunt sein, dass sich die Zahl der mit freiem Auge sichtbaren Sterne in bescheidenen Grenzen hält: Es sind nur ein paar Tausend. Erst ein Fernrohr erlaubt zu erkennen, dass das weiß schimmernde Band der Milchstraße aus abertausenden Sternen besteht.
Galilei war einer der ersten, der sich dieses Anblicks erfreuen durfte. Doch selbst er wäre überrascht gewesen, hätte man ihm mitgeteilt, dass die Milchstraße ungefähr 100 Milliarden Sterne umfasst, unsere eigene Sonne als ein durchschnittlich großer Stern, ziemlich am Rand der Milchstraße gelegen, mit eingeschlossen. Und noch erstaunter wäre er gewesen, hätte er erfahren, dass die Milchstraße nur eine von ebenfalls ungefähr 100 Milliarden Sterneninseln des Universums, sogenannter Galaxien ist, und darunter ist sie von mittlerer Größe. 100 Milliarden mal 100 Milliarden Sterne gibt es größenordnungsmäßig im All. Fragt man einen Laien, welchen Namen dieses Produkt hat, ist er in der Regel überfordert: „Zehn hoch zweiundzwanzig“ tönt die Antwort des Experten, aber das ist genauso nichtssagend wie „zehn Trilliarden“.
Laien meinen oft, man müsse Mathematik studiert haben, um sich solch große Zahlen vorstellen zu können. Das stimmt ganz und gar nicht. Und auch ein Studium der Astronomie oder der Elementarteilchenphysik hilft nicht, das Vorstellungsvermögen für Billiarden oder Trillionstel zu schärfen. Man lernt, damit zu rechnen und zu argumentieren, aber vorstellen kann man sich darunter nichts.
In den Naturwissenschaften braucht man klug konstruierte Apparaturen, um zu Zahlenungetümen, seien sie astronomisch groß oder mikroskopisch klein, vorstoßen zu können. Ganz anders ist das bei der Wirtschaft. Im großen Maßstab von Volkswirtschaften sind Riesenzahlen gang und gäbe. Schon der Zinseszins sorgt dafür. Als Faustregel gilt: Legt man ein Kapital zu einem bestimmten Prozentsatz Jahreszinsen an, braucht man nur die Zahl 70 durch die Zahl der Prozente zu dividieren, und man weiß, nach wie vielen Jahren sich das Kapital verdoppelt hat. Ein Beispiel: Angenommen, Josef legt zu Christi Geburt für das Jesuskind einen Euro bei der Bank von Bethlehem zum Zinssatz von 3,5 Prozent an. Dann hat sich nach 70 : 3,5, also nach 20 Jahren der eine Euro zu zwei Euro verdoppelt. Nach 200 Jahren hat er sich zehnmal verdoppelt, also praktisch vertausendfacht: Aus einem Euro sind 1000 Euro geworden. Und heute, nach mehr als 2000 Jahren, sind zehn mal drei Nullen an den einen Euro angehängt worden. Jesu Erben könnten 1.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000 Euro von der Bank von Bethlehem abholen. Eine Quintillion Euro. Das ist doch absurd!
Die Lösung des Rätsels besteht weniger darin, dass Jesus keine Erben hatte, schon eher, aber auch nicht ganz darin, dass die Bank von Bethlehem keine 2000 Jahre durchhält, vielmehr darin, dass es damals keinen Euro gab, sondern Sesterzen. Eine Währung, die es heute nicht mehr gibt. Und Geld dazwischen, Taler, Florin, Gulden, gibt es heute auch nicht mehr. Kriege und Krisen vernichteten sie. Wenn Zahlen ins Unvorstellbare anwachsen, werden sie auch für die Wirtschaft unzähmbar.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2012)















