25.05.2013 12:04 Merkliste 0

Wie viele Sternlein stehen? Von Fehlern, siebenter Teil

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

Millionen, Milliarden, Billionen – je weniger man sich große Zahlen vorstellen kann, umso weniger lassen sie sich zähmen. Und mit dem Vorstellen haben auch Mathematiker so ihre Probleme.

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In einer sternenklaren Neumondnacht, möglichst weit weg von den Lichtern der Zivilisation, kann man den gestirnten Himmel in seiner ganzen Pracht bewundern. Wie viele Sterne bekommt man zu Gesicht? Die meisten werden bass erstaunt sein, dass sich die Zahl der mit freiem Auge sichtbaren Sterne in bescheidenen Grenzen hält: Es sind nur ein paar Tausend. Erst ein Fernrohr erlaubt zu erkennen, dass das weiß schimmernde Band der Milchstraße aus abertausenden Sternen besteht.

Galilei war einer der ersten, der sich dieses Anblicks erfreuen durfte. Doch selbst er wäre überrascht gewesen, hätte man ihm mitgeteilt, dass die Milchstraße ungefähr 100 Milliarden Sterne umfasst, unsere eigene Sonne als ein durchschnittlich großer Stern, ziemlich am Rand der Milchstraße gelegen, mit eingeschlossen. Und noch erstaunter wäre er gewesen, hätte er erfahren, dass die Milchstraße nur eine von ebenfalls ungefähr 100 Milliarden Sterneninseln des Universums, sogenannter Galaxien ist, und darunter ist sie von mittlerer Größe. 100 Milliarden mal 100 Milliarden Sterne gibt es größenordnungsmäßig im All. Fragt man einen Laien, welchen Namen dieses Produkt hat, ist er in der Regel überfordert: „Zehn hoch zweiundzwanzig“ tönt die Antwort des Experten, aber das ist genauso nichtssagend wie „zehn Trilliarden“.

Laien meinen oft, man müsse Mathematik studiert haben, um sich solch große Zahlen vorstellen zu können. Das stimmt ganz und gar nicht. Und auch ein Studium der Astronomie oder der Elementarteilchenphysik hilft nicht, das Vorstellungsvermögen für Billiarden oder Trillionstel zu schärfen. Man lernt, damit zu rechnen und zu argumentieren, aber vorstellen kann man sich darunter nichts.

In den Naturwissenschaften braucht man klug konstruierte Apparaturen, um zu Zahlenungetümen, seien sie astronomisch groß oder mikroskopisch klein, vorstoßen zu können. Ganz anders ist das bei der Wirtschaft. Im großen Maßstab von Volkswirtschaften sind Riesenzahlen gang und gäbe. Schon der Zinseszins sorgt dafür. Als Faustregel gilt: Legt man ein Kapital zu einem bestimmten Prozentsatz Jahreszinsen an, braucht man nur die Zahl 70 durch die Zahl der Prozente zu dividieren, und man weiß, nach wie vielen Jahren sich das Kapital verdoppelt hat. Ein Beispiel: Angenommen, Josef legt zu Christi Geburt für das Jesuskind einen Euro bei der Bank von Bethlehem zum Zinssatz von 3,5 Prozent an. Dann hat sich nach 70 : 3,5, also nach 20 Jahren der eine Euro zu zwei Euro verdoppelt. Nach 200 Jahren hat er sich zehnmal verdoppelt, also praktisch vertausendfacht: Aus einem Euro sind 1000 Euro geworden. Und heute, nach mehr als 2000 Jahren, sind zehn mal drei Nullen an den einen Euro angehängt worden. Jesu Erben könnten 1.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000 Euro von der Bank von Bethlehem abholen. Eine Quintillion Euro. Das ist doch absurd!

Die Lösung des Rätsels besteht weniger darin, dass Jesus keine Erben hatte, schon eher, aber auch nicht ganz darin, dass die Bank von Bethlehem keine 2000 Jahre durchhält, vielmehr darin, dass es damals keinen Euro gab, sondern Sesterzen. Eine Währung, die es heute nicht mehr gibt. Und Geld dazwischen, Taler, Florin, Gulden, gibt es heute auch nicht mehr. Kriege und Krisen vernichteten sie. Wenn Zahlen ins Unvorstellbare anwachsen, werden sie auch für die Wirtschaft unzähmbar.


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Rudolf Taschner
Rudolf Taschner ist Professor für Mathematik an der Technischen Universität Wien und betreibt den math.space im quartier 21 im Museumsquartier Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2012)

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7 Kommentare
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Seit dem Ausritt des Herrn Prof. zur Rechtfertigung archaischer Stammesrituale wirken seine Beiträge alle irgend wie beschnitten!

Facit: Ich kann sie nicht mehr lesen.

Antworten Gast: Daniel Gran
17.08.2012 19:15
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Analphabet geworden?

Hören Sie am besten auch mit dem Schreiben auf!

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Re: Analphabet geworden?

Bin ich dogmatisch katholisch?

Gast: Obi Wan
17.08.2012 11:16
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Zehn Trilliarden Sterne sind natürlich unvorstellbar

aber man kann eine gewisse Ahnung davon erhalten, indem man für jeden Stern einen Stecknadelkopf (d.h. ein Kügelchen mit 1 Millimeter Durchmesser) annimmt. Eine Million dieser Stecknadelköpfe passt in einen Liter, mit 100 Milliarden Stecknadelköpfen (= Milchstraße) könnte man eine 40 Quadratmeter Garconniere bis zur Decke anfüllen, aber - und jetzt kommts - mit 10 Trilliarden Stecknadelköpfen könnte man ganz Österreich vom Neusiedler See bis zum Bodensee 120 Meter hoch bedecken!
P.s.: Nach Schätzungen der Astronomen gibt es im gesamten sichtbaren Universum sogar etwa 70 Trilliarden Sterne - da geht sich dann ein 800 Meter tiefes Meer von Stecknadelköpfen über Österreich aus.

Mir genügt schon die Zahl Tausend

Ein gelungener Blick in die Welt der Zahlen mit einem milden Trost des Wissenschaftlers für den staunenden Laien! Wenn ich tausend Euro liegen habe, dann sind jedoch bereits einige Dinge anstehend, die diese Summe im Nu wieder auf null stellen...auch so ist das Leben!

Welches Rätsel denn?

In der Realität hätten Jesu Erben nicht 2000 Jahre gewartet auf das Geld zuzugreifen. Und hätten sie es getan wären die Zinsen nicht 2000 Jahre so hoch geblieben.
Was ist denn der Zinseszins überhaupt.
Wenn ich jemandem Geld gegen Zins borge dann tausche ich Leistung (Konsumverzicht zu seinen Gunsten) gegen Gegenleistung (Zins als Entgelt). Wenn das Entgelt fällig ist und nicht gezahlt wird ist das genauso als würde sich mein Schuldner bei mir Geld zusätzliches Entgelt ausborgen um den Zins zu bezahlen. Auf den neuen, höheren Betrag wird dann ganz normal der Zins berechnet.
Der Zinseszins ist nichts anderes als eine mathematische Methode das auf lange Zeiträume im Voraus zu berechnen.
Wenn jetzt aber jemand laufend auf diese Art Geld herborgt, das keine haben will, dann sinkt nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage der Preis.
Bei Quintillionen kriege ich von der Bank überhaupt nichts mehr für meinen Konsumverzicht, weil die mit so viel Geld mangels Kreditnehmer nichts anfangen kann. Ich darf also Bankgebühren zahlen und meinem Vermögen beim schrumpfen zusehen. Weshalb man auch nie bis zur Quintillion kommen wird.
Um mal Zentralbank, KESt und Inflation aus der Gleichung raus zu halten...

"Kriege und Krisen vernichteten sie."

eines der wesentlichsten elemente für das gelingen des 'experiments mensch'!!!
es MUSS nach fast jeder generation der zähler auf null gestellt, die karten neu gemischt und verteilt werden.

doch zum glück der davon betroffenen menschen haben wir es geschafft, krisen beherrschbar zu machen. seien es rettungsschirme u.ä. in der ökonomie, seien es bauliche maßnahmen in der natur.
wir haben auch schon seit 3 generationen keinen krieg mehr (hier bei uns) gehabt.

doch damit haben wir uns auch des so dringend erforderlichen korrektivs beraubt, das der kartendealer ist. wenn jeder immer dasselbe blatt erhä

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