Wenn ich einen Fehler begehe, bin ich. Einem, der nicht ist, kann auch kein Fehler passieren. Deshalb bin ich mir meiner Existenz sicher, wenn ich mich täusche“, ist die etwas frei gestaltete Übersetzung dieser Worte des heiligen Augustinus. Ein wenig erinnern sie an das „Cogito ergo sum“ des René Descartes, aber Augustinus nahm mit seinem Wort das Argument des Descartes nicht nur um Jahrhunderte vorweg, er dachte auch viel tiefer als der gewitzte französische Gelehrte, der sich wohl nur ungern hätte sagen lassen, dass in seinem Denken auch Fehler verborgen sein könnten.
Tatsächlich weiß man als Außenstehender nicht, ob Descartes ein „Ich“ besitzt, nur weil er korrekte Schlussfolgerungen zu vollziehen vermag. Denken, in diesem Sinn, kann auch ein Computer. Aber es gibt kein Ich-sagendes Bewusstsein des Computers, auch dann nicht, wenn die Maschine so programmiert ist, dass sie einen mit „ich“ anspricht und vorgaukelt, genauso ein Gesprächspartner sein zu können wie ein menschliches Wesen. Schon vor vielen Jahrzehnten hatte Joseph Weizenbaum mit Eliza ein derartiges Gerät konstruiert und war entsetzt, wie schnell Menschen felsenfest daran glauben, das aus Drähten, Dioden und Transistoren bestehende Gegenüber wäre einem Menschen gleichwertig.
Zuweilen hört man den Ausruf, jetzt habe der Computer „einen Fehler gemacht“. Das ist natürlich Unsinn. Ein Computer kann wegen seines mausetoten Wesens keine Fehler begehen. Er mag falsch programmiert worden sein, und wenn man die Kette der Programme bis zur Quelle zurückverfolgt, landet man schließlich doch bei einem Menschen, dem ein Fehler unterlaufen ist.
Können Tiere Fehler begehen? Auf den ersten Blick schon: Ein Hase schlägt seinen Haken in die für ihn fatale Richtung und wird vom Fuchs tödlich gepackt. Es ist zu anthropomorph gedacht, dass der Hase im letzten Augenblick seines Lebens diesen Fehler bereut. Nur der menschliche Beobachter erkennt den Fehler des Hasen, ob ihn das Tier als solchen wahrnimmt, sei dahingestellt.
Wie wir überhaupt fremde Fehler nur deshalb aufzuspüren vermögen, weil wir uns selbst als fehleranfällig erleben. Bekanntlich ist jemand, der sich ohne Fehl und Tadel fühlt, ein unguter Zeitgenosse, denn er kritisiert alle, außer sich selbst. Aber im tiefsten Inneren weiß oder zumindest fühlt er, dass es der größte seiner Fehler ist, sich selbst seine zuweilen falschen Gedanken, Worte und Handlungen nicht eingestehen zu können.
Nein, es ist nicht das Denken, das uns zu bewussten Wesen macht, sondern es ist das Gewissen. In mir meldet es sich, selbst dann, wenn ich einen banalen Tippfehler beging und im gedruckten Aufsatz nicht mehr ändern kann. Noch mehr, wenn ich mir Vorwürfe mache, das Falsche gedacht, das Unbedachte gesagt oder gar eine mir nahestehende Menschen verletzende Entscheidung getroffen zu haben. Nur wenn Ernst Mach recht hätte, nur wenn das Ich „unrettbar“ als Illusion entlarvt wäre, nur dann brauchte ich mir keine Gewissensbisse zu machen. Aber dann gäbe es auf der Erde nur eine Ansammlung von Maschinen, die rein zufällig „ich“ sagen – ein Schauerkabinett.
Augustinus ist einer der größten Philosophen, weil er an seinem fehleranfälligen Wesen den Menschen zu beschreiben verstand. Vor allem sich selbst, in seinen „Bekenntnissen“.
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