Wer zu Jauffrets Buch „Claustria“ greift, hat reinen Dreck in der Hand

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

Mit dem schäbigen Schlüssellochblick auf reale Opfer, gewürzt mit dem modrigen Präjudiz gegen Österreich, versuchen Autor und Verlag, niedrigste Triebe zu locken.

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Im Englischen werden Bücher klug nach zwei Kriterien eingeteilt: Fiction und Non-Fiction. Die Ersteren sollen im weitesten Sinn unterhalten, sie sprechen vornehmlich das Gemüt an, entwerfen eine imaginierte Welt, in die sie verführen und die manchmal eng, manchmal entfernt mit der Realität verbunden ist. Die Letzteren sollen im weitesten Sinn bilden, sie sprechen vornehmlich den Verstand an, vermitteln interessante Betrachtungen auf die Dinge und Geschehnisse der Welt.

In beiden Kategorien gibt es zeitlose Kunstwerke genauso wie armselig schlechte Bücher. Aber selbst im zweiten Fall weiß man, dass es sich um Schund aus dem Bereich der Fiction oder um Unsinn aus dem Bereich der Non-Fiction handelt.

Befremden aber kommt auf, wenn ein heftig beworbenes Buch in keine der beiden Kategorien fällt und zugleich abgrundtief mies ist. Aktuell trifft das auf das Elaborat von Régis Jauffret – „Claustria“ – zu. Jauffret maßt sich an, über den erschütternden Kriminalfall von Amstetten literarisch zu richten. „Dieses Buch ist Fiktion“, schreibt er als ersten Satz, um ein für alle Male klarzustellen, dass er keinen Anspruch auf Wahrheit erhebt.

Damit ist er fein raus, wenn er es in den nachfolgenden 520Seiten doch tut. „Dieses Werk ist ein Roman, die schöpferische Frucht seines Urhebers“, behauptet er, obwohl den nachfolgenden 520Seiten alle Zutaten eines Romans, gar einer schöpferischen Leistung fehlen, sondern sich bloß im Stil einer reißerischen Reportage ein Klischee an das andere reiht und eine schiefe Metapher auf die nächste folgt. Hier ist nicht ein Atom „schöpferischer Frucht“ zu schmecken, bloß eine ad nauseam wiederholte Variation modriger Vorurteile, die man längst zur Genüge kennt.

Keiner der Figuren, die Jauffret aus der Wirklichkeit stiehlt, vermag er ein menschliches Antlitz zu verleihen. Sie sind alle Larven von Verbrechern – vom Ich-Erzähler abgesehen, der sich in eine makabre Welt geworfen sieht, nicht daran zweifelt, „an irgendeiner Straßenecke Hitler zu begegnen“, und den Anwalt des Verbrechers sagen lässt, es käme, würde man im ganzen Land DNS-Tests durchführen, heraus, „dass eine beträchtliche Anzahl unserer Mitbürger die Frucht eines inzestuösen Verhältnisses ist. Das ist eine typisch österreichische Angelegenheit.“

Durchtrieben rechnet Jauffret selbstverständlich damit, dass jeder, der sein Machwerk liest, was darin steht, für bare Münze nimmt. Um aber ja nicht von den Opfern des Kriminalfalls von Amstetten belangt werden zu können, versetzt er die Ausgabe seines Tatsachenberichts in das Jahr 2055. Da sind bis auf einen alle vom „Kellervölkchen“ – so nennt er diejenigen, die er durch seine Sudelei erneut mitleidlos demütigt – schon längst tot. Und in Amstetten, dem „grauen Kaff“, wird das Haus des Verbrechers gesprengt.

Was bezweckt der Verlag, der die deutsche Übersetzung herausbringt: Mit einem Roman das Gemüt zu rühren? Sicher nicht, dafür fehlen alle Zutaten. Mit einer Schilderung der Wahrheit näherzukommen? Sicher nicht, dafür ist der Autor zu unverlässlich und zu oberflächlich. Mit dem schäbigen Schlüssellochblick auf reale Opfer, gewürzt mit dem billigen Präjudiz gegen das eigene Land, die bei der Leserschaft vermuteten niedersten Triebe zu locken? Das ist wohl der Fall. Wer zu diesem Buch greift, muss sich danach gründlich die Hände waschen.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2012)

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14 Kommentare
Gast: Niederösterreicher
24.09.2012 14:28
2 0

Die österreichische Seele?

Jauffret hat ja genau recherchiert. Auch im Gerichtssaal. Da er kein Deutsch spricht, wird ihm das sicher an Ort und Stelle gut gelungen sein.

In Belgien gibt es den Fall "Dutroit" mit etlichen toten Mädchen, in den angeblich höchste Kreise verwickelt waren...

Ob Jauffret bei den belgischen Wallonen auch so streng ist? Da hätte er wenigsten in seiner Muttersprache sich erkundigen können und hätte verstanden, was im Strafprozeß überhaupt gesprochen wurde. Außerdem wäre ihm die belgische Seele durch die Sprache einfacher zugänglich gewesen ...

Das Buch ist in Frk ein Erfolg? Man sieht halt lieber die Splitter im Auge der anderen, besonders wenn sie wirtschaftlich erfolgreich sind ...

Re: Die österreichische Seele?

So weit ich mich erinnern kann, haben internationale Medien rund um die Zeit der Causa "Fritzl" eine ganze Reihe ähnlicher Fälle in diversen Ländern aufgedeckt. Also kann es sich im Fall des Herrn Fritzl um kein singuläres Ereignis handeln, welches ausschließlich bei uns in Österreich möglich ist. Es gibt eben überall Leute, die es geschickt verstehen, unerkannt unglaublichen Perversitäten zu frönen. Zumal ja das gegenseitige "in die Töpfe schauen" nicht unbedingt erste Bürgerpflicht ist. Auch diesem unsäglichen Autor wäre es nicht recht, wenn ständig Leute bei ihm Eintritt verlangen, um nachzusehen, ob bei ihm noch "alles in Ordnung ist"! Genau DAS hat er aber offensichtlich von den Amtstettnern erwartet...

Gast: Elsa
20.09.2012 20:44
1 0

Hohn für die Opfer - Geld für den Autor

Die Opfer haben sich ihr jammervolles Schicksal nicht ausgesucht. In diesem wiederlichen Buch werden sie ein zweites Mal zu Opfern gemacht, indem sie vom Autor erniedrigt und verhöhnt werden. Diese Menschen wollen mit einer neuen Idendität zur Ruhe kommen. Jedes Buch, das der Verlag verkauft, belohnt den rücksichtslosen und menschenverachtenden Zynismus.

Gast: tom green
20.09.2012 19:09
1 1

warum lesen...

warum lesen Sie überhaupt so einen schund, meister taschner?
und regen sich dann noch künstlich auf?
haben Sie das denn nicht vorher gewußt, was für ein machwerk das ist?
lesen Sie doch das buch "zeit,zahl,zufall - alles erfindung?"
das ist ein bißchen besser...

Gast: ccc11
20.09.2012 10:10
3 0

absurde Unterstellungen

Jauffret ist ein Trittbrettfahrer und die perfide Art wie er mit den Opfern umspringt sollte auch rechtliche Konsequenzen haben können. Davor hat er sich allerdings durch einen Trick geschützt und die Opfer sind vermutlich auch einfach froh nichts mehr aufrühren zu müssen. Trotzdem sollte man dieses Buch eher ignorieren statt ihm mediale Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

Gast: Valentin Bählamm
19.09.2012 21:21
1 3

Ihr Kommentar zur Beschneidung war ein schwerer Anschlag auf den Ruf österreichischer Intellektueller!

Es nützt nichts, Herr Professor, sie haben nicht nur ihre Aura empfindlich beschnitten!

Antworten Gast: mohelinski
20.09.2012 07:25
1 0

Re: Ihr Kommentar zur Beschneidung war ein schwerer Anschlag auf den Ruf österreichischer Intellektueller!

Sie sind beim falschen Artikel ...

Antworten Antworten Gast: Valentin Bählamm
21.09.2012 12:59
0 1

Re: Re: Ihr Kommentar zur Beschneidung war ein schwerer Anschlag auf den Ruf österreichischer Intellektueller!

Dder Herr Prof. Taschner läßt nichts unversucht, seine angeschlagenen Ruf hintenherum wieder zu sanieren. Dazu gehört auch dieser Kommentar. Ich brauch den aschner nicht, um zweifelsfrei zu "erahnen", dass so ein Buch eines Trittbrettfahrers nichts anderes als Schund ist.

Geht's noch?

So ein langer Anlauf endet in einer Metapher, die dem Buch anscheinend adäquat ist. Man soll sich nach der Lektüre, dem Griff nach dem Buch "die Hände waschen"? Geht's noch ein bisserl pubertärer? Noch ein bisserl sandkistiger? Ein mieses Buch "beschmutzt" das Hirn - und sonst gar nix!

1 0

Ja sicher


"So ein langer Anlauf endet in einer Metapher, die dem Buch anscheinend adäquat ist."
'
Ist dem Buch angemessen!

Antworten Gast: daniel gran
20.09.2012 07:11
0 1

und das hirn "greift"?

es geht ein bisserl pubertärer, ein bisserl sandkistiger: siehe adam brogans - wer auch immer das ist.

Re: und das hirn "greift"?

Na gut, dass Sie nicht lesen können, haben Sie jetzt bewiesen. Dass Sie ein ausgewiesener Spezialist für Pubertät und Sandkiste sind, auch. Wer immer Sie sind will ich aber gar nicht wissen. Dummköpfe kenn ich eh genug...

Antworten Antworten Antworten Gast: Hansi Hüpfer
20.09.2012 10:33
0 1

Re: Re: und das hirn "greift"?

Das habe ich fast geahnt, dass du nur Dummköpfe kennt! Sage mir, mit wem du umgehst und ich sage dir wer du bist!

Antworten Antworten Antworten Gast: René
20.09.2012 10:14
0 1

Re: Re: und das hirn "greift"?

Dummköpfe kenn ich eh genug...

Man bewegt sich eben am liebsten unter seinesgleichen...

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