Chronik einer die Philharmoniker prägenden Musikerdynastie

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

In Franz Bartolomeys soeben erschienenem Buch „Was zählt, ist der Augenblick“ erfährt man viel von jenen, die in Menschlichkeit und in Musikalität Größe beweisen. Aber auch von den anderen.

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Nun weiß ich, dass es einen Gott im Himmel gibt!“, soll Albert Einstein gerufen haben, als er 1929 in der Berliner Philharmonie nach einem fulminant dargebotenen Violinkonzert den gerade 13-jährigen Yehudi Menuhin umarmte. Es war die Musik, die selbst einen so scharf analytisch denkenden Menschen wie Einstein in Sphären zu versetzen versteht, die vom Alltäglichen Äonen entfernt sind. Wie dies glückt, wird wohl nie jemand erklären können.

Wohl aber kann man darüber erzählen. Und am besten gelingt die Erzählung dann, wenn beides zu Wort kommt: die zauberische Macht der Musik wie auch das Alltägliche mit seinen Mühen und Beiläufigkeiten, Beschwernissen und Freuden in dem gesellschaftlichen und politischen Umfeld, in das man hineingeboren wurde. Eine solch wunderbare Erzählung, die zugleich die Chronik einer die Wiener Philharmoniker prägenden Musikerdynastie ist, gelang dem Solocellisten dieses Orchesters, Franz Bartolomey, in seinem soeben erschienenen Buch „Was zählt, ist der Augenblick“. Genau genommen müsste der Autor FranzIII. Bartolomey genannt werden, denn er ist der Dritte dieses Namens, der Mitglied der Wiener Philharmoniker ist.

Neben all den reizvollen Episoden, über die hier berichtet wird, und den in schönen Bildern wiedergegebenen Erinnerungsstücken des Autors aus der Zeit seines eigenen Wirkens und der seines Vaters und Großvaters, und neben all den gehaltvollen Passagen über die Geheimnisse des Wiener Klanges, der dieses Orchester wie kein anderes auszeichnet, beeindrucken in Bartolomeys Chronik die Erinnerungen an Zeiten, in denen seine beiden Vorfahren lebten und die alles andere als einfach waren.

Der Großvater aus Prag kommend und von der böhmischen Musik erfüllt, wird während der Wirkungszeit von Hofkapellmeister Hans Richter engagiert, der die „Goldene Ära“ der Wiener Philharmoniker im letzten Viertels des 19.Jahrhunderts repräsentiert, als das Orchester die Werke von Anton Bruckner, Johannes Brahms, Peter Iljitsch Tschaikowsky, Hugo Wolf, Carl Goldmark und anderen zum ersten Mal zu Gehör bringt.

Trotzdem ist diese Zeit um 1900, als Wien epochemachendes geistiges und kulturelles Zentrum der Welt war – auch Eric Kandels jüngst erschienenes Buch „Das Zeitalter der Erkenntnis“ berichtet darüber –, von den Ahnungen des Endes einer Ära gezeichnet. Es ermöglicht vielleicht nur die Musik, angesichts des Hereinbrechens politischer Verwerfungen die Balance in seinem persönlichen Dasein zu halten.

Noch deutlicher wird dieser Zwiespalt beim Schicksal des Vaters, der erlebt hat, wie politische Willkür in der Struktur eines Orchesters wüten kann. Allein bei den ersten Geigen hat man – inklusive der Konzertmeister – 1938 sechs Musiker entlassen und durch „arische“ Kollegen ersetzt. Nüchtern schildert Oliver Rathkolb in einem Exkurs, welch übles Ränkespiel nach 1945 Kollegen mit anderen trieben, wobei sich just jene, die aus ihrer Fehlhaltung in den vergangenen Jahren am meisten hätten lernen sollen, als raffinierteste unter den Ränkeschmieden hervortaten.

Es gibt sie, die großen Musiker, die kleine Menschen sind. Aber in Franz Bartolomeys Buch erfährt man viel mehr von jenen, die in Menschlichkeit und Musikalität Größe beweisen. Wie es der Buchautor selbst vermag.


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Zum Autor:

Rudolf Taschner
ist Mathematiker und Betreiber des math.space im
quartier 21, Museumsquartier Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2012)

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