26.05.2013 11:37 Merkliste 0

Die Fundamente allein in der Geschichte zu suchen greift zu kurz

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

Was Peter Menasses neuestes Buch, „Rede an uns“, unter vielen anderen Dingen so interessant macht, ist seine erfrischend nüchterne Sicht auf die Rolle der Geschichte.

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Es war bemerkenswert, wie viel Platz „Die Presse“ am Dienstag dieser Woche der Berichterstattung über die jüdische Gemeinschaft in Österreich widmete: die gesamte Titelseite des Feuilletons war jüdischen Themen gewidmet, auch das „Quergeschrieben“ befasste sich damit.

Dies ist ein gutes Zeichen für die augenfällige Präsenz einer Gemeinde, die zahlenmäßig nur rund zwei Promille der Gesamtbevölkerung bildet, „weniger als Bienenzüchter, Briefmarkensammler oder Bodybuilder“, wie Peter Menasse in seinem Buch „Rede an uns“ schreibt. Menasses Essay ist ein mit Augenzwinkern, mit leisem Humor garniertes Werk, auch mit berührenden Erzählungen aus der Vergangenheit verbrämt, worin er die These vertritt, dass heutige Juden überwiegend keine Opfer mehr sind und in gesundem Selbstbewusstsein mit Blick auf Gegenwart und Zukunft ihre gesellschaftliche Bedeutung erlangen sollen, vielleicht sogar in einigen Jahren in dem Maß, das sie vor einem Jahrhundert hatten.

Einige Passagen des Buches betreffen offensichtlich Kontroversen im inneren Kreis der Gemeinde. Als Außenstehender maßt man sich kein Urteil an, wie statthaft Menasses Kritik am früheren Präsidenten ist – auch angesichts der Tatsache, dass Martin Engelberg in seinem Artikel in einer noblen Geste das Ergebnis bei den Wahlen der Kultusgemeinde als „Zeichen des Dankes und der Anerkennung für Muzicants Leistungen“ deutete.

Was Menasses Buch auch für nicht jüdische Leser unter vielem anderen interessant macht, ist seine erfrischend nüchterne Sicht auf die Rolle der Geschichte: „Neue Generationen wachsen heran. Sie wissen nichts von der Shoah und wenn sie von ihr lernen, so ist das eine ebenso weit entfernte Geschichte, wie jene der Bauernkriege.“

Tatsächlich erfolgt schleichend, aber unaufhaltsam der Übergang von der persönlich erlebten Vergangenheit in die Geschichte. Es ist ein Übergang von etwas, was Menschen nicht nur in ihrem Wissen, sondern auch in ihrem Gemüt und ihrer Seele zutiefst bewegt hat, zu einer lakonischen Betrachtung. Es ist wichtig, Geschichte so zu verstehen: Er wolle, sagt Ranke in einem seltsamen Wort, bloß schildern, „wie es eigentlich gewesen“ ist.

Das Wort „eigentlich“ ist in diesem Satz entscheidend: Es betont Rankes Bemühen bei einer schlechthin unerfüllbaren Aufgabe. Zumal Ranke mit diesem Satz keinen Anspruch erhebt, sich vielmehr bescheidet. Von der Geschichte, so schreibt er, erwarte man sich oft, dass sie über die Vergangenheit richte, dass sie lehre, wie man in Zukunft besser zu verfahren hätte. Aber eben davon sieht er ab. Er will sich mit Geschichtsschreibung nicht als Richter über die Vergangenheit aufspielen.

Darum hat Peter Menasse in seinem Buch einen zentralen Gedanken angesprochen: Die Geschichte zu lernen ist wichtig, um Traditionen zu verstehen und würdigen zu können. In der Geschichte allein das Fundament als Person oder als Gemeinschaft suchen zu wollen, greift jedoch zu kurz. Selbst wenn diese Geschichte unvergänglicher Bestand unserer Lehrbücher bleiben wird: Nie wird sie das leisten, was man aus eigener Erinnerung, aus der Gestaltung der Gegenwart und aus Erwartung einer guten Zukunft an Kraft gewinnen kann.

Peter Menasse: „Rede an uns“, geb., 122 Seiten, Verlag Edition A, 14,90 euro.


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Zum Autor:

Rudolf Taschner
ist Mathematiker und Betreiber des math.space im
quartier 21, Museumsquartier Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2012)

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4 Kommentare

wer will bitte in der geschichte allein (!) "das fundament als person oder gemeinschaft" finden?



no-na ist die eigene erfahrung und erinnerung wichtiger als gelesenes oder erzähltes. so what? die geschichte war aber und stellt als solche für die j. etwas beunruhigendes dar.

was sich ein prof. t. wahrscheinlich nicht vorstellen kann, da seinesgleichen (egal ob in gestalt von "bürgerlichen", katholiken, konservativen) immer auf der seite der sieger war. für die j. gemeinde war das in der vergangenheit meistens anders, mit sehr oft katastrophalen folgen. insoferne jetzt von denen zu verlangen "hollodero, schwamm drüber, das war alles sehr traurig, aber jetzt sind wir alle lustig und froh" ist ein bißchen viel verlangt und auch sinnlos. woran man sich als person oder gemeinschaft erinnert oder nicht kann man keinem vorschreiben.

Bauernkriege vs Shoah

Mag ja sein, dass neue Generationen von der Shoah als historisches Ereignis erfahren. Der Unterschied zu den Bauernkriegen ist dennoch, dass es hierzulande wohl kaum eine jüdische Familie gibt, die nicht irgendwelche Verwandten im Holocaust verloren hat.
Damit der Vergleich mit den Bauernkriegen treffend wird, muss schon noch einige Zeit ins Land ziehen.
Natürlich wird es viele geben, vor allem außerhalb der jüdischen Gemeinde, die es herbeisehnen, dass die Shoah ähnlich der Bauerkriege das Gewissen nicht mehr belasten möge.
Insofern ist Menasses Rede mehr Wasser auf die Mühlen derer, die sich schon um die Aufarbeitung der Vergangenheit gedrückt haben (zumindest hier in Österreich).

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Re: Bauernkriege vs Shoah

naja, ich denke, das ist ja eine der zentralen Fragen (bzw. zu treffende Entscheidung) in diesem Zusammenhang: "Aufarbeitung der Vergangenheit" oder "Fortschreiben/Konstruieren einer Kollektivschuld aus der Geschichte".

Re: Re: Bauernkriege vs Shoah

"kollektivschuld" im sinne von "alle menschen die auf dem territorium x leben sind an irgendwas "schuld"" ist ein popanz der nicht existiert.

die veranwtortung für das was geschehen ist tragen eine menge individuen und ganz bestimmte politische parteien und strömungen. die schuldigen können sie also ganz gut benennen, da müssen sie nicht ein anonymes "kollektiv" dafür bemühen. aber bei uns sind ja immer alle unschuldig und selber opfer gewesen!

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