Es war bemerkenswert, wie viel Platz „Die Presse“ am Dienstag dieser Woche der Berichterstattung über die jüdische Gemeinschaft in Österreich widmete: die gesamte Titelseite des Feuilletons war jüdischen Themen gewidmet, auch das „Quergeschrieben“ befasste sich damit.
Dies ist ein gutes Zeichen für die augenfällige Präsenz einer Gemeinde, die zahlenmäßig nur rund zwei Promille der Gesamtbevölkerung bildet, „weniger als Bienenzüchter, Briefmarkensammler oder Bodybuilder“, wie Peter Menasse in seinem Buch „Rede an uns“ schreibt. Menasses Essay ist ein mit Augenzwinkern, mit leisem Humor garniertes Werk, auch mit berührenden Erzählungen aus der Vergangenheit verbrämt, worin er die These vertritt, dass heutige Juden überwiegend keine Opfer mehr sind und in gesundem Selbstbewusstsein mit Blick auf Gegenwart und Zukunft ihre gesellschaftliche Bedeutung erlangen sollen, vielleicht sogar in einigen Jahren in dem Maß, das sie vor einem Jahrhundert hatten.
Einige Passagen des Buches betreffen offensichtlich Kontroversen im inneren Kreis der Gemeinde. Als Außenstehender maßt man sich kein Urteil an, wie statthaft Menasses Kritik am früheren Präsidenten ist – auch angesichts der Tatsache, dass Martin Engelberg in seinem Artikel in einer noblen Geste das Ergebnis bei den Wahlen der Kultusgemeinde als „Zeichen des Dankes und der Anerkennung für Muzicants Leistungen“ deutete.
Was Menasses Buch auch für nicht jüdische Leser unter vielem anderen interessant macht, ist seine erfrischend nüchterne Sicht auf die Rolle der Geschichte: „Neue Generationen wachsen heran. Sie wissen nichts von der Shoah und wenn sie von ihr lernen, so ist das eine ebenso weit entfernte Geschichte, wie jene der Bauernkriege.“
Tatsächlich erfolgt schleichend, aber unaufhaltsam der Übergang von der persönlich erlebten Vergangenheit in die Geschichte. Es ist ein Übergang von etwas, was Menschen nicht nur in ihrem Wissen, sondern auch in ihrem Gemüt und ihrer Seele zutiefst bewegt hat, zu einer lakonischen Betrachtung. Es ist wichtig, Geschichte so zu verstehen: Er wolle, sagt Ranke in einem seltsamen Wort, bloß schildern, „wie es eigentlich gewesen“ ist.
Das Wort „eigentlich“ ist in diesem Satz entscheidend: Es betont Rankes Bemühen bei einer schlechthin unerfüllbaren Aufgabe. Zumal Ranke mit diesem Satz keinen Anspruch erhebt, sich vielmehr bescheidet. Von der Geschichte, so schreibt er, erwarte man sich oft, dass sie über die Vergangenheit richte, dass sie lehre, wie man in Zukunft besser zu verfahren hätte. Aber eben davon sieht er ab. Er will sich mit Geschichtsschreibung nicht als Richter über die Vergangenheit aufspielen.
Darum hat Peter Menasse in seinem Buch einen zentralen Gedanken angesprochen: Die Geschichte zu lernen ist wichtig, um Traditionen zu verstehen und würdigen zu können. In der Geschichte allein das Fundament als Person oder als Gemeinschaft suchen zu wollen, greift jedoch zu kurz. Selbst wenn diese Geschichte unvergänglicher Bestand unserer Lehrbücher bleiben wird: Nie wird sie das leisten, was man aus eigener Erinnerung, aus der Gestaltung der Gegenwart und aus Erwartung einer guten Zukunft an Kraft gewinnen kann.
Peter Menasse: „Rede an uns“, geb., 122 Seiten, Verlag Edition A, 14,90 euro.
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Zum Autor:
Rudolf Taschner
ist Mathematiker und Betreiber des math.space im
quartier 21, Museumsquartier Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2012)















