22.05.2013 07:30 Merkliste 0

Als gäbe es kein Morgen: Tausend Jahre können kurz sein wie ein Tag

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

Dürfen wir 2013 denen zustimmen, die vom Durchbruch der Moderne überzeugt sind, deren Errungenschaften das Glück der Menschen sichern? Ein Blick zurück um 100 Jahre ist lehrreich.

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In tausend Jahren“, so schreibt Peter Sloterdijk in einer Notiz, „wird man sich an Europa erinnern wie an das Mittlere Reich am Nil. Man wird die Legende vom sozialdemokratischen Kontinent erzählen wie den Mythos von Atlantis. Philologen werden Untersuchungen zu antiken Wörtern wie ,Arbeitslosengeld‘, ,Wohngeld‘ oder ,Kindergeld‘ anstellen, als wären es Hieroglyphen an der Wand eines der Göttin ,Gesellschaft‘ geweihten Tempels.“
Möglicherweise irrt Sloterdijk allein in der Zeitangabe. Seine Vorhersage könnte sich viel früher als erst in tausend Jahren erfüllen. Denn oft kündigte sich in der Geschichte der Verfall einer Epoche dadurch an, dass die in den letzten Zügen dieser Epoche Lebenden nicht nur ihre Errungenschaften als selbstverständlich betrachten, sondern sogar in unzulässiger Übertreibung in Anspruch nehmen: Nur wenige Tage vor dem Sturz des Zaren stritten sich russische Popen über die gottgefällige Länge ihrer Bärte.

Vor hundert Jahren, zum Jahreswechsel von 1912 zu 1913, wünschte man sich zum letzten Mal ein friedvolles Jahr und durfte recht behalten. Wie heute sprach man davon, dass Infernos wie der Dreißigjährige Krieg oder die rohen Feldzüge Napoleons für immer der Vergangenheit angehören.

Zwar gab es dazwischen noch Kriege, zuletzt jenen von 1870/71 – und man ahnte, dass in Kürze wieder Freiwillige aufs Schlachtfeld gerufen werden. Aber fast alle waren davon überzeugt, es werde sich um kurzfristige Aktionen handeln, gleichsam reinigende Gewitter im schwülen politischen Klima. Dass es in Europa zu einem erbarmungslosen jahrelangen Blutvergießen, zum Zivilisationsbruch kommen würde, unvergleichlich härter als der einst von 1861 bis 1865 mit Schrecken wahrgenommene Bürgerkrieg im fernen Amerika, hätte 1913 niemand geahnt.
Im Gegenteil: Wie Florian Illies in seinem Buch schreibt, war 1913 das Jahr, in dem in Literatur, Kunst und Musik die Extreme so ausgereizt wurden, als gäbe es kein Morgen. Man frisst, säuft, kokst sich zu Tode. Man schreibt, obwohl einem die Worte im Munde verfaulen, malt schwarze Quadrate und erkennt in ihnen die Ikonen aller Ikonen, komponiert jenseits der eingängigen Melodien, Harmonien und Rhythmen. Gewissen und Anstand weichen kühler Etikette, der damaligen politischen Korrektheit, unter deren Decke durch nichts gezügelte Leidenschaften lauern.

Die Zukunft scheint verheißungsvoller denn je: Eilschriften können im Minutentakt von Lissabon nach Stockholm versendet werden, Schienen- und Straßennetze überziehen den Kontinent, der Städtebau gedeiht, riesige Bahnhofshallen stellen Kathedralen in den Schatten, der Dampf der Lokomotiven ist mächtiger als der Weihrauch, man weiß, dass die Zeit der Flugmaschinen anbrechen wird. Dem Fortschritt scheinen keine Grenzen gesetzt. Selbstverständlich ist noch viel in der Gesellschaft im Argen, aber auch hier ist längst die Richtung in die gute Zukunft vorgegeben: Schon 1881 hatte Bismarck Gesetze zur finanziellen Absicherung im Falle von Unfall, Krankheit, Invalidität und im Alter beschließen lassen.

Wer hätte 1913 nicht denen zugestimmt, die vom Durchbruch der Moderne überzeugt waren, deren Errungenschaften über Jahrhunderte das Glück der Menschen sichern.
Doch tausend Jahre können kurz sein wie ein Tag.

Zum Autor:
Rudolf Taschner ist Mathematiker und Betreiber des math.space im quartier 21, Museumsquartier Wien.


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3 Kommentare
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ein blick zurück - wie unmodern!

wir sollen doch nach vorne blicken.
da gibt es zwar nichts zu sehen, aber dafür wird uns die fantasie nicht getrübt.

die vergangenheit ist irrelevant. der mensch wird ja bekanntlich täglich intelligenter.

;)

1 4

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Er sollte lieber über die Überwindung der Vergangnehit nachdenken!

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