Wenn es um Lebensführung geht, gelingt es nie, Religiöses auszublenden.

Statt der Einführung eines Ethikunterrichts ist dem Staat vielmehr zu raten, den Religionsunterricht allen Kindern verpflichtend aufzuerlegen.

 

Ulrich Brunner schreibt gelegentlich in der „Presse“, und seine Artikel zeichnen sich meist durch geschliffenen Stil, scharfe, logische Analyse und kluge Schlussfolgerungen aus. Umso mehr enttäuschte er in seinem diesen Montag erschienenen Essay „Ethikunterricht: Die große Anmaßung der Religionen“, in dem er behauptete, nicht der Religions-, sondern nur der Ethikunterricht für alle könne einen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben in einer multireligiösen Gesellschaft leisten.

Von einem Klischee gegen den Religionsunterricht zum nächsten hat sich Brunner gehantelt, fest dem Glauben verhaftet, etwas ist bereits dann wahr, wenn es – dem Zeitgeist entsprechend – plausibel ist. Der absolute Wahrheitsanspruch der Religion wird als Quelle der Intoleranz ausgemacht. Aber er übersieht völlig, dass es einen himmelhohen Unterschied zwischen der Wahrheit gibt, von der die einzelne Person in ihrem ganzen Wesen getragen wird, und der Wahrheit, die als Dogma – Extra ecclesiam salus non est – oder als Parole – Liberté, Égalité, Fraternité – verkündet wird und alle verpflichtet werden, an sie zu glauben. Und dass nur die zweitgenannte dieser „Wahrheiten“ der Unduldsamkeit anderen gegenüber Vorschub leistet.

Oder Brunner betont, dass die schrecklichsten Diktatoren der Neuzeit Religionsunterricht erhalten haben, Hitler beispielsweise bis zu seinem Lebensende römisch-katholisch gewesen ist. Abgesehen davon, dass dies nichts besagt, darf man davon ausgehen, dass Hitler die Kirche nur als politische Kraft zur Kenntnis genommen hat. Er selbst tickte in seinem Glauben ganz anders: „Was heißt das ,Leben‘?“, klagte er in seinem Hauptquartier, als er erfuhr, dass Paulus nach der Niederlage bei Stalingrad nicht Selbstmord beging. „Das Leben, Volk; der Einzelne muss ja sterben. Was über den Einzelnen leben bleibt, ist ja das Volk.“ Und knapp vor seinem eigenen Ende murrte er darüber, dass er mit seinem Tod all seine Erinnerungen verliere, aber sagte zum Schluss lakonisch: „Aber was heißt das alles? Einmal muss man doch den ganzen Zinnober zurücklassen.“

Natürlich wird Ulrich Brunner beipflichten, dass es ein Bildungsziel der Schule ist, den jungen Menschen nahezubringen, dass die Welt kein Zinnober ist. Nur misstraut er dabei den Agenten der Religionsgemeinschaften, er setzt vielmehr auf einen religionsneutralen Unterricht. Und übersieht jedoch, dass es einen solchen – fasst man das Wort „Religion“ weit genug – gar nicht geben kann. Er irrt, wenn er glaubt, die sogenannte „goldene Regel“ oder der kategorische Imperativ des Immanuel Kant stellten eine tragfähige Basis eines für alle bindenden Ethikunterrichts dar: Schon im 19.Jahrhundert wurde diese von Geistesgrößen wie Max Stirner oder Friedrich Nietzsche unterminiert. Das „Was soll ich tun?“ ist in letzter Konsequenz eine religiöse Frage.

Darum ist statt der Einführung eines Ethikunterrichts dem Staat vielmehr zu raten, den Religionsunterricht allen Kindern verpflichtend aufzuerlegen – sie können die jeweilige Religion wählen, aber eine der staatlich anerkannten muss es sein. Die jungen Menschen sollen mehr als abstrakte Ethik kennenlernen, und sie sollen von der „Wahrheit“ erfahren, welche die Lehrerpersönlichkeit prägt. Und der Staat garantiert, dass der Religionsunterricht im Geiste der Aufklärung und frei von missionarischem Beiwerk erteilt wird.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2013)

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