Wenn es um Lebensführung geht, gelingt es nie, Religiöses auszublenden.

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

Statt der Einführung eines Ethikunterrichts ist dem Staat vielmehr zu raten, den Religionsunterricht allen Kindern verpflichtend aufzuerlegen.

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Ulrich Brunner schreibt gelegentlich in der „Presse“, und seine Artikel zeichnen sich meist durch geschliffenen Stil, scharfe, logische Analyse und kluge Schlussfolgerungen aus. Umso mehr enttäuschte er in seinem diesen Montag erschienenen Essay „Ethikunterricht: Die große Anmaßung der Religionen“, in dem er behauptete, nicht der Religions-, sondern nur der Ethikunterricht für alle könne einen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben in einer multireligiösen Gesellschaft leisten.

Von einem Klischee gegen den Religionsunterricht zum nächsten hat sich Brunner gehantelt, fest dem Glauben verhaftet, etwas ist bereits dann wahr, wenn es – dem Zeitgeist entsprechend – plausibel ist. Der absolute Wahrheitsanspruch der Religion wird als Quelle der Intoleranz ausgemacht. Aber er übersieht völlig, dass es einen himmelhohen Unterschied zwischen der Wahrheit gibt, von der die einzelne Person in ihrem ganzen Wesen getragen wird, und der Wahrheit, die als Dogma – Extra ecclesiam salus non est – oder als Parole – Liberté, Égalité, Fraternité – verkündet wird und alle verpflichtet werden, an sie zu glauben. Und dass nur die zweitgenannte dieser „Wahrheiten“ der Unduldsamkeit anderen gegenüber Vorschub leistet.

Oder Brunner betont, dass die schrecklichsten Diktatoren der Neuzeit Religionsunterricht erhalten haben, Hitler beispielsweise bis zu seinem Lebensende römisch-katholisch gewesen ist. Abgesehen davon, dass dies nichts besagt, darf man davon ausgehen, dass Hitler die Kirche nur als politische Kraft zur Kenntnis genommen hat. Er selbst tickte in seinem Glauben ganz anders: „Was heißt das ,Leben‘?“, klagte er in seinem Hauptquartier, als er erfuhr, dass Paulus nach der Niederlage bei Stalingrad nicht Selbstmord beging. „Das Leben, Volk; der Einzelne muss ja sterben. Was über den Einzelnen leben bleibt, ist ja das Volk.“ Und knapp vor seinem eigenen Ende murrte er darüber, dass er mit seinem Tod all seine Erinnerungen verliere, aber sagte zum Schluss lakonisch: „Aber was heißt das alles? Einmal muss man doch den ganzen Zinnober zurücklassen.“

Natürlich wird Ulrich Brunner beipflichten, dass es ein Bildungsziel der Schule ist, den jungen Menschen nahezubringen, dass die Welt kein Zinnober ist. Nur misstraut er dabei den Agenten der Religionsgemeinschaften, er setzt vielmehr auf einen religionsneutralen Unterricht. Und übersieht jedoch, dass es einen solchen – fasst man das Wort „Religion“ weit genug – gar nicht geben kann. Er irrt, wenn er glaubt, die sogenannte „goldene Regel“ oder der kategorische Imperativ des Immanuel Kant stellten eine tragfähige Basis eines für alle bindenden Ethikunterrichts dar: Schon im 19.Jahrhundert wurde diese von Geistesgrößen wie Max Stirner oder Friedrich Nietzsche unterminiert. Das „Was soll ich tun?“ ist in letzter Konsequenz eine religiöse Frage.

Darum ist statt der Einführung eines Ethikunterrichts dem Staat vielmehr zu raten, den Religionsunterricht allen Kindern verpflichtend aufzuerlegen – sie können die jeweilige Religion wählen, aber eine der staatlich anerkannten muss es sein. Die jungen Menschen sollen mehr als abstrakte Ethik kennenlernen, und sie sollen von der „Wahrheit“ erfahren, welche die Lehrerpersönlichkeit prägt. Und der Staat garantiert, dass der Religionsunterricht im Geiste der Aufklärung und frei von missionarischem Beiwerk erteilt wird.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2013)

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43 Kommentare
 
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Mit anderen Worten

Es ist eine Unmöglichkeit, von Tatsachen über logische Schlüsse zu Handlungsempfehlungen zu kommen. Dazwischen liegen logisch nicht begründete und nicht begründbare Einstellungen, Werte, Vorurteile. Diese wiederum sind schon per definitionem aus der Wissenschaft ausgeschlossen. Daher liegt hier das Feld der Religionen und einer wiederum per definitionem nicht wissenschaftlichen Ethik.
Wieso ich jetzt die Glaubenssätze einer Ethik den Glaubenssätzen einer Religion vorziehen soll, kann ich nicht erkennen.


Re: Mit anderen Worten

Es ist schlichtweg falsch, dass sich Ethik und ihre Handlungsanweisungen einer wissenschaftlichen Analyse entziehen.

Es gibt einen Grundsatz ethischen Handelns, mit dem man in 99% der Fälle durch kommt: "Was du nicht willst dass man dir tu', das füg' auch keinem anderen zu". Mit dieser Form der Reflexivität lassen sich bei ein wenig Nachdenken alle anderen Regeln ableiten und ausgesprochen menschliche Entscheidungen treffen.

Stammt übrigens von Konfuzius, der Satz...

Re: Re: Mit anderen Worten

Man kann die voraussichtlichen Folgen ethischen Handelns (was auch immer man darunter verstehen will) wissenschaftlich analysieren, das macht die Ethik aber nicht zu einer Wissenschaft.
Der Satz, den Sie anführen (die Goldene Regel), mag zu menschlichen Handlungen führen, ist aber ein völlig unwissenschaftlicher Glaubenssatz. Und wofür braucht man Ethik, wenn sie dann doch nur die Goldene Regel wiederkäut, die ohnehin allen Weltreligionen gemein ist?

Re: Re: Re: Mit anderen Worten

Der Gedanke an eine wissenschaftliche Ethik mag ihren Glaubensgrundsätzen zuwider laufen. Dennoch zeigen spieltheoretische Ansätze, dass die Ethik mindestens einem experimentellen Wissenschaftsansatz zugänglich ist. Mindestens. Zeigt doch die Diskursethik klare Parallelen mit formallogischen Systemen.

Die Goldene Regel mag per se noch nicht spieletheoretisch untersucht worden sein. Jedoch wurden bereits zwei abgeleitete Regeln, nämlich "Auge um Auge" und das Grundprinzip der christlichen Vergebung aka "Liebe deinen Nächsten" in Experimenten als ideale Strategien zur Entwicklung von Zusammenarbeit identifiziert. Und es besteht wohl kein Zweifel daran, dass beide Regeln zutiefst ethisch sind.

Insofern kann man nur festhalten: es gibt eine Wissenschaft, die sich mit ethischen Regeln beschäftigt. Diese nicht als "Ethik-Wissenschaft" anzuerkennen ist reine Polemik...

Re: Re: Re: Re: Mit anderen Worten

Ob die Ethik eine wissenschaft ist oder nicht, ist eine Frage der Wissenschaftstheorie. und die sagt nein dazu. Wenn sie die Folgen der ethischen Handelns wissenschaftlich untersuchen, dann begründen Sie eine Wissenschaft von den Folgen ethischen Handelns, das macht aber die Ethik selbst nicht zur Wissenschaft. In der Spieltheorie geht es um die "rationale" Nutzenmaximierung, wobei ein utilitaristischer Nutzenbegriff zu Grunde gelegt wird. Es gibt Menschen, die eine "Ethik der rationalen Nutzenmaximierung" betreiben - man nennt sie i.a. Soziopathen.
Wenn Sie im übrigen von "idealen" Strategien schreiben, dann haben Sie völlig unwissenschaftlich eine Wertung durchs Hintertürchen hereingeschummelt.

Erst Pro-Beschneidung

Jetzt Pro-Religion und Kontra-Laizismus.

Schade, gerade von einem Mathematiker hätte ich mehr Logik erwartet.

Ich war mal ein großer Taschner-Fan, ob seiner tollen Vorträge. Jetzt nicht mehr...

Re: Erst Pro-Beschneidung

Mir ist es genau so gegangen!
Man darf auf die weitere Entwicklung gespannt sein. Fest steht, dass speziell in katholischen Ländern wie Bayern und Österreich der Anteil abergläubischer Menschen höher als in vergleichbaren anderen Gegenden ist. Und unter diesen Aberglauben fällt auch Homöopathie und Co. Vielleicht kommt jetzt Prof. Taschner über Vitalkraft und Gottes Odem auf die Bioinformation der Homöopathie und verbrüdert sich mit Prof. Frass!

Außerdem stören mich Ihre Formulierungen

oft, wenn Sie wie hier ebenfalls wieder, Ihre persönliche Meinung zu einem (vermuteten?) breiten Konsens hochstilisieren mit dem einfachen Mittel " Umso mehr enttäuschte er in seinem diesen Montag erschienenen Essay (...)" anstatt anständigerweise ein kleines "mich" einzufügen nach "er" ... Ich sehe das mittlerweile symptomatisch.

Ich wäre dafür,

Sie würden sich mit Herrn Liessmann auf einen Plausch zu diesem Thema zusammensetzen und uns ihr "Das „Was soll ich tun?“ ist in letzter Konsequenz eine religiöse Frage." hier ersparen. Oder sie beschäftigen sich mehr mit neuerer Forschung in der Evolutionstheorie ...

Oder sie beschäftigen sich mehr mit Mathematik ...

Absurd

"Die jungen Menschen sollen mehr als abstrakte Ethik kennenlernen, und sie sollen von der „Wahrheit“ erfahren, welche die Lehrerpersönlichkeit prägt." Warum dann bitte nicht auch von der "Wahrheit" einer atheistischen Lehrerpersönlichkeit?
Herr Professor, hören Sie bitte auf damit, anderen Ihren persönlichen Geschmack aufzwängen zu wollen!

Antrag auf neue Seligsprechordnung!

Bisher war es ja nur möglich nach glücklichem Tod selig oder gar heilig gesprochen zu werden. Man wurde zur Ehre der Altäre erhoben. Natürlich nur, wenn man nachgewiesenermaßen gottgefällig. im katholischem Sinn, gelebt hat.
Wenn unser bester aller Vorzeigekatholiken aus der Wissenschaft der Mathematik, die ja irgendwie dogmatisch ist, denn 2 und 2 ist nicht 5 sondern nur 4, so weitermacht, wird es womöglich erlaubt sein, ihn schon zu Lebzeiten um Fürbitte beim Allerhöchsten hochamtlich anzurufen. Ob das was hilft unterleigt allerding der Wahrscheinlichkeitsrechnung, die weniger und oft zu wenig dogmatsch ist.

Ethik

ist wie Esperanto. Wenn ich jemanden verstehen will, muss ich seine Sprache sprechen.
Viele der hier Schreibenden haben sich wohl nicht einmal mit einer "Sprache" intinsiv beschäftigt.

Re: Ethik

Wenn man eine ganze Gruppe von Menschen beleidigen will, sollte man höllisch aufpassen, dass man sich nicht durch einen dummen Fehler zu einem der ihren macht... :-)

Es ist bedauerlich,

wenn ein angesehener Wissenschaftler mit seltenem volksbildnerischen Talent sich auf ein gesellschaftlich relevantes Gebiet begibt, bei dem er jedes wissenschaftliche Denken, ja, jede Logik fallen lässt und eine ideologische Brille aufsetzt.
Beim Thema "Religion" ist es jedesmal so weit: Wie kürzlich beim Thema Beschneidung, wo Taschner nicht einmal vor der Verunglimpfung Betroffener zurückschreckte, die über ihre leidvolle Erfahrung berichtet haben, so auch diesmal.
Ulrich Brunners stringenter Kommentar kann durch diese misslungene Werbeeinschaltung für den verpflichtenden Religionsunterricht für alle (!) nicht beschädigt werden. Da werden sich ja jene Eltern freuen, die sich - vielleicht schmerzlich - von der r.k. Kirche befreit haben und ihre Kinder nicht taufen haben lassen, wenn diese plötzlich wieder in der Religions- statt in Ethikstunde sitzen!


Re: Es ist bedauerlich,

Ja, bedauerlich. Entweder versteht Taschner das Menschenrecht auf freie Religionsausübung nicht. Dann hat er ein Verständnis-Problem. Oder er interpretiert es so, dass nur SEINE Religion frei ausgeübt werden darf. Dann hat er ein Problem mit der Mengenlehre. Oder er versteht die Schlussfolgerung aus diesem Menschenrecht nicht, nämlich dass sich andere aus der eigenen Religion heraus zu halten haben. Dann hat er ein Problem mit der Logik. Alles drei ist einem Mathematiker unwürdig...

Abstrakte Ethik?

Religion wurde wohl nur geboren, als Methode der Bewirtschaftung der gesellschaftlichen (abstrakten) Ethik durch eine Elite, die daraus ein Dogma und sich selbst zu Propheten desselben machten.

Es reicht, wenn jungen Menschen die Funktion eines Sozialverbundes von Lebewesen nähergebracht wird - jene Mechanismen, die so einen sozialverbund erfolgreich machen, sind bereits alles, an Ethik, was man abseits der Dogmen jemals braucht.

Auch hier ist die Zeit der Aufklärung längst gekommen, und dogmatische, religiöse Modell sind überholt. Auch Ethik ist längst rational und wissenschaftlich erklärbar - da braucht es keine Götter (und auch nichts Abstraktes).

schreker

Also, durch überragende Intelligenz ist der Taschner ja noch nie aufgefallen, aber das war jetzt wohl der endgültige Knieschuß. Jetzt kann ihn keiner mehr ernst nehmen.

Was hat denn Intelligenz mit Glauben und Moral zu tun?

. . . daß aber Intelligenz ohne Religion der Menschheit größtes Problem ist, dürften Sie noch nicht wahrnehmen.

Re: schreker

Und an ihn glauben wohl auch nicht mehr. ;-)

Taschner hat recht!

Ich finde, recht hat er, der Taschner: Wenn es um Lebensführung geht, gelingt es nie, Religiöses auszublenden.

Bekanntlich spielt in der katholischen Lehre Moral eine große Rolle. Und da kommt man ganz schnell auf Themen zu sprechen wie kirchlich verordnete Sexualmoral, auf Missbrauch Schutzbefohlener, auf nicht erfolgte wenigstens materielle Entschädigung Missbrauchter und Ausgebeuteter, Ausgrenzung Andersgläubiger (die Kirche ist in Deutschland der zweitgrößte Arbeitgeber nach dem Staat, sie grenzt als Arbeitnehmer konsequent Juden, Muslime, Atheisten aus!), auf Ächtung naturgegebener anderer sexueller Orientierungen, auf sachlich und politisch nicht begründbare Vorrechte z.B. in Rundfunk und Fernsehen, auf Geldwäsche, die gerade der Vatikanbank wieder einmal von der italienischen Staatsbank vorgeworfen wird – kurz auf all das, was man unter heuchlerischer Doppelmoral zusammenfassen kann. Gerade jene religiöse Institution, die sich als Quelle, Bewahrerin und Interpretin göttlich gestifteter Moral versteht, bietet unter dem Stichwort "Religöses" reichlich Diskussionsstoff und Erklärungsbedarf. (uwelehnert.de)

Erklärungsbedarf? . . . "Deutschland über alles!"


Taschner hat unrecht!

Moralisches Handeln braucht keine Religion.

Re: Taschner hat recht!

Eine echt arme Argumentation.

Für Ethikunterricht

Sie haben Recht, es gibt "die Wahrheit, von der die einzelne Person in ihrem ganzen Wesen getragen wird" und es sind nicht die Dogmen und Parolen. Im Religionsunterricht lernt man aber nur ein Dogmensystem und das führt zur "Unduldsamkeit". Ihr Argument spricht gegen den Religionsunterricht, und für die Ethik, in der verschiedene Systeme gelehrt werden könnten!

Herr Brunner führt zur Widerlegung einer These zwei Gegenbeispiele an. Das ist durchaus legitim. Übrigens ist das eine Methode, die auch Sie Herr Taschner in einem Ihrer Vorträgen verwendet haben, wenn auch mit umgekehrtem Vorzeichen.

Für Ethikunterricht 2

Wenn man, Ihrem Argument folgend, den Begriff "Religion" nur weit genug fasst, dann bin auch ich, als Atheist, religiös und damit berechtigt, religiös zu erziehen. Eine absurde Vorstellung! Wohl aber fühle ich mich in der Lage, Ethik zu lehren. Wenn die Tragfähigkeit des kategorischen Imperativs von Nietzsche bezweifelt wird, dann spricht das doch eher gegen Nietzsche und nicht gegen den Imperativ als Grundlage einer Ethik!

Wie stellen Sie sich einen Religionsunterricht für alle Religionen, natürlich auch der "atheistischen Religion" in der Praxis vor? Das wird organisatorisch schwer werden.
Einfach hingegen ist ein allgemeiner, gemeinsamer Ethikunterricht. Die religiöse Erziehung kann am Sonntag nach der hl. Messe stattfinden.
Übrigens, mit Ihrer Beschränkung auf "staatlich anerkannte Religionen" und frei von "missionarischem Beiwerk", werden Sie sicher überall grosse Zustimmung ernten!
;-)

 
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