Englisch lernen!“ so lautet der programmatische Titel eines beherzten „profil“-Artikels Georg Hoffmann-Ostenhofs. Mit Verve stürmt er durch weit geöffnete Tore. Denn wer wird leugnen, dass die Beherrschung des Englischen – oder was man dafür hält, ich komme gleich darauf zurück – zu selbstverständlichen Kulturtechniken der Moderne gehört? Wie einstens in grauer Vorzeit das Kopfrechnen oder das Schreiben mit der Feder?
Aber Hoffmann-Ostenhof lässt sich in seiner Begeisterung für die moderne Lingua franca nicht bremsen und wirbt sogar mit abenteuerlichsten Argumenten: „Selbst der Dschihad ist anglifiziert: Wenn Attentate geplant werden, verständigen sich die pakistanischen, persischen und arabischen Islamisten auf Englisch.“ Das tut doch gut zu wissen und ist sicher eine hinreißende Motivation für Englischlehrerinnen und -lehrer...
Differenzierter diagnostizierte das Streben zur Lingua franca der sich in mehreren Sprachen wie zu Hause fühlende Linguist und Philosoph George Steiner: „Stellen Sie sich vor“, deklamierte er mit sonorer Stimme in einem Radiointerview, „zwei japanische Piloten kommunizieren mit dem Tower eines marokkanischen Lufthafens. Welche Sprache sprechen sie? Englisch?“ Tiefe Melancholie schwang in diesen Worten mit. Mark Landler, der Chef des Deutschlandbüros der New York Times, sagte auf meine Frage, ob er das Luftfahrtgerede für Englisch hält, lakonisch: „Comes near to.“ Die Piloten sprechen einen allen verständlichen Kauderwelsch, aber Englisch darf man es eigentlich nicht nennen.
Deshalb muss man Hoffmann-Ostenhof leise widersprechen, wenn er meint: „Die größte englischsprachige Nation, die USA, umfasst nur 20 Prozent der Englischsprechenden. 350 Millionen von diesen leben allein in Asien – ungefähr so viele wie in den USA, in Großbritannien und Kanada zusammen. Die englische Sprache ,gehört‘ nicht mehr den Briten oder Amerikanern, sondern der ganzen Welt.“ Ist es doch nicht Englisch, das der ganzen Welt gehört, sondern eine Koiné, ein extrem reduziertes Instrument der Verständigung, das sich aus dem Englischen ableiten lässt. Aber Englisch: Das ist ein Universum, so vielfältig, so subtil, so variantenreich, dass es praktisch niemandem gelingt, sie als Jugendlicher oder gar als Erwachsener muttersprachengleich zu lernen.
Trotz des guten Unterrichts, den ich als Gymnasiast erfuhr, bin ich weit von einer echten Beherrschung des Englischen entfernt, und ich bedaure es sehr, dass in Volksschulen Bastel- und Backstunden zelebriert werden, aber kein fundierter Englischunterricht, der das in den Kindern vielleicht gerade noch geöffnete Fenster zum perfekten Spracherwerb erreicht.
Die „Englisch“ genannte Lingua franca werden wir bald alle können. Aber damit ist wenig gewonnen. Denn die Welt, die damit erfasst wird, bleibt blass. Damit kann man Termine vereinbaren, Fragen der Technik erörtern, nicht viel mehr. Um sich der Vielfalt der Welt stellen, gleichsam Türme bis zum Himmel errichten zu können, tut es Not, einerseits die Muttersprache zu vertiefen und sich andererseits anderen Sprachen zu nähern: sicher dem Englischen, aber nicht nur.
Rudolf Taschner ist Mathematiker und Betreiber des math.space im Wiener Museumsquartier.
meinung@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2007)

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