21.11.2009 21:11 | Meine Presse Merkliste0

Die Mär, die Welt sei berechenbar

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

Keine Sicherheit ist in Sicht. Nirgendwo und niemals.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

In einem dieser Tage erscheinenden, sehr lesenswerten Buch antwortet Kardinal Schönborn eingehend und freimütig auf eine Fülle von Fragen, die Barbara Stöckl – nur wenige wissen, dass diese Journalistin zugleich studierte Technische Mathematikerin ist – präzise zu formulieren versteht. „Wer braucht Gott?“, lautet eine dieser Fragen, die im Verlauf des ersten Kapitels („Die Gretchenfrage“) gestellt wird. „Wer braucht Gott?“, so lautet der Titel des ganzen Buches.

„Ich brauche ihn nicht mehr, nicht einmal als Hypothese“, behauptete vor gut 200 Jahren Pierre Simon Laplace, nachdem es ihm gelungen war, Störungen des Planetensystems durch Jupiter und Saturn als harmlos zu entlarven. Newton hatte noch „Gott gebraucht“, denn er meinte, dass nur durch den Eingriff des Allmächtigen die Stabilität des Planetensystems gewahrt bleibt. Laplace ersetzte Newtons theologische Lösung dieses Problems durch eine mathematische.

Die Hoffnung, alles durch Kalkül verniedlichen zu können, ist uralt. Peter von Matt schrieb aus Anlass der diesjährigen Salzburger Festspiele (Motto: „Die Nachtseite der Vernunft“), darüber einen brillanten Aufsatz: Als noch der Teufel hinter dem Weltgeschehen vermutet wurde, meinten viele nach dem Vorbild des Max aus dem Freischütz oder des Faust, mit ihm ließe sich ein Pakt aushandeln. Woran er sich auch halten würde.

Eine Wahnidee, mit dem Teufel rechnen zu wollen. Dennoch bleibt in der Moderne diese Geisteshaltung maßgebend: Alles in der Welt sei im Grunde berechenbar; Unglücksfälle gründeten eigentlich auf Rechenfehlern, auf Unachtsamkeiten. Den Teufel ersetzt ein „Laplacescher Dämon“, ein von Laplace erdachtes extrem intelligentes Wesen, das die Zustandsgleichungen aller Atome des Universums zu lösen verstünde und in der Lage wäre, alles vorauszuberechnen. Kein noch so verworrenes Ereignis in der Welt bliebe seinen Augen verborgen. Heute wissen wir: Auch der Laplacesche Dämon ist Chimäre. Für Gläubige an die Berechenbarkeit der Welt kein Grund zu verzagen: Die Wahrscheinlichkeitsrechnung, auch von Laplace vorangetrieben, bietet mächtigen Ersatz. Eine florierende Industrie von Versicherungen belegt dies mit ihrem Erfolg: „Dieser Tod ist so sinnlos“, klagt der Vater eines Unfallopfers. Während sein Anwalt Millionen verlangt. Genau kalkulierte Zahlungen kompensieren Schicksalsschläge und Katastrophen. Sind die Prämien errichtet, rentiert sich für beide Seiten das Geschäft. Eine von der Mathematik der Wahrscheinlichkeit konstruierte künstliche Welt wird über die ursprüngliche gestülpt, um Kataklysmen als Zufälligkeiten zähmen zu können.

Hiob konnte mit seinem Gott noch hadern. Doch heute scheinen die Klagen der vom Schicksal Getroffenen gegen den Himmel ungehört zu verhallen. So bleibt als müder Ersatz nur das Klagen im Rahmen der irdischen Justiz, die nach Heller und Pfennig zu entschädigen weiß. Vermag sie deshalb den Schmerz zu lindern? Oder bleibt der wahre Trost aus? „Braucht“ man deshalb Gott? Oder ist diese Frage, aller Unberechenbarkeit der Welt zum Trotz, blasphemisch? Aus dem oben genannten Buch kann man erfahren, wie Österreichs höchster Repräsentant der katholischen Kirche darüber denkt.

Rudolf Taschner ist Mathematiker und Betreiber des math.space im Wiener Museumsquartier.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2007)

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentieren BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

13 Kommentare
Gast: gast
09.08.2007 21:04
0 0

Überraschung !!!

Schönborn glaubt an diesen katholischen Gott !!!

Antworten Gast: ggg
10.08.2007 18:47
0 0

Re: Überraschung !!!

Er hat ihn sich ausgerechnet, denn das Wort ist in seiner Bibel immer großgeschrieben
und das MUSS ja irgendeine Bedeutung haben...

Gast: Jack
09.08.2007 12:46
0 0

Erinnerung

In der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts
lernte die Menschheit einige Teufel in Menschengestalt kenen:Hitler, Himmler, Stalin, Berija....Es stimmt, auch sie waren nicht berechenbar!
Zum Laplace¿schen Dämon:
Wäre dieses extrem intelligente Wesen von dieser (materiellen) Wellt, müßte es sich selbst in seine Berechnungen einbeziehen , ein typischer Fall von Selbstbezug.
Wäre es nicht von dieser Welt, wer hindert uns dann, es Gott zu nennen?

Antworten Gast: schnauz
10.08.2007 23:01
0 0

Re: Erinnerung

Nicht so schnell! Nach moderner Auffassung ist _keine_ Intelligenz "von dieser (materiellen) Welt", d.h., ausgedehnt; der Selbstbezug hat keinen Einfluß auf die Welt, ohne daß man deswegen schon gleich Gott wäre.

Läßt man diese Auffassung fallen, dann fallen auch die Erhaltungssätze der modernen Physik (und damit diese selbst). (Henri Bergson hat allerdings eine _minimale_ Einflußmöglichkeit bei _maximaler_ Anstrengung erwogen: "spirituelle Energie".)

Antworten Gast: wms
10.08.2007 10:46
0 0

Heisenberg¿sche Unschärferelation

Die moderne Naturwissenschaft hat ja bewiesen, dass das Gedankenexperiment des Laplace¿schen Dämons eben nicht funktioniert. Unser Weltbild wurde durch die Quantenphysik (in der der Zufall eine große Rolle spielt und in der eben nicht alle Größen vollständig gemessen bzw. bestimmt werden können) völlig auf den Kopf gestellt. Die bekannte Metapher als Antwort auf A. Einstein: "Und Gott würfelt doch!"
Zum Versuch, eine Brücke zwischen diesen neuen Erkenntnissen und traditioneller Mystik zu schlagen, liefert das Buch "Das Tao der Physik" (F. Capra) zumindest Denkanstöße.

Antworten Antworten Gast: Jack
10.08.2007 15:12
0 0

Re: Heisenberg¿sche Unschärferelation

Sie habe natürlich mit Ihrem Einwand bezüglich Berechenbarkeit und Quantenmechanik recht, umso mehr, als
die Bellsche Ungleichung die Existenz von "hidden variables ", die eben nur dem Laplace`schen Dämon bekannt wären,ausschließt !
Ich wollte aber mit meinem Beitrg nur auf eine Paradoxie des Läplace¿schen Dämons hinweisen !!

Antworten Gast: gast
09.08.2007 21:04
0 0

Jaja, WENN so ein Wesen existieren würde

könnte man es Gott oder Allah oder Fliegenden Spaghetti Monster (http://venganza.info) nennen.
Aber vielleicht sind es auch MEHRERE, oder GAR KEINES.

Antworten Gast: Jack
09.08.2007 13:53
0 0

Re: Erinnerung

...natürlich ...kennen!

Ophicus
09.08.2007 12:08
0 0

Wer braucht Gott?

Fangen wir diese Gottesfrage doch mal viel provokanter an:
Gott existiert!

Zumindest als Idee, um es mal ganz philosophisch zu betrachten.
Aber was ist er/sie/es?
Für die einen ist er ein entrückter alter Mann, der auf seiner metaphorischen Wolke sitzt und dem Theater des Universums zusieht - mit dem wissenden Lächeln eines Laplaceschen Dämons, der das Drehbuch auswenig weiß.
Für die anderen ist er die Summe aller Gesetze und Gewalten, die das Universum beherrschen. Der Eine der Planeten kreisen und Atome tanzen lässt. Vielleicht berechenbar, aber jedenfalls da. Beschreibbar durch die eine Superformel, die zu finden bisher noch keinem Wissenschaftler gelungen ist, doch die alles erklären würde. Wirklich alles.
Jeder braucht Gott, sofern man für Gott einen gewissen Wert annimmt. Soll heißen jeder braucht irgendetwas auf das er sein Universum aufbauen kann. Nennen wir diese Variable Gott und wir haben die Eingangsfrage gelöst.
Alles was bleibt ist die simple Frage: WAS ist Gott?

Antworten Gast: gast
09.08.2007 12:54
0 0

Es gibt VIELE VERSCHIEDENE Götter

Da Götter nur Ideen sind, die von Menschen geschaffen wurden, ist es wohl naheliegend, dass es auch die verschiedensten Varianten dieser Ideen gibt.
Was sie alle gemeinsam haben, das ist ihr fehlender Bezug zur Realität.

Ophicus
09.08.2007 14:36
0 0

Falsch

Jede von Menschen geschaffene "Gottesidee" basiert auf der Realität. Blitz und Donner sind einigermaßen reale Phänomene, deren Unerklärlichkeit so manche Gottesidee beflügelt hat.
Der Bezug zur Realität ist also durchaus vorhanden.
Die Idee dass es "etwas da draußen" gibt, daß Blitz und Donner verursacht ist ja nicht einmal falsch. Kompliziert ist also nicht die Frage "gibt es etwas da draußen", sondern "was gibt es da draußen"?
Irgendetwas hält das Universum in Gang und verursacht alles was wir "Realität" nennen. Ob das jetzt kleine Grüne Männchen sind die mit Dreizack und Flammenschwert herumhantieren oder ein Supercomputer der unser Universum als Simulation laufen lässt entzieht sich jeder Überprüfung (soweit wir wissen).

Okay, aber das wird zu pseudophilosophisch für den engen Rahmen hier.

Antworten Antworten Antworten Gast: gast
09.08.2007 21:38
0 0

OK, der Gott des Blitzes ist also ZEUS

Und der christliche Gott hat also schon mal KEINE Hoheit mehr über die Blitze.
Folglich kann er gar nicht allmächtig sein.
Is doch logisch, oder ?
Jedenfalls theo-logisch :))))))

Ophicus
10.08.2007 10:21
0 0

Re: OK, der Gott des Blitzes ist also ZEUS

Gerade ein Österreicher sollte wissen, dass für eine Agenda durchaus mehrere Leute zuständig sein können.

Und Blitze schleudern kann sowieso heutzutage jeder.

Mehr Quergeschrieben:

Top-News