25.05.2012 22:06 | Meine Presse Merkliste 0

Vergesst Pisa!

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

Auf die Inszenierung eines Aufschreis ohne Konsequenzen kann man verzichten.

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Eine zweieinhalb Meter lange Leiter, die an einer senkrechten Wand lehnte, rutscht eineinhalb Meter nach vor. Wie weit gleitet sie dabei herab?“ Beispiele wie dieses testen nicht Begabung oder Begeisterung für Bildung, sondern allein die Aneignung von Kompetenzen, die man von 15-Jährigen erwarten darf. Seit ältester Zeit wurden solche Aufgaben gestellt, die oben genannte schon im alten Babylon. Das Testen à la Pisa ist nicht originell, sondern ein alter Hut.

Nur zwei Aspekte zeichnen Pisa aus. Erstens der Anspruch des Globalen: Die Testserie erstreckt sich weltweit über alle Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs, über kulturelle Differenzen und Unterschiede in Schulsystemen hinweg. Wie Erich Witzmann letzten Montag in der „Presse“ brillant belegte, versagt Pisa vor diesem selbst erhobenen Anspruch. Zweitens die Anonymität: Nicht die oder der Einzelne finden Beachtung, sondern riesige Kohorten werden geprüft, nicht um Verbesserungen in den Leistungen der Auszubildenden geht es, sondern um die Benotung von Schulsystemen. Was insbesondere in Deutschland und Österreich auf fruchtbaren Boden fällt, wo schon Wochen vor dem pompösen Verkünden der Resultate die mehr oder weniger selbst ernannten Schulexperten im Wohlgefühl ihrer politischen Bedeutung Tiraden vorbereiten, die sie am 4. Dezember endlich vom Stapel lassen können.

Vor drei Jahren tönte es, der Pisa-Zirkus sei nützlich, um Verbesserungen im Unterricht durchführen zu können. Doch geschehen ist wenig. Auch jetzt wird aller Voraussicht nach Pisa einen Aufschrei ohne Konsequenzen verursachen. Darum sollte Österreich auf sein Mitwirken beim Pisa-Trubel, zumindest die nächsten paar Male, getrost verzichten.

Was nicht bedeutet, dass alles so bleiben soll, wie es ist – im Gegenteil. Es ist sehr vernünftig, mit zentralen Prüfungen den Erwerb der in der Grundschule oder in den ersten vier Klassen der weiterführenden Schulen gelehrten Kompetenzen zu bestätigen. Dass die Lehrkraft nicht zugleich die Prüfungsfragen konzipiert, ist hier sehr sinnvoll. Doch dafür braucht keine Schule auf die Verordnungen der Behörden zu warten. Warum wird nicht ab sofort vom engagierten Lehrerinnen- und Lehrerkollegium einer einzelnen Schule in Eigeninitiative beschlossen: An je einem Stichtag werden die Abschlussklassen in je einem der Fächer wie Deutsch, Mathematik, Englisch (und auch anderen) einheitlich getestet? Wobei alle Fragen danach veröffentlicht werden, damit die Eltern und auch viele andere wissen, um welche Anforderungen sich diese Schule bemüht. Wobei auch alle Probanden ihre Ergebnisse erhalten, um sich selbst einschätzen zu können.

Das Allerwichtigste: Mit Bildung hat das Testen nur wenig zu tun. Kinder zu bilden, bleibt, abseits aller lobenswerten Bemühungen um bessere Prüfmethoden, zentrales Anliegen der Schule und wird von den meisten unserer Lehrkräfte, allen Unkenrufen zum Trotz, sehr ernst genommen.

Für den guten Unterricht braucht niemand auf Pisa zu warten.

P.S.: Die Lösung der obigen Aufgabe sei noch verraten: Einen halben Meter rutscht die Leiter von oben herab.

Rudolf Taschner ist Mathematiker und Betreiber des math.space im Wiener Museumsquartier.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2007)

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7 Kommentare
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Wenn die Leiter an einer senkrechten Wand lehnt,

so steht sie nicht senkrecht, denn sie würde in diesem Fall ja auch nicht lehnen. Und steht sie instabil senkrecht, dann lehnt sie nicht und würde umfallen, wenn sie rutscht.

Antworten Gast: roland mayrhofer
20.11.2007 10:04
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Re: Wenn die Leiter an einer senkrechten Wand lehnt,

Haben Sie es schon einmal mit einer echten Leiter probiert? Bei den meisten Leitern ist der Schwerpunkt ein wenig asymmetrisch positioniert, sodass man dieses Gerät mit ein wenig Geschick sehr gut senkrecht an eine senkrechte Wand stellen kann, und die Leiter trotzdem an dieser Wand "lehnt", in einem sogenannten metastabilen Gleichgewicht verharrt.
Im übrigen liegt der Witz dieses Beispiels doch gerade darin, von der realen Situation abstrahieren zu können und den in ihm verborgenen mathematischen Gehalt - die Anwendung des Satzes von Pythagoras - zu erkennen. So etwas sollten Schüler in Zusammenarbeit mit ihren Lehrern beherrschen lernen, und darum ist dieses, mathematisch recht simple Beispiel, doch recht nützlich.
Der Artikel von Taschner selbst bezieht sich aber auf das unsägliche PISA - und da hat der Professor 100-prozentig recht.

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"PISA: Der Wahn der Rangliste"

Unter dieser Kapitelüberschrift nimmt Konrad Paul Liessmann in seinem Buch "Theorie der Unbildung" (2006) dazu kritisch Stellung, u.a.:

"Alle relevanten und auch in der Öffentlichkeit heftig diskutierten bildungspolitischen Entscheidungen der letzten Jahre sind entweder durch einen schlechten Listenplatz motiviert oder geboren aus dem Wunsch, einen besseren Listenplatz zu erreichen. Ob Schulreformen initiiert, pädagogische Programme propagiert oder Eliteuniversitäten und Excellenzzentren gefordert werden - das Argument ist immer das gleiche: Der Platz auf der Rangliste muß verbessert werden."

Einige Auszüge daraus zitiere ich in meiner Website:
http://www.ohnepolemik.at/gesellschaft/ .... Kap. "Bildung, Bildungspolitik, ..."

Gast: Bösewicht
14.11.2007 21:31
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So glaubt der Mathematiker ....

Der Mechaniker wird eher fragen, wie denn die Leiter nach vorne rutschen kann, wenn von keiner seitlichen Kraft die Rede ist.

Dem Ingenieur fehlen dazu Angaben: Wie breit sind die seitlichen Balken der Leiter und welche Form haben diese Balken am unteren und am oberen Ende? Die Lösung des Mathematikers gilt nämlich nur für unendlich dünne Leitern. Und solche können bei so einem praxisorientierten Test, wie der Pisa Test ja einer zu sein vorgibt, keineswegs gemeint sein.

Der Praktiker widerum wird sofort erkennen, dass das Beispiel unsinnig ist, da eine derart an die Wand gestellte Leiter umfällt, aber keinesfalls nach vorne wegrutscht.

Antworten Ophicus
15.11.2007 09:39
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Re: So glaubt der Mathematiker ....

An den Mechaniker: Es reicht dass Kräfte wirken, davon reden muss man nicht unbedingt.

An den Ingenieur: Auch mit nicht unendlich dünnen Leitern funktioniert die Lösung, wenn man nämlich von den Berührungspunkten mit Wand und Boden ausgeht. Die Form der Enden ist da eher ein Problem, die Dicke aber nicht.

An den Praktiker: Eine solche Leiter rutscht sehr wohl nach vorne weg. Nämlich dann, wenn ein Praktiker erkennt, dass sie so nicht stabil steht und sie entsprechend nach vorne zieht. Damit haben wir auch die wirkende Kraft gefunden die dem Mechaniker so abgeht.

Aber hier drängt sich die Idee der "ganzheitlichen Tests" auf. Fächerübergreifende Textbeispiele.

Schreibe zu der Ausgangssituation einen Aufsatz (Deutsch) in dem die Ergebnisse der Rechnung eingebaut werden (Mathematik).
Wenn man dann je nach Gestaltung des Textes eine andere - im Kontext logische - Lösung der Rechnung präsentiert - warum nicht?

Antworten Gast: Foxi
15.11.2007 07:57
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Re: So glaubt der Mathematiker ....

...und recht hat der Herr Taschner: gerade die theoretischen Fragen sind notwendig um weitere Fragen zu evozieren.
Aber noch einmal: PISA misst PISA und nicht allen anderen Faktoren des Lernens, wie Motivation, soziales Umfeld (positiv gesehen) wie Vertrauen zu den Lehrern etc... also: vergesst PISA!

Gast: Jack
14.11.2007 20:50
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Vielleicht wäre eine ...

lebenspraktische Ergänzung der Leiteraufgabe ganz nützlich:
"Und womit kann man das Abrutschen der Leiter am besten verhindern:(damit es einem nicht auf die Go... haut): mit einem Keil, einem Klotz oder mit einem Zylinder?"
Wäre sehr im Sinne der Wr.Gebietskrankenkasse !!

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