12.02.2012 12:03 | Meine Presse Merkliste0

Erfindungen des Denkens

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

Nicht weil es nützlich, weil es interessant ist, will man verstehen.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Sie gehören zu den eigenartigsten Erfindungen, die je gemacht wurden: die Primzahlen. Jene Zahlen, die nur sich selbst und 1 als Teiler besitzen. Aus eher historischen Gründen – die Griechen sahen in 1 noch die Einheit und keine eigentliche Zahl – rechnet man 1 nicht zu den Primzahlen. Ihre Folge hebt daher mit 2 an und setzt sich mit 3, 5, 7, 11, 13, 17, 19, ... fort. Sie ist schwer durchschaubar: Nach 1913 kommt eine ziemlich große Lücke, erst 1931 ist wieder Primzahl. Aber 1933 schließt fast unmittelbar als Primzahl an. Dann wieder eine große Lücke, bis man die Primzahl 1949 findet, auf die flugs die Primzahl 1951 folgt. Man weiß zwar seit mehr als 2300 Jahren, dass die Folge der Primzahlen nie abbrechen wird, aber eine einfache Formel, die der Reihe nach die Primzahlen liefert, scheint es nicht zu geben.

Bis in unsere Tage werden laufend neue Erkenntnisse über Primzahlen gewonnen. Aufsehenerregend war zum Beispiel eine Entdeckung, die 2004 Terence Tao und Ben Green gelang: 5, 11, 17, 23 sind nicht nur lauter Primzahlen, diese vier Zahlen bilden auch eine „arithmetische Folge“, weil sich je zwei benachbarte Zahlen um den gleichen Wert – in diesem Fall um 6 – unterscheiden. Und weil die arithmetische Folge 5, 11, 17, 23 aus vier Zahlen besteht, sagt man, es handle sich bei ihr um eine arithmetische Folge der „Länge“ vier. Das kuriose Beispiel 199, 409, 619, 829, 1039, 1249, 1459, 1669, 1879, 2089 benennt eine arithmetische Folge (je zwei benachbarte Zahlen unterscheiden sich um 210) der Länge zehn, und sie besteht auch nur aus Primzahlen. Tao und Green zeigten: Es gibt im unermesslichen Zahlenreich arithmetische Folgen beliebig großer Länge, z. B. solche, die aus einer Milliarde Zahlen bestehen, und alle Zahlen sind Primzahlen. Wie man rechentechnisch zu diesen Folgen gelangen kann, verrät der Beweis des Satzes von Tao und Green leider nicht. Erst vor knapp einem Jahr fand Jaroslaw Wroblewski eine aus 24 Zahlen (nicht aus einer Milliarde, bloß aus 24 Zahlen, und dies gilt schon als bemerkenswert!) bestehende arithmetische Folge, die nur Primzahlen enthält.

Fragt man Tao, Green oder Wroblewski, welchen Nutzen ihre Entdeckungen haben, wird man von ihnen und von allen anderen von Primzahlenrätseln Faszinierten nur Kopfschütteln als Antwort ernten. Anwendbarkeit interessiert nicht. Sie beschäftigen sich damit, weil die Primzahlen einfach „da“ sind, mit allen ihren Geheimnissen.

Vielleicht, so könnte man vermuten, handelt es sich bei Leuten, die sich für Nutzloses wie für Primzahlen interessieren, um Überspannte, Inselbegabungen, jedenfalls von der Norm des Durchschnitts Abweichende. Ein völlig falsches Vorurteil. Seit fünf Jahren beweisen es die gefüllten Auditorien des math.space: Eine breite Öffentlichkeit kann für die abstrakten Konzepte der Mathematik interessiert werden. Auf die Vermittlung der Details kommt es ja nicht an, sie wird gar nicht angestrebt. Wichtig ist allein, den Genuss des Verstehens eines mathematischen Sachverhalts, für den man Neugier weckt, zu vermitteln. Bei allen Diskussionen um den Bildungsprozess ist dies im Auge zu behalten: Nicht was nützlich sein könnte, sondern was das Gemüt bewegt, will verstanden werden.

Rudolf Taschner ist Mathematiker und Betreiber des math.space im Wiener Museumsquartier.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2007)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

3 Kommentare
Gast: Jack
13.12.2007 16:43
0 0

Nonsens....

Die Primzahlen sind für alle gleich,
egal ob arm, egal ob reich,
egal ob Bettler oder Scheich....
Doch am primsten sind sie in Österreich...

0 0

Ich sehe die Primzahlen...

auch nicht so sehr als "Erfindung", eher als "Entdeckung", obwohl man schon sagen kann, dass man sie, ist die Idee der Zahl einmal da, quasi findet bzw. finden muss. Natürlich werden sie auch ent-deckt. Ich halte sie übrigens für die einzigen "echten" Zahlen (wenn man Zahlen von "zählen" ableitet), denn die Übrigen sind ja nur Wiederholungen schon vorhandener, quasi nichts Neues. Bemerkenswert ist doch auch ihre gleichmäßig rhythmische Verteilung auf einer logarithmischen Skala, die sich als schönes Wellenmuster darstellen lässt, wie es etwa im "Global Scaling" geschieht.

andibue
13.12.2007 13:33
0 0

Widerspruch

Die Primzahlen sind beileibe keine "Erfindung", sie sind eine "Entdeckung", nicht von Menschenhand geschaffen, sondern einfach da. Mag kleinlich erscheinen, ist aber so.

Mehr Quergeschrieben:

Top-News

  • Whitney Houston ist tot
    Die US-Sängerin starb 48-jährig in einem Hotel in Beverly Hills. Die Todesursache war vorerst unklar, Hinweise auf eine Straftat gibt es nicht. Bei den Grammys soll ihr Tribut gezollt werden.
    Griechenlands "wahrer Feind ist das eigene System"
    Der griechische Ministerrat hat seine Zustimmung zu einem notwendigen Sparpaket erteilt, das Voraussetzung für weitere Milliardenhilfen ist. Nun muss das Maßnahmenpaket noch vom Parlament abgesegnet werden.
    Al-Qaida hinter Anschlägen auf syrisches Regime?
    US-Geheimdienstquellen vermuten, dass Terrorchef al-Zawahiri hinter blutigen Anschlägen steckt. Der ermutigt die Syrer in einem Video zum Kampf. Am Samstag sind erneut 30 Rebellen ums Leben gekommen.
    Banker – ein Berufsstand in der Krise?
    Seit Ausbruch der Finanzkrise hat sich das Betriebsklima in österreichischen Banken deutlich verändert. Mitarbeiter sind erhöhtem Druck ausgesetzt, auch das Image der Banken hat unter den Folgen der Krise gelitten.
    Mitt Romney gewinnt US-Vorwahl in Maine
    Nach dem Triple-Sieg von Rick Santorum ist der Favorit Romney wieder auf der Siegesstraße. Fast wäre er von Ron Paul noch geschlagen worden. Rick Santorum und Newt Gingrich haben den kleinen Staat ignoriert.
  • Tausende gehen gegen ACTA auf die Straße
    In Wien protestieren über 3000 Gegner des Anti-Piraterie-Abkommens. Weltweit rechnet "Stopp ACTA" mit bis zu 200.000 Demonstranten.
    Ahmadinejad kündigt neue Atomprojekte an
    Bei einer Kundgebung anlässlich des Revolutionstags schwangen Irans Präsident und Hamas-Anführer Haniyeh Reden gegen den Westen.
    Frostige Nacht: Minus 26,4 Grad in Tirol
    In Tannheim wurde in der Nacht auf Sonntag die niedrigste Temperatur gemessen. Österreichische Soldaten sind nach einem Lawinenabgang mit mindestens sieben Toten im Kosovo im Einsatz.
    SuperMarkt: Die größte Reform der Zweiten Republik?
    Österreich läuft einem nordischen Wohlfahrtsmodell hinterher, das seit fast 20 Jahren nicht mehr existiert. Die Regierung ließ die Chance verstreichen, den Staatshaushalt einer strukturellen Reform zuzuführen.
    Kostelic gewinnt Super-Kombi und kleine Kristallkugel
    Der Kroate Ivica Kostelic gewinnt vor dem Schweizer Beat Feuz, bester Österreicher wird Benjamin Raich als Fünfter. Kostelic holt sich die Disziplin-Wertung und ist auch im Gesamt-Weltcup Führender.
  • Erdbeben in der Schweiz auch in Österreich spürbar
    Das Epizentrum des Bebens der Stärke 4,2 lag zwischen Zuger- und Zürichsee. Es war in der Nacht auf Sonntag auch in Vorarlberg und Tirol zu spüren.
    Mein Sparpaket: Wie wirkt es sich aus?
    Die Maßnahmen der Regierung betreffen vor allem Pensionisten, Beamte, Bauern und Besserverdiener. Aber was ist mit dem Rest, dem viel zitierten durchschnittlichen Österreicher? Von Bausparvertrag bis Wohnungsmarkt.
    Metallpreise: Droht das Ende der Rohstoffrallye?
    Die Preise für Metalle ziehen angesichts der besseren Konjunkturerwartungen an. Dem Silber trauen die Analysten heuer das größte Potenzial zu. Beim Ölpreis gehen die Meinungen auseinander.
    Soap&Skin: Die Welt ist die Hölle, aber es gibt Trost
    Die gefeierte steirische Musikerin Anja Plaschg alias Soap&Skin lockte am Freitag in der Wiener Arena in ihr Schattenreich der Mollfluten. Trotz ein paar fahriger Passagen ein bewegender Abend.
    Schnelles Essen: Besser als sein schlechtes Image
    Fertiggerichte sind vielfach besser als ihr Image, wenn man sie in einen ausgewogenen Speiseplan integriert. Doch die Tricks der Nahrungsmittelindustrie bleiben eine Herausforderung für wachsame Esser.