21.11.2009 17:39 | Meine Presse Merkliste0

Das Ende der Physik ...

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

... mag undramatischer sein, als sich manche denken.

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In den nächsten Tagen starten die aufwendigsten Experimente, die je von Physikerinnen und Physikern geplant wurden. Mehr als 10.000 Wissenschafter aus aller Welt hoffen, aus den Zusammenstößen subatomarer Teilchen, die in einem kreisrunden, 27 km langen Tunnel beschleunigt werden, Informationen über die Urkräfte der Natur zu erhalten. Dieser vom europäischen Forschungszentrum Cern errichtete und LHC (large hadron collider) getaufte Tunnel verläuft 50 bis 175m unterhalb der Erdoberfläche durch das Grenzgebiet zwischen der Schweiz und Frankreich bei Genf. An vier Stellen des Ringes stoßen die fast auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigten Partikel gegeneinander; vier gewaltige Detektoren, von denen jeder einzelne mehr wiegt als der Eiffelturm, analysieren die Streuungen nach den Kollisionen der Teilchen.

Vielleicht geben die Experimente Anstoß dazu, eine „theory of everything“ zu entwerfen, ein mathematisch strukturiertes Gedankengebäude, das keine fundamentalen physikalischen Fragen offen lässt. Nicht dass damit die Physik zu einer obsoleten Wissenschaft würde, eine Unmenge von Problemen bliebe weiter offen, aber die Basis, wie die Natur die in ihr waltenden Kräfte geschaffen hat, wäre unerschütterlich festgelegt.

Nur wenige unverbesserliche Optimisten hoffen, dass diese „Weltformel“ aus den Streuexperimenten am LHC wirklich abgeleitet werden könne. Viel wahrscheinlicher ist es, dass es eine solche „Weltformel“ gar nicht gibt. Dann werden die aus dem LHC gewonnenen Daten zwar Aufschluss über eine ungeahnt tiefe Feinstruktur der Materie geben, man wird die Zustände des Universums noch näher zum ominösen „Urknall“ hin untersuchen können, aber man wäre quasi nur in ein höheres Stockwerk eines nach oben hin unbegrenzten babylonischen Turms gelangt.

Manche mögen von einem noch gewaltigeren Beschleunigungsring träumen. Aber dies wird sicher Illusion bleiben. Wie kann man angesichts der drängenden Probleme unserer Zeit verantworten, Unsummen Geldes für physikalische Experimente zu investieren, deren Ergebnisse mit großer Sicherheit nichts unmittelbar Verwertbares liefern, sondern bloß esoterische Erkenntnis, die überdies mit höchster Wahrscheinlichkeit nur vorläufigen Charakter besitzen wird?

Der LHC wird wohl in ferner Zukunft als eines der Weltwunder der Moderne betrachtet werden. Übertrumpfen wird man ihn nicht mehr, denn man wird feststellen, dass es in anderen Bereichen – auch in der Physik – Interessanteres zu erforschen gibt.

Der Astro- und Geophysiker Heinz Haber hat gemeint, dass die Rätsel der Natur einem Kreuzworträtsel vergleichbar sind, das sich, sobald man es ein wenig weiter ausgefüllt hat, an dieser Stelle in alle Richtungen vergrößert. Jede Antwort veranlasst zu einer Unzahl neuer Fragen. Irgendwann muss man entscheiden, an welchen Stellen es sich auszahlt, das Rätsel weiterzubearbeiten, und welche Bereiche man bewusst offen lässt. In seiner Fülle ist es ohnehin nicht bewältigbar.

Was uns viel mehr erstaunen sollte, ist die Tatsache, dass wir überhaupt in der Lage sind, ein paar wenige Felder dieses unübersehbaren Rätselfeldes sinnvoll zu belegen.

Rudolf Taschner ist Mathematiker und Betreiber des math.space im Wiener Museumsquartier.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2008)

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10 Kommentare

Lieber Herr Taschner!

Die Software der Hardware menschliches Gehirn ist die Mathematik. Aus der können wir nicht ausbrechen, mit der wollen wir die Welt erklären. Daß das bis zur Atombombe hin funktioniert hat, ist eigentlich das für mich Unfaßbare daran.

Vielleicht war die ärgste Fehlentwicklung der menschlichen Evolution die "Erfindung" der Mathematik?

Gast: Bösewicht
28.07.2008 11:00
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LHC ist nicht sinnlos!

Die Liste von sehr teuren sinnlosen oder gar schädlichen Dingen auf dieser Welt ist sehr lange (von Kriegsgerät über Proztbauten bis zu Kunstankäufen). Da muss man wirklich nicht ausgerechnet auf eine Forschungseinrichtung hinhacken. Zumal der Hunger dieser Welt wohl nicht so sehr ein finanzielles, denn ein ungelöstes politisches Problem ist. Vermutlich würde ein bescheidenes Kopfgeld für den einen oder anderen afrikanischen Diktator mehr gegen den Hunger bewirken, als ein vergrößerter Geldfluss in korrupte Kanäle.

Der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn ("esoterisch" oder "utilitaristisch") aus dem geplanten Experiment könnte dennoch beachtlich sein. Vor allem könnten sich auch für die Mathematik wertvolle Anregungen ergeben!

Gast: Crusader
25.07.2008 07:40
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Kurz: LHC bringt mehr als die verpulverten Milliarden an Afrikahilfe

Menschen gibt es mehr als genug, Wissen eindeutig zu wenig..........

Antworten Gast: as
25.07.2008 14:25
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Re: Kurz: LHC bringt mehr als die verpulverten Milliarden an Afrikahilfe

Menschenverachtender Kommentar! Wo es in unserer Welt am meisten an Wissen mangelt, wird ja hier deutlich sichtbar. Ich wünsche Ihnen nur, dass Sie einmal durch einen anderen Menschen mit Ihrer eigenen Haltung konfrontiert werden, damit Sie, Crusader, vielleicht ein umfassenderes Verständnis Ihrer Aussage dabei lukrieren. Ich weiss nichts von Österreichischen Steuer-Milliarden, welche angeblich in eine "Afrikahilfe" fliessen. Es findet sich auch bei näherer Recherche im Internet nichts, was Ihre Aussage belegen würde...habe ich vielleicht irgendetwas übersehen ? Und, bitte, was genau bringt uns den jetzt der LHC (außer den vielen Fragen, welche schon im Vorfeld aufgeworfen werden) ?! Sie scheinen ja der einzige zu sein, der dies schon im Voraus zu wissen meint. Gratuliere dazu ! Möge Gott Sie weiterhin mit Einsicht in Hülle & Fülle bedenken.

freeman
28.07.2008 10:06
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Was ist daran "menschenverachtend"?

Der LHC schadet zumindest nicht.

Das was unter dem Label "Entwicklungshilfe" subsummiert wird, tut dies aber sehr wohl - nicht uns (wir erkaufen uns damit zumindest ein reines Gewissen), aber Afrika.

Solange es für die dortigen Eliten möglich ist, durch "Entwicklungshilfe" zu leben, werden sie sich doch nicht ihre Lebensgrundlage zerstören, indem sie dem eigenen Vok zu mehr Einwicklung verhelfen.

Solange der einfache Arbeiter dort für das Entladen von UN-LKWs mit europäischem Getreide mehr bekommt als das Bebauen eines Feldes einbringt, wird er lieber Hilfsarbeiter bleiben.

Siehe Asien: Dort wurde man nicht durch Entwicklungshilfe vom Hungerkandidaten zur gefürchteten Konkurrenz.

Antworten Antworten Antworten Gast: as
29.07.2008 02:20
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Re: Was ist daran

Nur weil eine Sache mißbräuchlich verwendet wird, heißt das noch lange nicht, daß sie deswegen auch gleich schlecht sein muß. Sonst stimme ich mit Ihnen in der Frage der Entwicklungshilfe weitgehend überein.
Außerdem geht das hier völlig am Thema vorbei.
Sie schreiben: "Der LHC schadet zumindest nicht.", am CERN räumt man jedoch (lt. Webseite) ein "minimales Restrisiko" ein. Woher haben Sie, bitte, Ihr Wissen um die Ungefährlichkeit her ?
Zu Ihrer Frage, was an besagten Kommentar meiner Meinung nach Menschenverachtend ist: Ist Ihnen dabei schon in den Sinn gekommen, daß Sie einer der Menschen sein könnten, von denen es angeblich genug gibt ? Wohl kaum.
Bleibt noch die Frage, ob es ein Maß für Wissen geben kann, so das man von "zuviel", "zuwenig", usw., sprechen kann. Mir erscheint das Absurd, so wie die Teilchenphysik , hier handelt es sich doch um reinen Dadaismus - nur am falschen Platz...


freeman
29.07.2008 12:14
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Nicht der Missbrauch ist das Problem,

das System an sich ist schädlich.

Es ist kein Missbrauch, wenn Hilfsorganisationen einheimische Hilfskräfte gut bezahlen - das Problem ist, daß diese dadurch an der Selbständigkeit gehindert werden.

Vermutlich haben Handynetzbetreiber aus schnöder Gewinnerzielungsabsicht mehr für die Entwicklung Afrikas getan, als die Entwicklungshilfe der vergangenen 50 Jahre zusammengenommen. Erstere brauchen Afrikaner als Kunden, letztere braucht sie als entmündigte Opfer.
Auf einmal gibt es Kommunikation in abgelegenen Gegenden, Leute verdienen ihren Lebensunterhalt, indem sie ihr Handy anderen zur Verfügung stellen.

Der Malthusianismus im Ausgangsposting ist im Übrigen wirklich menschenverachtend - da gebe ich Dir Recht.
Ein "zuviel an Wissen" kann es hingegen (außer im Gangsterfilm) nicht geben.

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Wissenschaft...

beruht wohl zunächst auf Wahrnehmung und Begriffsbildung. Sind diese aber schon dürftig, können darauf beruhende Schlüsse nichts Besseres ergeben. Ganz gleich wie viel Aufwand man in Maschinen steckt. Hier wird eben Quantität mit Qualität verwechselt. Aus noch so viel verdorbenen Zutaten wird nun Mal kein 3-Hauben-Menü. Die Tausenden Wissenschaftler sind zum Einen selbst philosophische Nullen und haben noch dazu das Pech, von der professionellen Philosophie im Stich gelassen zu werden, die sie um vergleichsweise wenig Geld auf die erkenntnistheoretische Fragwürdigkeit ihres kostspieligen Unterfangens hätte aufmerksam machen können. Aber eine Hetz ist es allemal, sich mit solch gigantischen Spielzeugen zu vergnügen (und dafür noch bezahlt zu bekommen).

Ophicus
24.07.2008 09:23
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Theory of everything

"Ponder Stibbons was one of those unfortunate people cursed with the belief that if only he found out enough things about the universe it would all, somehow, make sense. The goal is the Theory of Everything, but Ponder would settle for the Theory of Something and, late at night, when Hex appeared to be sulking, he despaired of even a Theory of Anything."

Terry Pratchett, The Last Continent

Gast: Jack
23.07.2008 22:13
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Ganz richtig...

Sollte man das Higgs Boson bei etwas über 100 GeV finden, dann wäre das doch nur ein Anfang! Die Theorie sagt nämlich schwerere "Geschwister" des leichtesten Higgs Boson bei teilweise über 500 GeV voraus, die supersymmetrischen Partnerteilchen sollten auch Massen in diesem Bereich haben.Die Kosten für Beschleuniger, die diese Energien liefern, würden wahrscheinlich exponentiell steigen,und das wäre angesichts der oben beschriebenen
dringenden Probleme wirklich nicht vertretbar !

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