05.07.2009 04:17 | Meine Presse Merkliste0

Eine Art Fundamentalismus

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

Dogmen, als Wissenschaft verbrämt, haben in der Schule nichts zu suchen.

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Der wohl größte Skandal der heimischen Bildungspolitik“, wetterte Kurt Kotrschal in seiner letzten Kolumne, „ist, dass die Biologie als Leitwissenschaft des 20. und 21.Jahrhunderts über nur ganz wenige Schulstunden verfügt.“ Die Klage, man könne in seinem Fach in der Schule weit mehr leisten, wenn einem mehr Stunden zugestanden würden, darf jeder engagierte Vertreter seines jeweiligen Faches für sich beanspruchen. Das gilt für die Biologie wie für die Physik. Die, nebenbei gesagt, im 20.Jahrhundert die Leitwissenschaft war. Welche es im 21.Jahrhundert sein wird, wissen wir naturgemäß noch nicht. Und andere Gegenstände, mit den Fremdsprachen beginnend und bei Sport und Bewegung endend, haben sicher mindestens die gleiche Daseinsberechtigung.

Das Wort „Skandal“, noch dazu mit dem Superlativ „größte“ gepaart, ist völlig fehl am Platz. Doch dies scheint, sit venia verbo, „Biologisten“, gemeint sind Ideologen, die in der Biologie weniger eine Wissenschaft als eine Heilslehre sehen, nicht aufzufallen. Wie sie auch vergessen, dass vor drei Jahrzehnten die Biologie von ihnen als so umfassende Disziplin angepriesen wurde, dass man künftigen AHS-Lehrkräften in diesem Fach kein Zweitfach zumuten wollte. Sie konnten nach Ablegung der Lehramtsprüfung also nur Biologie unterrichten. Was sich nicht nur in der Schuladministration als Unsinn herausstellte, sondern auch eine bedauernswerte Eingleisigkeit der Unterrichtenden zur Folge hatte.

Biologisten scheinen von der Bedeutung der Biologie so überzeugt zu sein, dass sie meinen, auf wesentliche Fragen menschlicher Existenz definitive Antworten geben zu können. Dass man z.B. nun wüsste, die „descartesche Rede vom Menschen als Krone der Schöpfung“ sei überholt. Wenn man diese Ansicht vertritt, spricht man aber als Philosoph, nicht als Wissenschafter. Und es kann keine biologische Erkenntnis geben, welche diese These beweist, schon deshalb, weil weder „Schöpfung“ noch „Krone“ biologische Termini sind. Und auch der Begriff „Mensch“ ist nicht biologisch reduzierbar. – Natürlich darf man als Lehrkraft auch seine Weltsicht den Kindern mitteilen. Jedoch als Angebot, nicht als Dogma. Und es ist keine Häresie, wenn andere diese Sicht nicht teilen. Für die einen ist „Evolution“ etwas Fundamentales, für andere etwas Irrelevantes. „Nothing in biology makes sense except in the light of evolution“, verkündete Theodosius Dobzhansky. Ein Satz, gegen den nichts einzuwenden ist, weil er Evolution als das postuliert, wodurch sich diese Wissenschaft definiert. Das ist ihr gutes Recht. Wenn man aber „in biology“ aus dem Satz entfernt, entsteht eine unbedarfte Behauptung, die so falsch ist, dass nicht einmal ihr Gegenteil wahr wird.

„Allein, das Volk der Tänzer und Geiger klammert sich an seine Rolle als lebendes Museum der Gesellschaft des 19.Jahrhunderts“, bedauert Kurt Kotrschal. Doch geigen und tanzen zu lernen ist wertvoller, als eindimensional auf eine sogenannte „Leitwissenschaft“ fixiert zu werden. Weniger Biologiestunden in der Schule zugunsten von mehr Unterricht in Musik – ich hätte nichts dagegen.

Rudolf Taschner ist Mathematiker und Betreiber des math.space im Wiener Museumsquartier.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2008)

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5 Kommentare
typhon typhoon
29.10.2008 09:45

die Leitwisenschaft des 21 Jh.?

Her Professor, dass Sie das nicht wissen, verwundert mich sehr: DIE INFORMATIK (ist der Groschen -äh Eurocent jetzt gefallen?)

ariel seligman
27.10.2008 06:56

ganz besonders

gefährlich finde ich die als wissenschaft verkaufte klimahysterie in der schule. da wird den kindern eingeredet, dass wir alle sterben würden, wenn wir nicht ein zehntel unseres BIP an die dritte welt verschenken (co2 handel). die klimahysterie ist nichts anderes als der versuch die globalen umverteilungsphantasien linker träumer umzusetzen.

wissenschaftler wie biologen, klimatologen oder meteorologen haben ihre glaubwürdigkeit verspielt, weil sie ihre wissenschaft dazu missbrauchen um ihre politischen dogmen der welt aufzuzwängen.

ohnepolemik
23.10.2008 12:25

Der Vorwurf des Biologismus

ist n.m.M. bei Prof. Kotrschal, einem Lorenz-Schüler falsch. Nichts im Leben hat langfristig Bestand, was nachhaltig gegen die Regeln der Evolution, die Lehre vom Leben, verstößt. Wir sehen heute deutlich, welche Folgen Verstöße dagegen haben.

K. Lorenz: "Der Mensch ist von Natur aus ein Kulturwesen." Unser "Erkenntnisapparat" besteht aus dem "ratiomorphen" Teil aus der "biologischen Evolution" und dem viel jüngeren "rationalen" der "kulturellen Evolution" (begriffliches Denken, Sprache, Wissensspeicherung usw.).

"Biologismus" wird immer dann vorgeworfen, wenn gefordert wird, auch die stammesgeschichtlichen Eigenschaften des Menschen anzuerkennen. Die Naturgesetze sollen zwar für alles gelten, nur beim Menschen sollen über Jahrmillionen gewachsene Eigenschaften "intellektuell" abtrainiert werden (Geschlechtsspezifische Eigenschaften bei Familien- und Genderpolitik, Territorialität und Possesivität bei Lebensraum und Heimat usw.).

Siehe: www.ohnepolemik.at/evolution/

Rudolf Dangl
23.10.2008 12:07

Leitwissenschaft=Fehlleitwissenschaft

Hände weg von "Leitwissenschaft", sie verkommt unweigerlich zur Fehlleitwissenschaft (dem konnte sich nicht einmal die Physik (so wie sie meist öffentlich wahrgenommen wird) des 20.Jahrhunderts entziehen und eine erkenntnistheoretische Sackgasse vermeiden, von wenig bekannten Ausnahmen einmal abgesehen). Es sei denn wir wollen ein Schicksal wie das des ehemaligen Ostblocks, das den Marxismus zu seiner "Leitwissenschaft" gemacht hat.

Gast: grubenhund
23.10.2008 09:22

ecce, ein zwilling unseres schwarzen leit-fossils!

In konsequenter Fortführung des (mathematischen?) Modells von immer weniger Biologie u dgl. und immer mehr Musik udgl. würde man recht bald den zukunftsträchtigen Idealzustand einer Gesellschaftsgruppe erreichen, die ihre Pamperletschn außer zum Musizieren zu sonst nix mehr animieren mag.
Endzustand: ein Museum des 19. Jhdts mit viel, viel Musik.

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