Der wohl größte Skandal der heimischen Bildungspolitik“, wetterte Kurt Kotrschal in seiner letzten Kolumne, „ist, dass die Biologie als Leitwissenschaft des 20. und 21.Jahrhunderts über nur ganz wenige Schulstunden verfügt.“ Die Klage, man könne in seinem Fach in der Schule weit mehr leisten, wenn einem mehr Stunden zugestanden würden, darf jeder engagierte Vertreter seines jeweiligen Faches für sich beanspruchen. Das gilt für die Biologie wie für die Physik. Die, nebenbei gesagt, im 20.Jahrhundert die Leitwissenschaft war. Welche es im 21.Jahrhundert sein wird, wissen wir naturgemäß noch nicht. Und andere Gegenstände, mit den Fremdsprachen beginnend und bei Sport und Bewegung endend, haben sicher mindestens die gleiche Daseinsberechtigung.
Das Wort „Skandal“, noch dazu mit dem Superlativ „größte“ gepaart, ist völlig fehl am Platz. Doch dies scheint, sit venia verbo, „Biologisten“, gemeint sind Ideologen, die in der Biologie weniger eine Wissenschaft als eine Heilslehre sehen, nicht aufzufallen. Wie sie auch vergessen, dass vor drei Jahrzehnten die Biologie von ihnen als so umfassende Disziplin angepriesen wurde, dass man künftigen AHS-Lehrkräften in diesem Fach kein Zweitfach zumuten wollte. Sie konnten nach Ablegung der Lehramtsprüfung also nur Biologie unterrichten. Was sich nicht nur in der Schuladministration als Unsinn herausstellte, sondern auch eine bedauernswerte Eingleisigkeit der Unterrichtenden zur Folge hatte.
Biologisten scheinen von der Bedeutung der Biologie so überzeugt zu sein, dass sie meinen, auf wesentliche Fragen menschlicher Existenz definitive Antworten geben zu können. Dass man z.B. nun wüsste, die „descartesche Rede vom Menschen als Krone der Schöpfung“ sei überholt. Wenn man diese Ansicht vertritt, spricht man aber als Philosoph, nicht als Wissenschafter. Und es kann keine biologische Erkenntnis geben, welche diese These beweist, schon deshalb, weil weder „Schöpfung“ noch „Krone“ biologische Termini sind. Und auch der Begriff „Mensch“ ist nicht biologisch reduzierbar. – Natürlich darf man als Lehrkraft auch seine Weltsicht den Kindern mitteilen. Jedoch als Angebot, nicht als Dogma. Und es ist keine Häresie, wenn andere diese Sicht nicht teilen. Für die einen ist „Evolution“ etwas Fundamentales, für andere etwas Irrelevantes. „Nothing in biology makes sense except in the light of evolution“, verkündete Theodosius Dobzhansky. Ein Satz, gegen den nichts einzuwenden ist, weil er Evolution als das postuliert, wodurch sich diese Wissenschaft definiert. Das ist ihr gutes Recht. Wenn man aber „in biology“ aus dem Satz entfernt, entsteht eine unbedarfte Behauptung, die so falsch ist, dass nicht einmal ihr Gegenteil wahr wird.
„Allein, das Volk der Tänzer und Geiger klammert sich an seine Rolle als lebendes Museum der Gesellschaft des 19.Jahrhunderts“, bedauert Kurt Kotrschal. Doch geigen und tanzen zu lernen ist wertvoller, als eindimensional auf eine sogenannte „Leitwissenschaft“ fixiert zu werden. Weniger Biologiestunden in der Schule zugunsten von mehr Unterricht in Musik – ich hätte nichts dagegen.
Rudolf Taschner ist Mathematiker und Betreiber des math.space im Wiener Museumsquartier.
meinung@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2008)

Yigg
Webnews
Mr. Wong
Delicious
Facebook
Scoop
Google















