Irgendetwas stimmt da nicht“, endet Sibylle Hamanns gestern erschienener Artikel, worin sie eindringlich auf wichtige Randbedingungen hinwies, die von Lehrern eingefordert werden sollten. Ich kann die von ihr beklagte Unstimmigkeit zwar nicht beseitigen, halte es aber für wichtig, gleichsam als Ergänzung zu ihrer Ausführung, anzudeuten, was alles von Lehrern erwartet wird, an welchen Zielen sich die guten unter ihnen orientieren: Erstens erwartet die Gesellschaft, dass der Unterricht den Kindern Wissen und Fertigkeiten vermittelt, die sie zum Gelingen des Lebens benötigen. Sie sollen, so meinte man vor Jahrhunderten, schreiben, lesen und rechnen lernen. Heute ist alles vielfältiger, komplexer geworden. Mit Standards und zentralen Prüfungen versucht man, wenigstens Wegmarken für dieses Ziel abzustecken.
Zweitens – und dies wird oft geflissentlich übersehen – soll der Lehrer sein Fach glaubhaft vertreten. Nicht als kleiner Dozent, sondern, wie ich meine, als großer Erzähler. Das geht weit über die Vermittlung von Lehrstoff hinaus. Hierin profiliert sich die Lehrerpersönlichkeit in ihrem Fachverstand, in ihrer Begeisterungsfähigkeit und in ihrem Einfühlungsvermögen für die Ohren der Kinder.
Drittens erwarten die Kinder, jedes einzelne auf seine Weise, das Eingehen des Lehrers auf die Eignungen und Neigungen dem Fach gegenüber: Beistand und Hilfe bei Schwächen wie auch Förderung und Anleitung, wenn ein Talent aus seinem Schlummer erwachen könnte.
Viertens sind Lehrer zugleich Erzieher, mitunter sogar Elternersatz. Da gibt es Barrieren, die unüberwindbar anmuten. Denn mit der Erfindung eines Begriffs wie „verhaltensoriginell“ haben sich nur Theoretiker der Pädagogik einer Bürde entledigt.
Manches in der Schule ist zweifellos veraltet. Dies zu ändern und den Lehrern das für ihre Ziele angemessene Umfeld zu schaffen, ist die eigentliche Aufgabe, die es zu lösen gilt. Das Problem, wie viele Stunden Lehrer in der Klasse stehen, würde sich, so verstehe ich Frau Hamann, danach nicht mehr in dieser Schärfe stellen.
Als Maria Theresia die Unterrichtspflicht einführte, wollte sie wenigstens das erstgenannte Ziel erreichen. Heute erwarten wir von Lehrern diese vier und noch mehr. Deshalb verdienen diejenigen, die sich darum bemühen, uneingeschränkten Respekt. Ein außerordentlicher Anspruch lastet auf ihnen. Kein Wunder, dass bei uns bald wieder Lehrermangel herrschen wird. Auch in Deutschland sucht man fieberhaft nach Lehrern. Anders in den USA: Nachdem mathematisch versierte Hasardeure das dortige Finanzsystem ruiniert und ihre Firmen in den Ruin getrieben hatten, bewerben sie sich, nun entlassen und verarmt, als Mathematiklehrer. Von solchen Windhunden soll jetzt Amerikas Jugend Verantwortung lernen. Angesichts dessen bleibt sogar der Ruf „Bon voyage“ im Halse stecken.
Rudolf Taschner ist Mathematiker und Betreiber des math.space im Wiener Museumsquartier.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2009)















