Postfaktisch: Das Wort klingt harmlos, doch es ist diabolisch

In einem Gemeinwesen, in dem das Recht auf eine eigene Meinung zum Recht auf eigene Fakten anschwillt, muss man alle Hoffnung fahren lassen.

Postfaktisch. Das Wort klingt harmlos. Es geht leicht von der Zunge. Man vermutet nichts Beängstigendes dahinter. In Wahrheit aber ist es diabolisch. Denn sollten wir wirklich in eine postfaktische Ära eintreten, können wir alle Hoffnung fahren lassen.

Die Bürger Roms lebten zur Zeit der Völkerwanderung in einer postfaktischen Epoche: Sie machten sich noch Illusionen von einem mächtigen Kaiser, der in Wahrheit eine Marionette seiner primitiven Soldaten war, von einem Senat, der in Wahrheit nichts mehr zu vermelden hatte, von einem Ewigen Rom, das in Wahrheit der Verwüstung durch die Vandalen ausgeliefert war, von einem Kulturvolk, das in Wahrheit durch einen markanten Geburtenrückgang dezimiert war, kaum nennenswerte Leistungen hervorbrachte, sich in der Dekadenz suhlte und von atavistischen Horden überflutet wurde.

Wer sich dem Postfaktischen ergibt, für den zählen Fakten nicht mehr. Er verweigert stur den Blick auf das, was der Fall ist. Natürlich darf er mit gewisser Berechtigung behaupten, dass die Tatsachen heutzutage nicht mehr das sind, was sie einmal waren. Angesichts der Datenfülle, die auf ihn niederprasselt (womöglich von Filtern selektiert, die Präferenz berücksichtigen), Virtuelles und Reales vermengt und scheinbar alles wie wirklich erscheinen lässt, beginnt selbst Manifestes zu wanken.

Ist das Geschlecht eines Menschen von Natur vorgegeben und im Normalfall entweder weiblich oder männlich? Wer dies heute noch behauptet, setzt sich der Entrüstung derer aus, die von einer Definition des Geschlechts durch die Gesellschaft schwadronieren, die eine Zweiteilung als verstaubtes Diktat empört zurückweisen, die es als diskriminierend – eines der Lieblingswörter der moralisch Empörten – verdammen, von einem „Normalfall“ zu sprechen.

Ist genügend Kapital für die Zahlung künftiger Pensionen vorhanden? Wer dies aufgrund der deprimierenden Fakten verneint, der wird totgeschwiegen. Wer als unumgängliche Maßnahme eine radikale Anhebung des Pensionsantrittsalters aufgrund eindeutiger demografischer Befunde fordert, der eignet sich sogleich die Rolle einer Kassandra an. Selbst ein mildes automatisiertes Verfahren der Anhebung wird von den postfaktischen Hans-guck-in-die-Luft-Politikern mit dem so ans Herz rührenden Argument abgeblockt, man stemme sich gegen den seelenlosen Computer.

Das sind nur zwei Beispiele einer Legion. Das postfaktische Gerede, bei dem nur das Gefühl zählt und der kühl abwägende Verstand sowie der nüchterne Blick auf die Tatsachen als schädlich für den Zuspruch der vielen nach Verblendung süchtigen Wähler verdrängt werden, nimmt in fast allen Sektoren der Politik überhand.

Viele der Kommentare dieser Zeitung, zumal die pointierten „Quergeschrieben“-Artikel meiner Kollegen Gudula Walterskirchen oder Christian Ortner, belegen dies in erschreckender Deutlichkeit. Eingebrockt haben uns die postfaktische Politik die Alt-68er, die damals noch geglaubt haben, im sogenannten herrschaftsfreien Diskurs alles und jedes ihnen sympathisch Scheinende als Ziel zu verkaufen, egal, ob es durch Fakten gestützt wird oder nicht.

Die Sprache wurde von ihnen ihren Zielen gemäß alles andere als herrschaftsfrei zurechtgestutzt, und man erfand die politische Korrektheit. Wehe, wenn einer mit Tatsachen argumentiert, welche die Sensibilität von Minderheiten – auch ein Schlüsselbegriff der sich tugendhaft posierenden Empörungsgemeinde – verletzen.

Jetzt aber haben die politischen Gegner der Alt-68er den gleichen Trick entdeckt. Sie praktizieren ihn – Donald Trump ist Protagonist dafür – vielleicht plumper und rabiater als jene, aber vom Wesen her ist es das Gleiche: Das Recht auf eine eigene Meinung schwillt zum Recht auf eigene Fakten an.

Inzwischen sorgen die sich aus den brutalen Tatsachen anhäufenden Probleme dafür, dass wir der Zukunft nicht mehr Herr werden.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

Zum Autor:

Rudolf Taschner
ist Mathematiker

an der TU Wien und betreibt das Projekt Math.space im Wiener
Museumsquartier.

Soeben ist sein neues Buch, „Woran glauben. 10 Angebote für aufgeklärte Menschen“ (Brandstätter Verlag), erschienen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2016)

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