11.02.2012 21:03 | Meine Presse Merkliste0

„Bildung für alle – und zwar umsonst“

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

Missverständnisse über Missverständnisse.

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Grundlos sind die Proteste der Studenten nicht – allen Skurrilitäten, die sie begleiten, all den unausgegorenen Parolen, die sie skandieren, zum Trotz. Denn gerade diese Umstände zeigen auf, dass nicht nur innerhalb der Studentenschaft, sondern in einem viel weiteren gesellschaftlichen Umfeld die Aufgaben von Universität nicht deutlich genug erkannt und unterschieden werden:

Erstens die Aufgabe der Universität als Institution des Forschens. In den letzten Jahrzehnten wurde bei vielen Disziplinen Hervorragendes geleistet. Allerdings ist die Kluft zwischen dem, was in den großen Vorlesungen zu hören ist, und dem, was an der Front der Forschung geschieht, so sehr gewachsen, dass manchmal sogar Absolventen nicht wissen, was die sie betreuenden Professoren in ihrem Forschungsfeld voranbrachten.

Zweitens die Aufgabe der Universität als Bildungsinstitution. Der freie Zugang zur Bildung gilt als hohes Gut, und es ist richtig, dass sich insbesondere die Universität darum bemühen muss, diesen freien Zugang möglichst effektiv zu gestalten. Darum existieren Auditoria maxima – und erweisen sich sogar diese als zu klein, muss man zum Beispiel mit dem Angebot von Parallelveranstaltungen Abhilfe schaffen. Allerdings haben die Lehrenden stets zu bedenken, ihren Hörern und sich selbst gegenüber verpflichtet zu sein, höchst Anspruchsvolles zu liefern: An der Universität wird nicht am Wissen genippt, man will es sich wie ein Süchtiger einverleiben. Dass im Sinne des obigen Slogans „alle“ derart bildungshungrig seien, ist eine schöne, aber wohl haltlose Illusion.

Drittens die Aufgabe der Universität als Ausbildungsstätte. Dies war sie von alters her für Priester, Juristen, Ärzte, danach für Lehrer und höhere Beamte, später auch für Ingenieure und Wirtschaftstreibende – im Idealfall unabhängig von Herkunft oder Geschlecht. Gegenwärtig droht im öffentlichen Erscheinungsbild der Universität ihre Funktion als Karriereschmiede die beiden oben genannten Aufgaben zu verdrängen. Doch wie immer man die Ausbildung organisiert, mit oder ohne „Bologna“, sie wird Bring- und Holschulden in sich tragen. Der Wunsch nach „selbstbestimmtem Lernen und Leben ohne Konkurrenz- und Leistungsdruck“, insbesondere die Forderung, verpflichtende Studieneingangsprüfungen abzuschaffen, ist in diesem Zusammenhang barock. Natürlich kann man unter „Studieren“ bloßes Zuhören bei Vorlesungen und spontanes Diskutieren bei Seminaren verstehen, und wer sich darauf beschränken möchte, hat dazu alles Recht der Welt. Doch „Studieren“ als Gestaltung einer tragfähigen Lebensperspektive ist, außer man wäre auf Rosen gebettet, nicht „umsonst“. Vielleicht überfordert man die Institution Universität, wenn man ihr allein die ganze Last für die Schaffung solcher Perspektiven aufbürden möchte.

Rudolf Taschner ist Mathematiker und Betreiber des math.space im Wiener Museumsquartier.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2009)

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6 Kommentare
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Sinn und Unsinn von Universitaeten

Wie ich auch schon in einem anderen Kommentar angemerkt habe:
Es ist an der Zeit den Sinn und Zweck von Universitaeten grundlegend zu hinterfragen.
Das Konzept von Unis ist Jahrhunderte alt und wurde im Laufe der Zeit jeweils nur in kleinen Schritten geringfuegig an neue Anforderungen angepasst.
Das Resultat ist mehr oder weniger der Anspruch auf eine "eierlegende Wollmilchsau".
Es wundert mich, dass es nicht jedermann auf den ersten Blick klar wird, dass dieses Konzept nicht effizient funktionieren kann. Schon gar nicht, wenn diese Institutionen ueber Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte gewachsen sind.

Von den genannten Aufgabenbereichen (Forschung, Bildung und Ausbildung) bleibt heutzutage bestenfalls noch die Forschung als sinnvolle Aufgabe fuer Universitaeten uebrig.

Schon laengst haben Fachhochschulen im Bereich der Ausbildung den Unis den rang abgelaufen.

Schon laengst haben Wissenshungrige durch neue Medien (eLearning), Internet und frei zugaengliche Bibliotheken, die Moeglichkeit, einfach und schnell an qualitativ hochwertiges Wissen (und damit Bildung) zu gelangen.

Heutzutage zum Zwecke der Bildung noch teure Hoersaele mit Studenten vollzupacken, ist eine vergleichsweise altertuemliche Geldverschwendung und keinesfalls ist es selbstverstaendlich, dass so etwas noch gratis sein sollte.

Es ist eine Verschwendung von Ressourcen, den Unis krampfhaft alle drei Aufgabenbereiche aufzuzwingen.
Lassen wir dieses Konzept in Zeiten wie diesen doch endlich hinter uns!

Antworten Martin_01
30.10.2009 22:35
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Re: Sinn und Unsinn von Universitaeten


Wenn "Unwissende" sich als wissend ausgeben, ... was soll da schon herauskommen?

Sie denken, wenn der Strom eh aus der Steckdose kommt, wozu braucht man dann Kraftwerke ...?

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Re: Re: Sinn und Unsinn von Universitaeten

Nein.

Im Gegenteil.

Siehe mein Posting weiter unten...

Antworten Gast: Britney
30.10.2009 15:30
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Re: Sinn und Unsinn von Universitaeten

1. Wer soll an der Uni forschen, wenn niemand dazu ausgebildet wird.

2. eLearning kann ein gutes Real-Life-Seminar nicht ersetzen. Soweit ist die Technik noch nicht.

3. Fachhochschulen haben der Uni den Rang abgelaufen? Das stimmt zumindest für mein Berufsfeld (Journalismus) nicht. Die Selbstbewussteren mögen von der FH kommen, die Klügeren kommen meist von der Uni. Oder sie sind Autodidakte, das natürlich auch und am besten noch zusätzlich zur Uni/FH. Aber allein aufs Selbststudium zu setzen, wäre wohl verwegen.

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Re: Re: Sinn und Unsinn von Universitaeten

1. Wer sagt, dass dazu niemand ausgebildet würde?
Ein Doktoratsstudium oder auch ein speziell für die Forschung ausgerichtetes Kurzstudium kann und soll dann eine Forscherschmiede sein. (durchgeführt an den jeweiligen Instituten, die dann auch forschen -> optimale Ausbildung)

2. Die Technik ist wesentlich weiter, als sie derzeit eingesetzt wird. Wenn man sich dazu klar bekennen würde und das entsprechend weiterentwickelt, kann hier viel erreicht werden.
Außerdem: wozu ein Real-Life-Seminar für Menschen, die es nicht als Berufsausbildung wollen/brauchen sondern (wie gesagt) zur Selbstentfaltung und Wissensdurststillung?

3. Das ist eine amüsante aber wahre Tatsache, dass die klügeren und flexibleren OFT von der Uni kommen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie auch selbstständiger arbeiten müssen.
Daraus kann man aber auch folgern, dass nicht mal die Berufsausbildung all zuiel Betreuung benötigt und man auch mal öfter die Studenten im Regen stehen lassen darf.

Außerdem heißt das ja lediglich, dass man ergänzend für Auszubildende auch mehr selbstständige Elemente einbauen sollte. Eben auch an den FHs.
Das ist sicher machbar!

Und was das Thema Journalismus betrifft: Ist es nicht so, dass jene die die Aufnahmsprüfung bei der FH nicht schaffen, oder sich dieser (oder dem "Schulstress") gar nicht erst unterziehen wollen, auf der Uni landen? Und dass in dieser Branche die FHler (seien sie nun klüger oder nicht) mehr gefragt sind? Könnte das stimmen?

Gast: Gasat
28.10.2009 19:06
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Zweierlei Maß

"Der Wunsch nach „selbstbestimmtem Lernen und Leben ohne Konkurrenz- und Leistungsdruck“, insbesondere die Forderung, verpflichtende Studieneingangsprüfungen abzuschaffen, ist in diesem Zusammenhang barock."

Im Rechtspanorama wird gerade DAFÜR getrommelt.

http://diepresse.com/home/recht/rechtallgemein/515938/index.do

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