Grundlos sind die Proteste der Studenten nicht – allen Skurrilitäten, die sie begleiten, all den unausgegorenen Parolen, die sie skandieren, zum Trotz. Denn gerade diese Umstände zeigen auf, dass nicht nur innerhalb der Studentenschaft, sondern in einem viel weiteren gesellschaftlichen Umfeld die Aufgaben von Universität nicht deutlich genug erkannt und unterschieden werden:
Erstens die Aufgabe der Universität als Institution des Forschens. In den letzten Jahrzehnten wurde bei vielen Disziplinen Hervorragendes geleistet. Allerdings ist die Kluft zwischen dem, was in den großen Vorlesungen zu hören ist, und dem, was an der Front der Forschung geschieht, so sehr gewachsen, dass manchmal sogar Absolventen nicht wissen, was die sie betreuenden Professoren in ihrem Forschungsfeld voranbrachten.
Zweitens die Aufgabe der Universität als Bildungsinstitution. Der freie Zugang zur Bildung gilt als hohes Gut, und es ist richtig, dass sich insbesondere die Universität darum bemühen muss, diesen freien Zugang möglichst effektiv zu gestalten. Darum existieren Auditoria maxima – und erweisen sich sogar diese als zu klein, muss man zum Beispiel mit dem Angebot von Parallelveranstaltungen Abhilfe schaffen. Allerdings haben die Lehrenden stets zu bedenken, ihren Hörern und sich selbst gegenüber verpflichtet zu sein, höchst Anspruchsvolles zu liefern: An der Universität wird nicht am Wissen genippt, man will es sich wie ein Süchtiger einverleiben. Dass im Sinne des obigen Slogans „alle“ derart bildungshungrig seien, ist eine schöne, aber wohl haltlose Illusion.
Drittens die Aufgabe der Universität als Ausbildungsstätte. Dies war sie von alters her für Priester, Juristen, Ärzte, danach für Lehrer und höhere Beamte, später auch für Ingenieure und Wirtschaftstreibende – im Idealfall unabhängig von Herkunft oder Geschlecht. Gegenwärtig droht im öffentlichen Erscheinungsbild der Universität ihre Funktion als Karriereschmiede die beiden oben genannten Aufgaben zu verdrängen. Doch wie immer man die Ausbildung organisiert, mit oder ohne „Bologna“, sie wird Bring- und Holschulden in sich tragen. Der Wunsch nach „selbstbestimmtem Lernen und Leben ohne Konkurrenz- und Leistungsdruck“, insbesondere die Forderung, verpflichtende Studieneingangsprüfungen abzuschaffen, ist in diesem Zusammenhang barock. Natürlich kann man unter „Studieren“ bloßes Zuhören bei Vorlesungen und spontanes Diskutieren bei Seminaren verstehen, und wer sich darauf beschränken möchte, hat dazu alles Recht der Welt. Doch „Studieren“ als Gestaltung einer tragfähigen Lebensperspektive ist, außer man wäre auf Rosen gebettet, nicht „umsonst“. Vielleicht überfordert man die Institution Universität, wenn man ihr allein die ganze Last für die Schaffung solcher Perspektiven aufbürden möchte.
Rudolf Taschner ist Mathematiker und Betreiber des math.space im Wiener Museumsquartier.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2009)
















