25.05.2012 22:13 | Meine Presse Merkliste 0

Zehn hoch fünfhundert . . .

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

. . . und ein fantastisch Vielfaches davon. Stephen Hawking hat 1988 das viel gekaufte - ob viel gelesen, weiß niemand - Buch über die „kurze Geschichte der Zeit" veröffentlicht.

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Hawking ist jener Physiker, der vor allem aufgrund seiner eigenartigen Krankheit, die ihn praktisch bewegungsunfähig und stumm macht, zum Star der Medien wurde. Soeben erschien sein zusammen mit einem Koautor verfasstes neuestes Werk „Der Große Entwurf: Eine neue Erklärung des Universums".
Kernaussage ist, so heißt es, dass der Gedanke eines Schöpfergottes unnötig sei, weil „spontane Schöpfung" der Grund dafür sei, „warum es statt des Nichts doch etwas gibt, warum das Universum existiert, warum wir existieren". Garantiert wird mit einer derartigen Botschaft auch dieses Werk wieder ein Riesenerfolg. Hawkings Exfrau brachte es auf den Punkt. Es gibt eine ganz einfache Antwort auf die Frage, warum in Hawkings Werken so oft von Gott zu lesen ist: „Es hilft Bücher zu verkaufen."
Um das Universum erklären zu können, beruft sich Hawking auf die sogenannte M-Theorie. „Sie ist die vereinheitlichte Theorie, die Einstein zu finden hoffte", behauptet er kühn und natürlich unwiderlegbar, denn Einstein kann sich dagegen nicht mehr wehren. Es handelt sich dabei um ein höchst spekulatives Konzept, das sich vor allem durch das Fehlen von experimenta crucis auszeichnet und daher eher esoterischer als physikalischer Natur ist. Der brillante Richard Feynman hat sich bereits abfällig über den Vorläufer, die String-Theorie, geäußert. Aber Feynman ist schon lange tot, und die Apologeten der M-Theorie versuchen weiter unverdrossen ihre Luftschlösser zu vermarkten.
10500 Universen braucht man, um mit der Theorie beginnen zu können. Und da jedes Quantenereignis, deren Zahl Legion ist, eine Vervielfachung jedes dieser Universen bewirken würde, sieht man sich bei dieser Theorie Zahlengiganten ausgeliefert, die auch nur annähernd in Worte zu fassen schier unmöglich ist. Astrologie, Vogel- und Eingeweideschau sind im Vergleich zu solchem Irrwitz seriös.
Abgesehen davon, dass keine der Hochreligionen Gott auch nur irgendwie aus der Natur geoffenbart verkündet, sondern allein durch sein Wort. Der Gott, dem Hawking abschwört, hat mit demjenigen, an den ein Jude, Christ, Moslem, Hindu, etc. glaubt, gar nichts gemein. Hawkings Ausflug in die Theologie dient tatsächlich allein der Vermarktung, nicht aber der ernsthaften Auseinandersetzung.
Wer nicht auf eine „Erklärung des Universums" hofft, die Hawking ankündigt, aber sicher nicht liefern kann, sondern einfach nur wissen will, mit welchen Problemen sich die Physik auseinandersetzt, ohne den Anspruch zu erheben, letzte Antworten zu erfahren, ist besser beraten, das witzig geschriebene Buch „Wer nichts weiß, muss alles glauben" zu lesen. Seine Autoren, die Science Busters, behaupten wenigstens nicht, alles zu wissen.
Rudolf Taschner ist Mathematiker und Betreiber des math.space im quartier21, MQ Wien.

 

Rudolf Taschner ist Mathematiker und Betreiber des math.space im quartier21, MQ Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2010)

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5 Kommentare
Gast: A.C.D.C.
12.09.2010 18:37
0 0

Danke

Sie sprechen mir aus der Seele - (oder so etwas ähnlichem 10 hoch 500)

komajo
10.09.2010 07:02
0 0

Das Nichts

gibt es nur in der Phantasie des Teufels.

Gast: Gast 3
09.09.2010 13:58
2 0

das Nichts....

das Nichts isteben nicht das Nichts....Es ist" ein Teil des Teils, der Anfangs alles war ", nämlich das Quantenvakkuum. Vielleicht ist daraus wirklich durch eine starke Fluktuation unser Universum entstanden,vielleicht ist aber die Geschichte ganz anders verlaufen , wie die Schleifen-Quantengravitation és vermutet. Doch egal, die Frage nach der Schöpfung ist nur eine Stufe heruntergestuft: Wer schuf das Quantenvakuum und die es beherrschenden Naturgesetze?Waren sie schon immer da?" Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor "...

Antworten periskop
09.09.2010 17:31
1 0

Re: das Nichts....

Sie sagen es! Dass die Entstehung des Universums (oder der unzähligen Universen) auf das Wirken der Naturgesetze zurückgeführt wird, verschiebt das Problem der Schöpfung nur um eine Ebene nach hinten.
Woher kommen denn diese Naturgesetze? Wieso gibt es sie überhaupt und weshalb herrscht nicht einfach Chaos?
Diese Fragen lassen sich eigentlich nur mit der Annahme eines göttlichen Schöpfers lösen!

Antworten Antworten Gast: Paul Z.
10.09.2010 10:14
0 0

Re: Re: das Nichts....

"Diese Fragen lassen sich eigentlich nur mit der Annahme eines göttlichen Schöpfers lösen!"

Da muss ich Ihnen wiedersprechen, denn auch die Annahme eines göttlichen Schöpfers verschiebt das Problem nur eine Ebene nach hinten. Denn wer/was/warum/wie lang existiert dieser Schöpfer?

Entweder das Universum ist unendlich (in Raum und Zeit), dann ist die Frage nach dem "davor" und "außen" nicht möglich; oder es ist endlich, dann muss es ein "davor" und "außen" geben über das man Fragen stellen kann. Aber da "davor" und "außen" nicht direkt beobachtbar sind ist jede Erklärung gleich unsinnig und jeder sollte selber zu einem Schluss kommen - aber niemandem dadurch moralische oder gesetzliche Vorschriften machen wollen.

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