25.05.2012 22:15 | Meine Presse Merkliste 0

Der plötzliche Umschlag: Erst spät kommt die Einsicht, dass er geschah

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

Wann ereignet sich die Peripetie, also die entscheidende Wende, ab der die Geleise hin zu einem Ereignis, das erst viel später stattfindet, unverrückbar gelegt sind?

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Peripetie nannte man früher jenen eigenartigen Augenblick, der das Moment eines plötzlichen Umschlags in sich trägt: Ein Prozess, der sich scheinbar unentwegt in eine vorgegebene Richtung entwickelt, bricht nach der Peripetie ab und wechselt den Kurs. Nur ein weiterer Tropfen einer Lauge, die in eine mit Phenolphthalein getränkte Lösung fällt – und plötzlich färbt sich die vorher farblose Flüssigkeit rot-violett.

Tipping point, wörtlich übersetzt: Kipppunkt, nennt man heute dieses Merkmal der Umkehr, das einst Peripetie hieß. In seinem kleinen, aber inhaltsschweren Essay „Gegen Null“ befasst sich der schwedische Schriftsteller und Philosoph Lars Gustafsson mit diesem Phänomen. Er bringt ein beeindruckendes historisches Beispiel:

„Am 13.Juli 1788, ein Jahr und einen Tag vor dem Sturm auf die Bastille, zog eine Reihe von extremen Hagelstürmen über die Île-de-France, tötete Mensch und Tier und zerstörte die Ernte über das gesamte, große Gebiet, Frankreichs Kornkammer, hinweg. Damit wurde endgültig die Hoffnung des Finanzministers Necker darauf zerstört, etwas zustande zu bringen, was auch nur entfernt an eine Konsolidierung der hoffnungslos vernachlässigten Staatsfinanzen des französischen Königreichs erinnert hätte.“

Ein Jahr und ein Tag verstrich zwischen diesem Naturereignis und dem Ausbruch der Revolution. Aber nichts und niemand hätte ab diesem 13. Juli 1788 den Gang der Geschichte noch abwenden können. Möglich, dass Necker, möglich, dass seine Tochter, Madame de Staël, sicher jedoch nicht Ludwig XVI., sicher nicht Marie Antoinette und auch nicht deren vom Glanz Versailles verblendetes Gefolge ahnten, dass dieser Tag des Unwetters zugleich der Tag der Peripetie in der Geschichte Frankreichs ist. Aber wissen konnten sie es erst viel später, Jahre und Jahrzehnte danach.

Oft bleibt der Moment der Peripetie für immer verborgen. Wahrscheinlich werden wir nie erfahren, ab welchem Augenblick die Herrschaft von Despoten wie Mubarak oder Gaddafi unwiederbringlich dem Zerfall geweiht war. Sollte sich die amerikanische Wirtschaft nicht erholen, wird man den Kipppunkt, ab dem die Stellung des Dollars als Leitwährung untergraben wurde, ohne dass man es gleich erkannt hat, bei irgendeiner Entscheidung eines Präsidenten festzumachen versuchen. Aber ob es Obama oder Bush oder gar schon Clinton angelastet werden wird, wissen wir heute noch nicht.

Umgekehrt mögen Beschlüsse, die vorerst wie aus der unmittelbaren Not geborene Schachzüge wahrgenommen werden, Beschlüsse, getroffen von Politikern, denen nicht viele Mut und Weitsicht konzedieren, derart weitreichend wirken, dass man sie später als Umkehrpunkte der Geschichte eines Landes hin zum Guten preisen wird. Wenn man es klug anstellt, könnte die Einführung einer Schuldenbremse für Österreich eine Peripetie hin zum Positiven bedeuten.

Wunderbar erklären Dirk Maxeiner und Michael Miersch den Begriff Peripetie anhand folgender Geschichte: Ein Tourist wünscht sich von einem Tiroler Holzschnitzer einen Jesus am Kreuz. Doch der Gesichtsausdruck zeigt dem Kunden zu wenig Leiden. Der Tiroler nimmt sein Schnitzmesser und verstärkt den Schmerz wie gewünscht, verstärkt ihn nochmals und nochmals. Bis er plötzlich flucht: „Verdammt! Jetzt grinst er.“


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Zum Autor:

Rudolf Taschner
ist Mathematiker und Betreiber des math.space im
quartier 21, Museumsquartier Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2011)

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6 Kommentare
Arethas
30.11.2011 22:09
0 0

Unverständlich

Ein interessantes Gedankenspiel, aber nicht zutreffend.

Historische Entwicklungen sind analog zu biologischen Entwicklungen aufzufassen. Es gibt wohl Abbrüche (frühzeitiger Tod) oder retardierende Momente (Erholung von einer Krankheit), aber die Entwicklung an sich läuft schematisch ab. Hätte Hannibal bei Zama gesiegt, die Konföderierten bei Gettysburgh oder die Deutschen bei Stalingrad, der Krieg wäre trotzdem immer ausgegangen, wie er ausgegangen ist. Ob sich Frankreich die Revolution erspart hätte oder nicht, es hätte England nicht mehr aus dem Feld schlagen können und wäre eine Mittelmacht gerade so wie heute.

Antworten Arethas
30.11.2011 22:12
0 0

Re: Unverständlich

Nachtrag: Selbstverständlich hätte sich das persönliche Schicksal Louis XVI. und M. Antoinettes anders zugetragen, vielleicht wären beide in Ehren ergraut und Bourbonen säßen noch heute auf Frankreichs Thron, aber die mit der Revolution einhergehende Machtverschiebung Richtung tiers hätte in jedem Fall (siehe England, Benelux, Skandinavien) stattgefunden.

Gast: radius
28.11.2011 11:49
0 0

Die Peripetie passierte im Mai 2010 als Griechenland aufgefangen wurde.

Das war die Weichenstellung zum Bankrott Europas.

Gast: Machmuss Verschiebnix
24.11.2011 19:30
0 0

Was die Schuldenbremse anlangt sieht es so aus,

daß von der großen Wende nichts übrig bleibt, als das bisserl Theater,
welches drumherum gemacht wurde.

Das nächste Jahr aber, wird Österreich die Peripetie wirklich hinter
sich lassen, leider aber in der falschen Richtung, dessen bin ich mir
ziemlich sicher. Es wird keine Reformen geben, sondern der Weg in den
Bankrott wird zementiert und zur "Hochleistungs-Bahn" ausgebaut werden.

Nach den nächsten Wahlen wird bei der Regierung ein Quantensprung nach
unten eintreten, ein alles Bisherige übertreffender, orientierungs- und
führungsloser Sauhaufen wird das Los Österreichs endgültig besiegeln.

Schaarenweise werden die Leute ihre Ersparnisse abheben und nach
Deutschland, in die Schweiz, ja sogar nach Tschechien rüber bringen.

Ich bin mittlerweile soweit desilusioniert, daß ich es sogar als letzte
Chance für Österreich sehe, durch den Bankrott hindurch - wie durch ein
reinigendes Gewitter - den Polit-Filz rauswaschen und hinter sich lassen
zu können.

Antworten Gast: Luzifer
26.11.2011 11:19
2 0

Re: Peripetie, auch tipping point für Österreich

liegt bei den Wahlen 2006, als der vife Schüssel gegen rote Betonierer ausgetauscht wurde. So hat sich der österr. Wähler seinen Schlächter selbst ausgesucht!

Diesbezüglich sollten wir uns nichts vormachen!

berndmoron
24.11.2011 15:05
1 0

peripetie im schulbereich

mit sinowatz fing alles an.

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