25.05.2012 22:16 | Meine Presse Merkliste 0

Diagnose „paranoide Schizophrenie“: Der Tunnelblick auf ein Ungeheuer

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

Der Fall Breivik: Es ist fatal, das Böse durch Aufzeigen von Ursachenketten als krank zu banalisieren. Kranke Menschen gilt es zu heilen, wenigstens zu trösten. Das Böse aber muss bekämpft werden.

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Manche mögen den rein pragmatischen Standpunkt einnehmen. Weil die Gerichte Norwegens keine lebenslange Strafe verhängen dürfen – das maximale Strafausmaß beträgt 21Jahre, selbst bei Verbrechen gegen die Menschheit höchstens 30Jahre –, erklärt man den Attentäter von Oslo und Utøya für unzurechnungsfähig. Als geistig Kranken kann man ihn sein restliches Leben lang in einer psychiatrischen Anstalt verwahren und so die Gesellschaft für immer vor ihm schützen. Außerdem ist die Stempelung zum psychiatrischen Fall das Letzte, was sich der Unhold wünschte, also ist damit zugleich eine Demütigung als zusätzliche Strafe für seine Morde gesetzt.

Wer so argumentiert, sollte zumindest freimütig gestehen: In der Illusion, im reichen und vom sozialen Frieden geprägten Norwegen eine Art „heile Welt“ geschaffen zu haben, ging der Staat davon aus, dass es nicht nötig sei, Haftstrafen lebenslänglich zu verhängen. Welch fataler Lapsus angesichts der bestialischen Brutalität des Attentäters von Oslo und Utøya!

Manche mögen den wissenschaftsgläubigen Standpunkt einnehmen: Wenn die Rechtspsychiater Torgeir Husby und Synne Sørheim nach eingehender Prüfung und insgesamt 13Gesprächen mit dem Inhaftierten befinden, der Mörder von 77Menschen leide an „paranoider Schizophrenie“, die sich seiner bemächtigte, und er sei in einem psychotischen Zustand gewesen, als er am 22.Juli zuerst im Osloer Regierungsviertel eine Bombe zündete und danach auf der Insel Utøya 69Menschen erschoss, so ist dies ein unumstößlicher Befund eines objektiv wahren Sachverhaltes. Wie wäre noch daran zu rütteln?

Wer so argumentiert, verschanzt sich hinter der Wissenschaft. Niemand kann von Psychiatern angesichts des monströsen Verbrechens anderes erwarten als diese Diagnose. Richtet sich doch kraft ihres wissenschaftlichen Tunnelblicks all ihr Streben danach, Unerklärliches – und kaum etwas ist unerklärlicher als das Hereinbrechen des Bösen – durch das Aufzeigen von Ursachenketten zu banalisieren. Angesichts einer Bestie verschlägt es einem die Sprache.

Wer aber „paranoide Schizophrenie“ sagen kann, der glaubt der Bestie die Maske vom Gesicht gerissen und sie als einen von einer Krankheit geplagten Menschen entlarvt zu haben. Welch ein Irrtum, wenn es sich gerade umgekehrt verhält! Wenn das Wort „paranoide Schizophrenie“ bloß Ausflucht vor der Tatsache ist, dass der Wahn eines Ungeheuers in Wahrheit unfassbar bleibt, doch dieser Wahn nichts mit einer Krankheit zu tun hat und das Ungeheuer abgrundtief böse ist!

Worin, so fragt sich der von der Wissenschaft Überzeugte, für den die Seele nichts anderes als ein Spuk und das Verhalten eines Menschen nichts anderes als durch Vererbung und Umwelt verursachtes Tun ist, besteht denn der Unterschied zwischen krank und böse? Und er wird die Antwort nicht verstehen, die da lautet: Kranke Menschen versucht man zu heilen, zumindest deren Leiden zu lindern; und so auch dies nicht gelingt, zu trösten. Das Böse aber muss man verabscheuen und zu bekämpfen versuchen, soweit man kann.

Und aus der Sicht der Angehörigen der Opfer: Wäre der Gewalttäter kein Verbrecher, sondern bloß krank, wären die durch seine Hand zu Tode Gekommenen im Grunde nur Unfallopfer – und die Absurdität ist perfekt.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2011)

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21 Kommentare
Steininger
07.12.2011 12:37
1 1

wissenschaftlichen Tunnelblicks

Das ist eine sehr eigenartige Argumentation für einen Wissenschafter!
Auch die Begriffe wie Unhold, oder das Böse sind befremdlich.
Das vermeintliche Böse wohl eher.

Ein durch und durch entbehrlicher Beitrag bei dem auch über Norwegen hergezogen wird.

Gast: radius
04.12.2011 15:15
1 0

Ist doch die einzige Möglichkeit diesen Herrn lebenslang wegzusperren.

Sonst kommt er spätestens nach 21 Jahren raus.

Gast: 2k8
01.12.2011 19:41
2 1

Ein

Psychiater betreibt keine Wissenschaft, ist also daher kein Wissenchaftler.
Wissenschaft wird bestimmt durch das Experiment, vorhersehbar und nachvollziehbar.

Führen Sie Breivik 10 verschiedenen Psychiatern vor und Sie werden 10 verschiedene Meinungen
hören.

x + x = 2x, und zwar überall im Universum.

Das ist Wissenschaft.

Antworten Gast: Peter Silie
01.12.2011 20:49
0 0

Re: Ein-Fach

Wenn nur alles so einfach wäre - selbst Ihr x + x versagt bereits, wenn sie x mit c (der Lichtgeschwindigkeit) ersetzen, wird das nix mit 2c. Sorry!

Antworten Antworten komajo
02.12.2011 15:33
0 0

Re: Re: Ein-Fach

Haben Sie Starwars gesehen?
Außerdem 1+1=1. Eine Wolke (darauf sitzen und träumen) plus eine Wolke gibt wieder nur eine Wolke.

GG-Orange
01.12.2011 17:15
1 0

Hemingway hat in einem "Aufwaschen" in einem texanischen Kriegsgefangenenlager...

...ca doppelt soviele "Krauts" erledigt. Und wurde Nobelpreisträger.
http://www.geschichtsforum.de/f75/war-hemingway-ein-m-rder-10109/

Alpenfeind
01.12.2011 16:21
3 5

Universalgelehrter ?

Dieser Kommentar hätte wohl wegen der Banalität in einem Kleinformat Platz gefunden: Wer mit dem "Bösen" argumentiert, verläßt den Platz des Rationalen und findet sich auf dem Platz des Spekulativen und letztlich des Glaubens wieder. Zum Auseinanderhalten:
1. Norwegen möchte, dass "lebenslang" nicht lebenslang ist und solche Straftäter ihre Strafe nach knapp 2 Jahrzenten verbüßt haben und iweder frei gehen.
2. Fachgutachter stellen eine wahnhafte Erkrankung beim Straftäter fest.
3. Rachegelüste vieler Menschen sind nachvollziehbar, sollten aber bei den ersten beiden Punkten keinen Belang haben.
4. Das Böse ist ein Glaubenskonstrukt, menschliches Verhalten ist eben durch Anlage x Umwelt determiniert, fallweise beeinträchtigt durch psychische Erkrankungen.
5. Für die Angehörigen der Opfer stehen die Trauer und das Leid im Vordergrund, und diese werden nicht geringer, wenn aus Mordopfer Unfallopfer werden - die Tat wird immer unverständlich bleiben.

Vielleicht sollte der Kommentator doch bei der Arithmetik und Geometrie bleiben, da kennt er sich besser aus. Die Rolle eines Universalgelehrten, der zu Alles und Allem seinen Senf dazu gibt, ist für Rudolf Taschner um Stufen zu hoch

Antworten Gast: Grummelbart2
02.12.2011 09:33
3 0

Re: Universalgelehrter ?

Es gibt also nicht das "Böse"?

Wie nennen sie dann das konzertierte, durchorganisierte Abschlachten von Leuten im Dritten Reich (bzw dessen Masterminds? In Ruanda?

Drogenbarone, die über Leichen gehen?

Sind das auch alles "kranke" Fälle? Was ist "krank"? Ist man automatisch "krank" und "unzurechnungsfähig", wenn man derart katastrophales tut?

Bei aller Wissenschaftsgläubigkeit - ein Sinn für Moral, ein Abstandnehmen von dem absolut bösen (und das gezielte Abschlachten von wehrlosen Zivilisten ist absolut böse). Wissenschaft ohne moralische Verantwortung (und das hat nix mit Religion oder ähnlichem Geschwafel zu tun - Religion ist so ziemlich das Gegenteil von Moral) ist schal.

"Das Böse muss bekämpft werden" ist keine "Glaubensfrage", sondern eine Existenzfrage. Denn dem Bösen (und damit meine ich nicht einen teufel, sondern die Bestie in jedem von uns) ist egal, ob wir es ignorieren oder nicht - es ist da.

Antworten wmaurer
01.12.2011 17:35
1 0

Re: die Tat wird immer unverständlich bleiben

schreibt selbsterkennend der Alpenfeind. Er unterstellt aber dem der über den Tellerrand hinausschaut kleinformatige Banalität. Mitunter geben Glaubensinhalte halt mehr Antworten als "Rationalisten" sich vorzustellen vermögen. So ein Forum ist doch auch ein Platz für Diskussionen ohne persönliche Verunglimpfung. Mit ein wenig mehr Stil und ein wenig mehr Toleranz funktioniert das nämlich.

Gast: F.F.
01.12.2011 15:36
0 1

Problematische Diagnose

Der Autor hat sicher nicht ganz unrecht, es gibt eine Tendenz „das Böse“ zu durch psychologische und soziale Begründungsketten zu vermenschlichen, eklärbar und heilbar zu machen. Trotzdem, in Breiviks Fall mag dies nicht nur eine Gefälligkeitsdiagnose sein. Paranoide Schizophrenie hat klare Kriterien die in Diagnosemanuals festgelegt sind. D.h. natürlich nicht dass solche Diagnosen immer fehlerfrei sind , aber wenn mehrere Experten unabhängig zu dem Schluss kommen besteht zumindestens eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass diese Diagnose eine Richtigkeit hat.

Gast: schlÄchter
01.12.2011 11:17
2 0

sg herr taschner!

mmn sehr gut zusammengefasst.
+
mfg
s.

0 0

was bedeutet diese „paranoide Schizophrenie“?

kann nach 5 jahren aufenthalt in einer anstalt ein psychiater/gutachter kommen, sagen: "dank der pharmaindustrie und dank meiner genialität als arzt ist breivik vollständig geheilt!", und dieser kann auf seinem bio-hof wieder schafe züchten???

gibt es in norwegen unsern maßnahmenvollzug nicht? „Die Unterbringung in einer Anstalt für gefährliche Rückfallstäter..." nach verbüßung der haftstrafe. in d ähnlich: sicherungsverwahrung.

ich bin strikt gegen jede verharmlosung dieser morde und dieser gesinnung.

was aber die person breivik betrifft:
wenn das wunder passieren sollte, und breivik wird während seiner 20/30 jahre im gefängnis zu einer art 'mutter theresa', der den schwachsinn seines gedankenguts/seiner ideologie erkennt, --> dann SOLL er freikommen!
wegen 'rache' auf eine eventuell erfolgreiche resozialisierung zu verzichten, wäre doch kontraproduktiv.

wenn das wunder nicht passieren sollte, kann man ihm ja nach den 20/30 jahren noch immer auf der psychiatrie die chemokeule verpassen.

Gast: Dr. Ks.F
01.12.2011 11:01
1 2

Hier liegt eben die Problematik....

...die darin besteht, dass man solche Täter, die mengenäßig und bewußt, auf frischer tat ertappt - im gefühlsdusseligen Europa eben nicht Hinrichten kann... was in solchen Fällen die sinnvollste Sache wäre, weniger als Abschreckung, als aus Kosten und Gerechtigkeitsgründen gegenüber den Opfern, die sich durch BEIDE hier aufgezeigte Alternativen veräppelt nur fühlen können - schade, dass kein Polizist damals bei der verhaftung besser (bzw. überhaupt gezielt) getroffen hat...

freeman
01.12.2011 09:03
4 1

Das ist halt das Ergebnis

der ständigen Pathologisierung des Bösen, die seit ein paar Jahrzehnten Maxime unseres Rechtswesens ist.


Antworten wmaurer
01.12.2011 10:35
0 0

Re: sehr treffend

zusammengefaßt.

Wiewohl man über die Existenz, der Seele und des Bösen und unseren Umgang damit, interessant diskutieren kann. Prof. Taschner hat in der ihm eigenen und mich immer faszinierenden Art, anlaßbezogen, ein wenig in dieses tiefgehende Thema hineingeleuchtet.

Antworten Antworten Gast: hans N.
01.12.2011 11:03
0 0

Re: Re: sehr treffend

Dumm jeder Täter, Stümper jeder seiner "Rechtsvertreter", wenn sie nicht grundsätzlich auf die Psychomasche plädierenm... das haben wir bei uns ja ständig im Kleinen auch....

Gast: Machmuss Verschiebnix
30.11.2011 20:37
1 0

Brevik's Dauer-Verwahrung ist unerläßlich,

obwohl man tatsächlich an seiner Schizophränie zweifeln sollte.

Bei Schizophränie - also Persönlichkeits-Spaltung - tut mal die
eine Seite was und die andere ist danach entweder total bestürzt,
oder aber verdrängt das Geschehene absolut. Nie aber würde nach
so einer Tat das andere "Selbst" nahtlos übernehmen. Es würde
zu massiven Verwerfungen kommen (Selbstmord-gefährdet).

Brevik scheint eher an einer sehr seltenen Kranheit zu leiden:
"unerschütterliches, krankhaftes Selbstvertrauen".
In der Geschichte gab es immer wieder mal solche Fälle, meist
wurde aus denen sowas wie ein Napoleon, ein Pole-Pot, ein ....

Warum, weil solche Leute - so auch ausreichend analytische Kraft
vorhanden ist - sehr leicht in die Illusion verfallen, für Alles
eine Lösung zu haben, und - egal wie die Lösung aussieht - läßt
sich so jemand nicht davon abbringen, warum auch ! Wenn's doch
keine (Selbst-)Zweifel gibt und die Lösung "richtig" ist !


Antworten Gast: PattyBelle
01.12.2011 08:58
0 0

Re: Brevik's Dauer-Verwahrung ist unerläßlich,

Tipp:
Lesen Sie sich bitte nochmal in das Krankheitsbild der Schizophrenie ein. Ihre Jekyll&Hide-Annahme ist nicht richtig und Laienwissen! Schizophrenie ist eine Störung des Denkens, der Wahrnehmung und der Affektivität und hat zunächst mal nichts mit mehreren ersönlichkeiten innerhalb einer Person zu tun.

"unerschütterliches, krankhaftes Selbstvertrauen"
-> damit meinen Sie den Fachbegriff "Narzissmus", wobei dazu mehr zu sagen ist als nur "Selbstvertrauen"

"Warum, weil solche Leute - so auch ausreichend analytische Kraft
vorhanden ist - sehr leicht in die Illusion verfallen, für Alles
eine Lösung zu haben, und - egal wie die Lösung aussieht - läßt
sich so jemand nicht davon abbringen, warum auch ! Wenn's doch
keine (Selbst-)Zweifel gibt und die Lösung "richtig" ist !"
-> hier spricht man von "Wahn"

Grüße
Eine Dame vom Fach


Antworten Antworten kahuna
06.12.2011 21:02
0 0

Re: Re: Brevik's Dauer-Verwahrung ist unerläßlich,

Sie sagen's korrekt, Mdme Belle. Multiple Persönlichkeitsstörung ist in der Volksmeinung zum Synonym für Schizophrenie geworden. Das Problem dabei ist nur, dass MPS mit Schizophrenie rein gar nichts zu tun hat und vermutlich nur eine wissenschaftl. Chimäre ist. Also nix ist's mit Norman Bates und seiner Mutter.

Antworten Antworten Gast: Machmuss Verschiebnix
01.12.2011 20:49
0 0

Re: Re: Brevik's Dauer-Verwahrung ist unerläßlich,


Danke für den Tipp.

ich sag's nur ungern, aber die gesame Beschreibung des
Krankheitsbildes ist derart weitläufig, daß mir auf Anhieb
niemand einfällt, auf den es nicht in irgendeiner Form
passen würde !@

Bei so einer "exakten" Diagnostizierbarkeit muß man echt
Angst haben, irgendwann mal (Verkehrsunfall) einem
Gerichts-Psychiater in die Hände zu fallen .


Antworten Antworten wmaurer
01.12.2011 11:26
0 0

Re: es sind aber schon die Damen und Herren vom Fach


die unseren Richtern die Expertisen liefern, um jede noch so böse Tat - oft mit Erfolg - als Unfall eines Kranken beurteilen zu können.

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