25.05.2012 22:16 | Meine Presse Merkliste 0

Europa unter deutscher Hegemonie: Beruhigend oder doch bedenklich?

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

„We wish you well“, rief der britische Premierminister David Cameron den Euroeuropäern zu. Es könnte sich noch herausstellen, dass seine typisch britische Distanz so unvernünftig nicht ist.

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In einer seiner zeitgeschichtlichen Analysen bemerkte Henry Kissinger, dass nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs die Mächte der Entente cordiale zwar Deutschland mit aller Macht zu bändigen versuchten, aber auch ohne Hitler an diesem Vorhaben gescheitert wären: Hätte die Weimarer Republik länger bestanden, wäre Deutschland die bestimmende Macht des Kontinents geworden.

In Wahrheit hatte die Hitlerei diese Entwicklung verhindert und nach all den von ihr angerichteten Verbrechen und Verwüstungen ein von ihr verratenes Deutschland zurückgelassen, das erneut auf dem Boden lag – diesmal von einer noch viel größeren Schuld geschädigt.

Es spricht für die große Weitsicht Kissingers, dass in diesen seinen schon vor Jahrzehnten gesprochenen Worten die Ahnung mitschwang, man müsse trotz des zweifachen tiefen Falls einer Nation auch für die Zukunft damit rechnen, dass Deutschland die beherrschende europäische Macht darstellen werde.

Nach dem Fall der Mauer ahnten es auch Margaret Thatcher und François Mitterrand. Sie reagierten darauf verschieden: die Britin mit hinhaltendem Widerstand, bis sie entmutigt aufgab; der Franzose, indem er Helmut Kohl überredete, Deutschland in Europa einzubinden – augenscheinlich dokumentiert durch die Aufgabe der Deutschen Mark zugunsten einer europäischen Einheitswährung.

Zurzeit jedoch erleben wir ein untrügliches Zeichen der deutschen Vorrangstellung auf dem europäischen Kontinent. Zwar wird Angela Merkel bevorzugt mit dem französischen Staatspräsidenten abgelichtet, zwar möchte man den Eindruck vermitteln, dass nicht ein einzelner europäischer Staat, sondern die Gemeinschaft von zwei Staatenlenkern über die Zukunft des Kontinents entscheidet. Zumindest einen minimalen Restbestand des Scheins eines im demokratischen Diskurs errungenen Kompromisses will man nach außen hin vermitteln.

Aber in der Sache ist es klar: Obwohl Nicolas Sarkozy mit besorgtem Blick auf die Bonität seiner Staatsfinanzen für die Einführung von Eurobonds votiert, wird beim Gipfel auf deutsche Weisung gegen ihn entschieden. Der Ratspräsident und der Präsident der Europäischen Kommission dürfen gerade noch nicken, wenn der Weg der europäischen Geldwirtschaft in jene Richtung geleitet wird, die deutschen Vorstellungen entspricht.

Mag Lukas Papademos einen griechischen oder Mario Monti einen italienischen Namen tragen, sind sie doch beide weniger die populären Vertreter ihres Volkes, sondern vielmehr kühle Technokraten der Wirtschaft – ganz nach deutschem Geschmack.

Soll man diese Entwicklung begrüßen oder bedenklich finden? Zu begrüßen ist, dass diesmal nicht Hochmut und Säbelrasseln den deutschen Fingerzeig begleiten, wohin sich Europa zu wenden hat. Aber werden die Vereinbarungen des von Merkel dominierten Gipfels die Financiers genügend beeindrucken? Und vor allem: Werden die anderen Staaten den getroffenen Direktiven gehorchen? Sollte es zu Verwerfungen kommen, könnte die eben erreichte deutsche Vorrangstellung kürzer währen als Napoleons 100Tage, und der nächste EU-Gipfel endet in einer Kakofonie.

„We wish you well“, rief David Cameron den Europäern des Kontinents zu. Mag sein, dass seine typisch britische Distanz so unvernünftig nicht ist.


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Zum Autor:

Rudolf Taschner
ist Mathematiker und Betreiber des math.space im
quartier 21, Museumsquartier Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2011)

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8 Kommentare
starclimb
21.12.2011 00:55
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Hegemonie hat in Europa noch nie funktioniert

Nicth unter Karl V, nicht unter Napoleon und nicht unter den Deutschen I und schon gar nicht unter Merkel.

Das einzige das Merkel groß erscheinen lässt ist der Umstand dass die Deutschen die einzigen Zahler sind - nach dem alle anderen großen China, USA, UK abgesagt haben.

Und genauso wie ein Zechbruder der gerade das reiche Erbe seiner Eltern seine Kumpanen einladend versäuft, wird Merkels vormachtstellung vorbei sein, wenn sie mittels EZB oder Eurobonds die letzte zwangkonvertierte Mark verprasst hat.

Als in ca 12 Monaten.

1 0

Werter Herr Prof. Taschner !!

Unser Wohlstand entstand aus Wertschöpfung durch Leistungsanreiz und NICHT DURCH UMVERTEILUNG.
Diese banale Tatsache wird in linksorientierten Staaten wie Frankreich, Italien oder Griechenland und von den öst. Pseudosozialisten schlicht ignoriert !!

Am deutschen Wirtschaftswesen (mit allen Schwächen) kann Europa genesen !!

Gast: Machmuss Verschiebnix
15.12.2011 20:40
1 0

Angesichts der britischen Finanzlage,

ist die Haltung Cameron's so vernünftig, wie der unbefristete
Hungerstreik eines Alcatraz-Häftlings .

Gast: pensionär
15.12.2011 20:12
0 0

Einfache Lösung ...

... ist die Verweigerung der Sklaven ... z. B. ein halbes Jahr nicht tanken bringt nicht nur die Ölindustrie an den Ruin sondern auch den Finanzminister zur Räson. Aber da erzeugen ja Politik und die Medien eine gegenseitige Hetze unter den Naturbelassenen = Volk.

Wenn die Pferde wüßten, wie schwach die Reiter sind, sie ließen keinen mehr aufsitzen.

0 0

werden die Vereinbarungen des von Merkel dominierten Gipfels die Financiers genügend beeindrucken?


Ich schätze den Herrn Professor an sich ja sehr, aber heute sehe ich nicht so recht worauf er hinaus will. Ob sich die vielgescholtenen Finanzmärkte von Frau Merkel beeindrucken lassen? - Ich weiß es nicht.

Gegenfrage: wer kann es besser ?


Solon
15.12.2011 12:20
2 0

Der nüchtene Blick auf Britaniens Interessen wird

Cameron recht geben. Deutschland vergeudet seine Resourcen um die Volkswirtschaften seiner Kunden am Laufen zu halten. Die europäische Solidarität wird sich als größtes Irrlicht dieses Jahrzehnts erweisen.

Antworten ambrosius
16.12.2011 15:42
0 0

Re: Der nüchtene Blick auf Britaniens Interessen wird

Das unterschreibe ich ..

komajo
15.12.2011 07:07
0 0

Die Not bringt vieles

Auch Einsichten über Ordnungsprinzipien. Eine Währung regelt die Wirtschaft. Je größer diese Wirtschaft ist umso stärker ist deren Währung. Die USA haben eine große Wirtschaft und ein Papiergeld, das aber noch immer respektiert wird. Wenn sich die Eurozone zersplittert, werden dessen Teile sicher weniger wert sein als das Ganze.

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