In einer seiner zeitgeschichtlichen Analysen bemerkte Henry Kissinger, dass nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs die Mächte der Entente cordiale zwar Deutschland mit aller Macht zu bändigen versuchten, aber auch ohne Hitler an diesem Vorhaben gescheitert wären: Hätte die Weimarer Republik länger bestanden, wäre Deutschland die bestimmende Macht des Kontinents geworden.
In Wahrheit hatte die Hitlerei diese Entwicklung verhindert und nach all den von ihr angerichteten Verbrechen und Verwüstungen ein von ihr verratenes Deutschland zurückgelassen, das erneut auf dem Boden lag – diesmal von einer noch viel größeren Schuld geschädigt.
Es spricht für die große Weitsicht Kissingers, dass in diesen seinen schon vor Jahrzehnten gesprochenen Worten die Ahnung mitschwang, man müsse trotz des zweifachen tiefen Falls einer Nation auch für die Zukunft damit rechnen, dass Deutschland die beherrschende europäische Macht darstellen werde.
Nach dem Fall der Mauer ahnten es auch Margaret Thatcher und François Mitterrand. Sie reagierten darauf verschieden: die Britin mit hinhaltendem Widerstand, bis sie entmutigt aufgab; der Franzose, indem er Helmut Kohl überredete, Deutschland in Europa einzubinden – augenscheinlich dokumentiert durch die Aufgabe der Deutschen Mark zugunsten einer europäischen Einheitswährung.
Zurzeit jedoch erleben wir ein untrügliches Zeichen der deutschen Vorrangstellung auf dem europäischen Kontinent. Zwar wird Angela Merkel bevorzugt mit dem französischen Staatspräsidenten abgelichtet, zwar möchte man den Eindruck vermitteln, dass nicht ein einzelner europäischer Staat, sondern die Gemeinschaft von zwei Staatenlenkern über die Zukunft des Kontinents entscheidet. Zumindest einen minimalen Restbestand des Scheins eines im demokratischen Diskurs errungenen Kompromisses will man nach außen hin vermitteln.
Aber in der Sache ist es klar: Obwohl Nicolas Sarkozy mit besorgtem Blick auf die Bonität seiner Staatsfinanzen für die Einführung von Eurobonds votiert, wird beim Gipfel auf deutsche Weisung gegen ihn entschieden. Der Ratspräsident und der Präsident der Europäischen Kommission dürfen gerade noch nicken, wenn der Weg der europäischen Geldwirtschaft in jene Richtung geleitet wird, die deutschen Vorstellungen entspricht.
Mag Lukas Papademos einen griechischen oder Mario Monti einen italienischen Namen tragen, sind sie doch beide weniger die populären Vertreter ihres Volkes, sondern vielmehr kühle Technokraten der Wirtschaft – ganz nach deutschem Geschmack.
Soll man diese Entwicklung begrüßen oder bedenklich finden? Zu begrüßen ist, dass diesmal nicht Hochmut und Säbelrasseln den deutschen Fingerzeig begleiten, wohin sich Europa zu wenden hat. Aber werden die Vereinbarungen des von Merkel dominierten Gipfels die Financiers genügend beeindrucken? Und vor allem: Werden die anderen Staaten den getroffenen Direktiven gehorchen? Sollte es zu Verwerfungen kommen, könnte die eben erreichte deutsche Vorrangstellung kürzer währen als Napoleons 100Tage, und der nächste EU-Gipfel endet in einer Kakofonie.
„We wish you well“, rief David Cameron den Europäern des Kontinents zu. Mag sein, dass seine typisch britische Distanz so unvernünftig nicht ist.
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Zum Autor:
Rudolf Taschner
ist Mathematiker und Betreiber des math.space im
quartier 21, Museumsquartier Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2011)















