25.05.2012 22:17 | Meine Presse Merkliste 0

Die Wahnidee von der Erlösung von unserem Unwissen der Natur gegenüber

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

Wissenschaft ist wichtig, auch weil sie einen Antrieb für die Aufklärung darstellt. Der Glaube an die Wissenschaft als Surrogat einer verloren gegangenen Religion hingegen ist verrückt.

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Sie kennen das Spiel, die Betreiber der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN). Man muss die Aufmerksamkeit am Köcheln halten, wie bei einem guten Krimi. Es sind bloß Andeutungen, Spuren, Indizien vorhanden, dass es das ominöse Higgs-Teilchen gäbe. Jenes Objekt, das von der CERN-Propaganda wuchtig als „Gottesteilchen“ in die Medien platziert wird – natürlich mit der schamvollen Entschuldigung, es handle sich bei diesem Namen um nichts Ernstgemeintes.

Aber klangvoll ist der Name trotzdem. Und er verspricht nicht bloß die Lösung der tiefsten Rätsel der Natur, er verheißt sogar die Erlösung von unserem Unwissen der Schöpfung gegenüber. Aber leider, leider: Es sind bloß schwache Indizien. Man muss unbedingt mit noch größerer Anstrengung weiterforschen. In einem Jahr – hoffentlich – wird man mehr wissen, vielleicht das ganze Geheimnis lüften.

Doch viel Geld ist für die Inszenierung des nächsten Akts im Schauspiel der Teilchenphysik vonnöten. Will man doch in der gigantischen Tunnelröhre Miniaturausgaben des Urknalls herstellen, dem Schöpfungsakt selbst auf die Spur kommen. Die von ihren höchst spekulativen Theorien angetriebenen Agenten der Teilchenphysik schrecken beim Schildern dieses Schauspiels nicht vor pseudoreligiösem Raunen zurück. Die Betreiber des CERN verstehen ihr Geschäft.

Vermutlich aber ist man sogar in einem Jahrhundert noch unendlich weit davon entfernt, die Welträtsel ein für alle Male gelöst zu haben. Selbst wenn es das Higgs-Teilchen gibt: Es wird mehr Fragen aufwerfen als man aus seiner Existenz Antworten erfährt. Die Erlösung von unserem Unwissen der Natur gegenüber bleibt wohl ewig eine utopische Wahnidee.

Vernünftiger ist es, die nüchterne Position einzunehmen und sich darauf zu beschränken, anhand raffinierter Experimente das Verhalten der Natur wenn schon nicht zu verstehen, so wenigstens beschreiben zu lernen, und zwar nicht im Ganzen, sondern nur in einzelnen Aspekten. Wobei sich berechtigt die Frage stellt, ob die Experimente am CERN wirklich das Um und Auf darstellen.

Wenn man sie nämlich aus dieser abgeklärten Position betrachtet, sehen sie gar nicht mehr so vielversprechend aus. Untersuchungen in der Quantenoptik oder bei Bose-Einstein-Kondensaten etwa dürften weitaus gewichtigere und für unser Dasein folgenreichere Einsichten in Aussicht stellen und haben den Vorteil, nicht von einem einzigen Ort, von einem Apparat, von einer Lobby abhängig zu sein.

Der einstige, leider misslungene Vorstoß des damaligen Wissenschaftsministers, die Zahlungen an den CERN einzustellen, war richtig und gut und sollte jetzt, in Zeiten schwindender Ressourcen für vordringliche Bereiche in der Wissenschaft, noch einmal erwogen werden.

Wie man überhaupt das gewagte Spiel mancher Forscher mit Sehnsüchten und Menschheitsträumen skeptisch beurteilen sollte. Wissenschaft selbst ist wichtig, weil sie, abgesehen von möglichem unmittelbarem Nutzen, einen Antrieb für die Aufklärung darstellt. Der Glaube an die Wissenschaft als Surrogat einer verloren gegangenen Religion jedoch ist verrückt.

„Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen“, schildert nicht vom Wissen nach der Entdeckung des Higgs-Teilchens, sondern von der Erkenntnis nach einem ganz anderen Advent.


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Zum Autor:

Rudolf Taschner
ist Mathematiker und Betreiber des math.space im
quartier21, Museumsquartier Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2011)

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23 Kommentare
Gast: aucheinphysiker
12.03.2012 20:35
0 0

Was zum....

Sehr geehrter Herr Taschner!
Gerade Sie müssten doch Ahnung von Statistik haben! Der Nachweis des Higgs-Bosons gelingt (leider) nicht durch eine einzige glückliche Kollision! Es braucht Aberbillionen von Kollisionen um dann aus mehreren Arten auf die ein Higgs-Boson zerfallen könnte eine Siginfikanz für eben diese Zerfälle herauszufiltern, die dem Standard der Teilchenphysik genügt! Dazu braucht es Zeit, um diese Menge an Daten zu gewinnen! Das ist nicht in 2/3 Monaten erledigt. Was das CERN also macht ist und an ihrer Forschung teilhaben zu lassen und zu zeigen wie weit die Auswertung der aktuell vorhandenen Daten fortgeschritten ist und welche Signifikanz für den offiziellen Nachweis des Higgs-Bosons sich daraus ergibt! Nicht mehr und auch nicht weniger! Grundlagenforschung funktioniert halt nunmal so und nicht anders. Und eben diese Grundlagenforschung hat uns über die Jahrzente schon mit solch einer Fülle an Wissen und dessen (technischen) Anwendungen beschenkt, dass es mir unverantwortlich scheint auf die Einstellung der Fördermittel von Cern zu verzichten. Nur ein (kleines) Beispiel: Wo wurde denn das WWW entwickelt? Hinweis-am CERN. Das hat zwar wenig mit dem Higgsteilchen zu tun, aber CERN ist ja auch mehr als die Suche nach dem Higgsteilchen! VIELMEHR!

0 0

"Jetzt erkenne ich unvollkommen...."

Dieser Satz aus dem NT von Paulus ist eine würdige Antwort auf den "Erkenntniswahn"!

Mehr Wissen ist nicht zwangsläufig mehr Lebensqualität !

Nur die gesunde Symbiose aus Erkennen u. Anwendung bringt uns vorwärts.

Intelligente Menschen wissen um ihre Endlichkeit in zeitlicher u. Erkenntnisdimension.

Advent heisst auch: Ich muss nicht alles wissen u. beherrschen, denn die tiefsten Fragen der Menschen sind BEZIEHUNGSFRAGEN !

WERT & GEBORGENHEIT suchen wir mehr als WISSEN.


Antworten Gast: pensionär
23.12.2011 15:38
0 0

Re: "Jetzt erkenne ich unvollkommen...."

Mir ist aber der Erkenntniswahn lieber als der Gotteswahn (R. Dawkins) und der Wahn der Mächtigen.

0 0

Re: Re: "Jetzt erkenne ich unvollkommen...."

Nachdem die Auferstehung Christi alle 5 Eckpunkte einer historischen Beweisführung erfüllt, bin ich weder vom Erkenntnis- noch vom Gotteswahn beseelt.

Jeder hat die Freiheit sein Leben auf Sichtbares u. Erfassbares zu reduzieren.

FROHES FEST !

Antworten Antworten Antworten Gast: pensionär
25.12.2011 04:05
0 0

Re: Re: Re: "Jetzt erkenne ich unvollkommen...."


vielen Dank, dass Sie antworten, doch teile ich Ihre Zuversicht hinsichtlich das Leben Christi aus historischer Beweisführung nicht, schon deshalb nicht, weil die zentralen Aussagen im NT anarchistischer Natur sind, während die Rechtfertigung christlicher Kirchen geradezu das Gegenteil nämlich feudalistisch hierarchischer Struktur sind.

0 0

Re: Re: Re: Re: "Jetzt erkenne ich unvollkommen...."

Sie haben Recht, die "feudalistisch hierarchische" Erscheinung war nie im Sinne des "Erfinders".

In den Geschichtswissenschaften werden Vorkommnisse auf ihre Echtheit mit miind. 5 Fragenbereichen "getestet". Gibt es Augenzeugen ?, gibt es "Überlebende" ?, gibt es unabhängige Bezeugungen von versch. Seiten ?, etc.

Wir habens nicht geplant, nicht gewollt, nicht erdacht !!

Der Schöpfer des Universums/Urknalls kam als Kind in die Welt !!

Doch das ist für den "Intellektuellen Torheit u. dem Religiösen ein Ärgerniss" meint Paulus.

Als Techniker, Unternehmer u. ehemaliger, emotionaler Atheist kann ich Ihre Argumente gut verstehen.

FROHE ZEIT


Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: pensionär
08.01.2012 20:01
0 0

Re: Re: Re: Re: Re: "Jetzt erkenne ich unvollkommen...."

Ich bin als Techniker und ehemaliger Pädagoge eher Anarchist als Atheist - die religiösen Vorstellungen machen mir die Identitt des Universums zu KLEIN - aber im Sinne der Weltreligionen bin ich natürlich Atheist.

GRENZEN DER ERKENNTNIS.

Gewaltig wölbt des Himmels Dom,
nicht endend um die Erde
ergießt sich auch der Sterne Strom,
damit es heller werde.
Erleuchtung, Allmacht, ist dein Wort,
die Welten zu erreichen.
Gegenwart ist nur ein Ort,
an dem wir Zeit vergleichen.
Unendlichkeit ersann dein Geist.
Das Licht verbindet Fernen,
wenn es durch die Äonen reist.
Vergangenheit von Sternen
erschaut das Auge. Der Verstand
kann an dem Gleichnis reifen,
ein „Bild“ zu finden und den Rand
des Weltalls zu begreifen.

Sie können auch privat mit mir diskutieren
http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Peter_Sinnl

Gast: pensionär
23.12.2011 07:24
0 2

ergänzt höflichst (gereimt)

Die Logik zeichnet eine Welt,
die wundersam zusammenhält.
Bis in die elfte Dimension
beschreiben wir das Weltall schon
mit einer Matrix. Geometrisch
ist alles Wirken - hypothetisch,
doch wohlgeordnet. Unser Geist,
der sich darin als Schöpfer preist,
ist still, bescheiden, klein und dumm,
wenn er die Frage stellt: Warum.

Gast: Galileo Galilei
22.12.2011 19:19
1 0

Für die Adabeis von einst und jetzt

Ja, wir werden alles, alles noch einmal in Frage stellen. Und was wir heute finden, werden wir morgen von der Tafel streichen und erst wieder anschreiben, wenn wir es noch einmal gefunden haben. Und was wir zu finden wünschen, das werden wir, gefunden, mit besonderem Misstrauen ansehen. Sollte uns aber dann jede andere Annahme als diese unter den Händen zerronnen sein, dann keine Gnade mehr mit denen, die nicht geforscht haben und doch reden.

areopagit
22.12.2011 15:50
0 1

Danke für diese Offenbarung

1. Verstehe ich den Ausstiegsvorschlag besser und finde ihn heute gut.
2. Wieviele junge Menschen werden heute in totale falsche Denkrichtungen getrieben. Antowrten zu finden, wo sie nicht zu finden sind.

Resistance
22.12.2011 15:22
2 0

Also nein, sehr geehrter Herr Taschner,


da bin ich nicht ihrer Meinung.
Es geht doch nicht um Wissenschaft gegen Religion, sondern um Öffentlichkeitsarbeit. Die Berichterstattung um CERN mag aus wissenschaftlicher Sicht, sagen wir mal, verbesserungswürdig sein. Aber bedenken sie doch, dass so einer breiten Öffentlichkeit die Arbeit am CERN ins Bewusstsein dringt, bedenken sie, wieviele Jugendliche die an Science Fiction erinnernden Maschinen im TV sehen und womöglich ihr Interesse entdecken.

Gast: schlÄchter
22.12.2011 15:10
0 2

sg herr taschner!

"Wie man überhaupt das gewagte Spiel mancher Forscher mit Sehnsüchten und Menschheitsträumen skeptisch beurteilen sollte. Wissenschaft selbst ist wichtig, weil sie, abgesehen von möglichem unmittelbarem Nutzen, einen Antrieb für die Aufklärung darstellt. Der Glaube an die Wissenschaft als Surrogat einer verloren gegangenen Religion jedoch ist verrückt"

sehr schön beschrieben!
+

mfg
s.

2 2

Herrlich!

Wenn im Mantel (angeblicher) Wissenschaftlichkeit Glauben (z.B. an den "Urknall") als Denken ausgegeben wird. Aber Phantasie kann eben auch faszinieren, vor allem, denn das Geld der Allgemeinheit sprudelt, und man dieser vormacht, dem lieben Gott auf die Schliche zu kommen.

Gast: Machmuss Verschiebnix
22.12.2011 11:36
2 2

Viel Sachkenntnis, gewürzt mit entwaffnendem Realismus. Danke Hr. Taschner !


Also ein "Spiel mit Sehnsüchten und Menschheitsträumen" aus tatktischen
Gründen, damit man - wenn die Regierungen den Geldhahn
zudrehen - sagen kann, die Forschung wurde dadurch um Jahrzehnte zurückgeworfen .

Gast: Vogel Strauss
22.12.2011 10:22
4 0

Naturwissenschaftliche Propaganda ...

... ist mir allemal lieber als die Stories über neue Fehltritte europäischer Politiker, angefangen von Berlusconi, DSK, Wulff, K-T bis hin zu KHG. Dann lieber einen Higgs-Krimi!

Steininger
22.12.2011 09:10
2 4

Welträtsel?

Neue Erkenntnisse werfen immer neue Fragen auf, das ist das Wesen der Wissenschaft.

Die Kündigung der Cern-Teilhabe war nicht richtig und gut sondern ein typisch österreichischer Provinizialismus nach dem Motto: Brauch ma net!

Es ist immer seltsam solche Ansichten zu lesen. Wissenschaftsfeindlichkeit und dumpfer Provinzialismus sind in Österreich leider weit verbreitet.
Umso irritierender solcherlei in der führenden Tageszeitung lesen zu müssen!

2 2

Re: Welträtsel?

Sie meinen also, wer gegen schlechtes Denken ist, ist ein "Feind der Wissenschaft" und "dumpf provinziell"...

Antworten Antworten Steininger
23.12.2011 09:46
0 0

Re: Re: Welträtsel?

Wieso soll Österreich aus einer internationalen Kooperation aussteigen, wo wir 20 Jahre dabei sind? Die Cern- Öffentlichkeitsarbeit mag überschießend enthusiastisch sein aber die Forschung ist ernsthaft.
Weshalb es "richtig und gut" wäre da auszusteigen wird ja nicht dargelegt, sondern einfach behauptet!

0 0

Re: Re: Re: Welträtsel?

OK, Argumente sind immer nützlich und angebracht. Zu bedenken ist aber, auch wenn eine Forschung ernsthaft betrieben wird, kann sie verfehlt sein, wenn der gedankliche Ansatz (die versteckte Voraussetzung) fragwürdig ist.

Antworten Antworten Antworten Antworten Steininger
24.12.2011 10:36
0 0

Re: Re: Re: Re: Welträtsel?

Aber WAS ist daran fragwürdig??
Ich glaube nicht daß sie im Mission Statement oder in sonst einem Dokument des Cern den Plan lesen werden die Religion durch Scientismus zu ersetzen.
Allein die Vorstellung ist lachhaft und die Tatsache daß wir diese Diskussion führen absurd!

0 0

Re: Re: Re: Re: Re: Welträtsel?

Wenn Sie meinen...

komajo
22.12.2011 06:51
2 0

Der Horizont

des Wissens erweitert das Land des dahinter liegenden Unbekannten. Das sollte man bedenken.

Antworten Gast: schlÄchter
22.12.2011 15:13
0 1

Re: Der Horizont

sg komajo!
sehr richtig. die begrenztheit unseres menschlichen handelns, denkens und lebens kann die wissenschaft nicht ändern.

da bleibt nur "gott"

mfg
s.

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