Sie kennen das Spiel, die Betreiber der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN). Man muss die Aufmerksamkeit am Köcheln halten, wie bei einem guten Krimi. Es sind bloß Andeutungen, Spuren, Indizien vorhanden, dass es das ominöse Higgs-Teilchen gäbe. Jenes Objekt, das von der CERN-Propaganda wuchtig als „Gottesteilchen“ in die Medien platziert wird – natürlich mit der schamvollen Entschuldigung, es handle sich bei diesem Namen um nichts Ernstgemeintes.
Aber klangvoll ist der Name trotzdem. Und er verspricht nicht bloß die Lösung der tiefsten Rätsel der Natur, er verheißt sogar die Erlösung von unserem Unwissen der Schöpfung gegenüber. Aber leider, leider: Es sind bloß schwache Indizien. Man muss unbedingt mit noch größerer Anstrengung weiterforschen. In einem Jahr – hoffentlich – wird man mehr wissen, vielleicht das ganze Geheimnis lüften.
Doch viel Geld ist für die Inszenierung des nächsten Akts im Schauspiel der Teilchenphysik vonnöten. Will man doch in der gigantischen Tunnelröhre Miniaturausgaben des Urknalls herstellen, dem Schöpfungsakt selbst auf die Spur kommen. Die von ihren höchst spekulativen Theorien angetriebenen Agenten der Teilchenphysik schrecken beim Schildern dieses Schauspiels nicht vor pseudoreligiösem Raunen zurück. Die Betreiber des CERN verstehen ihr Geschäft.
Vermutlich aber ist man sogar in einem Jahrhundert noch unendlich weit davon entfernt, die Welträtsel ein für alle Male gelöst zu haben. Selbst wenn es das Higgs-Teilchen gibt: Es wird mehr Fragen aufwerfen als man aus seiner Existenz Antworten erfährt. Die Erlösung von unserem Unwissen der Natur gegenüber bleibt wohl ewig eine utopische Wahnidee.
Vernünftiger ist es, die nüchterne Position einzunehmen und sich darauf zu beschränken, anhand raffinierter Experimente das Verhalten der Natur wenn schon nicht zu verstehen, so wenigstens beschreiben zu lernen, und zwar nicht im Ganzen, sondern nur in einzelnen Aspekten. Wobei sich berechtigt die Frage stellt, ob die Experimente am CERN wirklich das Um und Auf darstellen.
Wenn man sie nämlich aus dieser abgeklärten Position betrachtet, sehen sie gar nicht mehr so vielversprechend aus. Untersuchungen in der Quantenoptik oder bei Bose-Einstein-Kondensaten etwa dürften weitaus gewichtigere und für unser Dasein folgenreichere Einsichten in Aussicht stellen und haben den Vorteil, nicht von einem einzigen Ort, von einem Apparat, von einer Lobby abhängig zu sein.
Der einstige, leider misslungene Vorstoß des damaligen Wissenschaftsministers, die Zahlungen an den CERN einzustellen, war richtig und gut und sollte jetzt, in Zeiten schwindender Ressourcen für vordringliche Bereiche in der Wissenschaft, noch einmal erwogen werden.
Wie man überhaupt das gewagte Spiel mancher Forscher mit Sehnsüchten und Menschheitsträumen skeptisch beurteilen sollte. Wissenschaft selbst ist wichtig, weil sie, abgesehen von möglichem unmittelbarem Nutzen, einen Antrieb für die Aufklärung darstellt. Der Glaube an die Wissenschaft als Surrogat einer verloren gegangenen Religion jedoch ist verrückt.
„Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen“, schildert nicht vom Wissen nach der Entdeckung des Higgs-Teilchens, sondern von der Erkenntnis nach einem ganz anderen Advent.
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Zum Autor:
Rudolf Taschner
ist Mathematiker und Betreiber des math.space im
quartier21, Museumsquartier Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2011)















