Quergeschrieben
Im Konsumrausch des Weihnachtsgeschäfts – vielleicht für lange Zeit die letzte Gelegenheit zum kleinen Luxus? – und in der scheinbaren Ruhe der nachfolgenden Tage bis zum Ende der ersten Woche des neuen Jahres will man nicht von der Krise und ihren Folgen belästigt werden. Denn rosig scheinen die Aussichten für 2012 nicht.
Beim Dezembergipfel der Regierungschefs der EU setzten diese allein auf das Festzurren der in Maastricht, Nizza und Lissabon eingespannten Seile: mehr Integration, Durchgriffsrechte Brüssels auf die Finanzen der Mitgliedstaaten, Drohung mit der Kuratel über Defizitsünder. Wenn der Staub sich einmal gelegt hat, meint der „Guardian“ düster, werde ein kaltes Europa entstanden sein, eine freudlose Union der Bestrafungen, Disziplin und brodelnden Ressentiments, geprägt von Jahrzehnten der Stagnation. Wie kann die Gegenstrategie lauten?
Es bedarf des großen Wurfs. Wirtschaft floriert nur dann, wenn das Versprechen von etwas Neuem, von etwas Attraktivem, von etwas nachhaltig Veränderndem, von etwas das Leben Umwälzendem eine Flut zuvor ungeahnter Bedürfnisse hervorruft. Denn allein neue Bedürfnisse treiben das Wachstum von Wirtschaft voran.
So hatte Kennedys Vision „We choose to go to the Moon in this decade and do the other things, not because they are easy, but because they are hard“den enormen Aufschwung der Elektrotechnik und den Siegeszug der Informationsindustrie bewirkt – unabhängig davon, dass das vordringliche Ziel der Mondlandung eher beiläufig war. Worauf es ankam, war das Öffnen des Horizonts für eine Neugestaltung unseres Daseins.
Heute würde sich zum Beispiel die Mobilität als fruchtbares Feld dafür anbieten: So wie sie derzeit mit der seit Henry Ford praktizierten Spaltung in privaten und öffentlichen Verkehr abläuft, wirkt sie anachronistisch. Dass Milliarden Chinesen und Inder so wie wir mit den eigenen Karossen fahren und in Stau und Stress verharren werden, gerät zum Albtraum.
Pläne für zukunftsweisende Alternativen haben die einfallsreichen Ingenieure bereits in den Schubladen: Die Rechenleistung elektronischer Geräte zusammen mit Sensoren und Übertragungen von elektronischen zu mechanischen Systemen würden es erlaubten, die Zukunft des Verkehrs total umzustülpen. Er wäre stressfrei, unfallfrei, optimal fließend; Verkehrsadern in der Landschaft, Verkehrsflächen in den Städten änderten ihr Gesicht, die Trennung von Straße und Schiene löste sich auf, die Lenkung eines automatisierten Verkehrs würde völlig neue Arbeitsfelder schaffen.
Es ist klar, dass eine derart einschneidende Umgestaltung des Verkehrs ein einzelner europäischer Staat allein niemals schultern könnte. Ein Kontinent wie Europa hingegen schon. Er würde damit ein Zeichen setzen, das für andere kontinentale Mächte Vorbild und Ansporn zur Nachahmung wäre. Denn diese Umgestaltung würde eines riesigen, aber produktiven Investitionsschubs bedürfen, zugleich ein gewaltiges Maß an Überzeugungsarbeit und an Bereitschaft und Zuversicht, ein Ziel anzustreben, dass erst in Jahrzehnten umfassend erreicht wird.
Ein großer Wurf wie der hier genannte verlangt Mut. Sind die Politiker in der EU dazu bereit? Und noch gewagter gefragt: Wird die Initiative dazu im Jahre 2012 von österreichischen Politikern gesetzt werden?
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2011)















