Mit einem gewissen Amüsement liest man zu Jahresbeginn in den Gazetten, wie die Feiertage im neuen Jahr verteilt sind und man seinen Urlaub planen solle, um mittels Überbrückens von Fenstertagen ein Maximum an arbeitsfreier Zeit zu schinden. Geschrieben von den gleichen Journalisten, die an anderer Stelle warnen, die kommenden dürren Jahre drohten manchen die Arbeit zu rauben.
Wie wird Arbeit gesehen? Als notwendiges Übel, das möglichst geschickt durch Zusammenraffen möglichst vieler arbeitsfreier Tage zu minimieren ist? Oder als unentbehrliche Bedingung des Lebens in der modernen Welt? In der Antike zumindest herrschte Klarheit: Arbeit, griechisch pónos genannt, war Mühsal und Plage. Auch die Römer sprachen von labor, wenn sie Arbeit meinten, doch labor bedeutet zugleich das Leid. Labor war ein Dämon, der die Strapaze, die Schinderei personifizierte.
Arbeit in der Antike war Sklaven vorbehalten. Der freie Bürger erging sich im „dolce far niente“, das die Römer „otium“ nannten, übersetzt: die Muße – ein unserem Sprachgebrauch entwöhntes Wort. Die Griechen prägten dafür den Begriff „scholé“. Unser Wort „Schule“ rührt davon her – und nicht zu Unrecht. Als Maria Theresia alle Kinder in die Schule schicken wollte, setzte sie sich der Gegnerschaft der Eltern aus: Denn diese brauchten ihre Kinder auf dem Hof, in der Werkstatt oder am Verkaufstisch für die Arbeit.
Schule bedeutet Abschütteln der Fron, um als freier Mensch aus der Unmündigkeit heraustreten, sich von der Fessel der Ignoranz lösen zu können. Erst die Idee der Aufklärung, alle Menschen seien von ihrem Schöpfer gleich geschaffen, sollen gleiche Rechte und Freiheiten genießen, im gleichen Maße nach Glück streben dürfen, verwandelte Arbeit zu einem positiv besetzten Begriff: „Arbeit adelt“, schreibt Detlev von Liliencron.
Denn mit Arbeit leistet jede einzelne Person ihren Beitrag zum Wohlergehen des Staates, dem sie als Gleiche unter Gleichen angehört. Darum wird an jedem 1.Mai mit Pathos angestimmt: „So ruft: Die Arbeit sie erhält, die Arbeit, sie bewegt die Welt! Die Arbeit hoch! Die Arbeit hoch!“ An jenem gleichen 1.Mai, an dem (an den Generalstreik in den USA des Jahres 1886 zur Durchsetzung des Achtstundentags erinnernd) die Arbeit ruht.
Obwohl man den wegen seines irgendwie erworbenen Reichtums sich allein der Muße hingeben könnenden Privatier verachtet, weil er, frei von Arbeit, nichts zum Wohle der Gesellschaft beiträgt, neidet man ihm doch seine Unbeschwertheit. Und will sich Freiräume gönnen, während derer man den Arbeitstrott abstreifen und ihm nacheifern kann: im Urlaub, an den Feiertagen und den Fenstertagen, die es listig zu überbrücken gilt.
Nur wenigen ist es vergönnt, in ihrer Arbeit nicht bloß einen Beitrag zum Wohl des Landes, sondern eine Bereicherung des eigenen Selbst zu erkennen – so sehr, dass man gar nicht von ihr lassen will.
Wir gehen einer Zeit entgegen, in der – falls das Antrittsalter zum Ruhestand nicht drastisch angehoben wird – die Zahl der Erwerbstätigen im Vergleich zur Zahl der noch nicht oder nicht mehr Arbeitenden drastisch sinken wird. Und die rasante Entwicklung in der Mechanik und Elektronik wird weite Arbeitsfelder ruinieren. Ist schon heute Arbeit ein schillerndes Wort, wird dieser Begriff in Zukunft wohl noch irisierender werden.
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Zum Autor:
Rudolf Taschner
ist Mathematiker und Betreiber des math.space im
quartier 21, Museumsquartier Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2012)















