25.05.2012 22:18 | Meine Presse Merkliste 0

„So ruft: Die Arbeit sie erhält, die Arbeit, sie bewegt die Welt!“

RUDOLF TASCHNER (Die Presse)

Arbeit war in der Antike verpönt und nur für Sklaven gedacht. Erst später wurde sie mit den Worten „Arbeit adelt“ oder „Die Arbeit hoch!“ gepriesen. Wie sehr glaubt man der Hymne?

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Mit einem gewissen Amüsement liest man zu Jahresbeginn in den Gazetten, wie die Feiertage im neuen Jahr verteilt sind und man seinen Urlaub planen solle, um mittels Überbrückens von Fenstertagen ein Maximum an arbeitsfreier Zeit zu schinden. Geschrieben von den gleichen Journalisten, die an anderer Stelle warnen, die kommenden dürren Jahre drohten manchen die Arbeit zu rauben.

Wie wird Arbeit gesehen? Als notwendiges Übel, das möglichst geschickt durch Zusammenraffen möglichst vieler arbeitsfreier Tage zu minimieren ist? Oder als unentbehrliche Bedingung des Lebens in der modernen Welt? In der Antike zumindest herrschte Klarheit: Arbeit, griechisch pónos genannt, war Mühsal und Plage. Auch die Römer sprachen von labor, wenn sie Arbeit meinten, doch labor bedeutet zugleich das Leid. Labor war ein Dämon, der die Strapaze, die Schinderei personifizierte.

Arbeit in der Antike war Sklaven vorbehalten. Der freie Bürger erging sich im „dolce far niente“, das die Römer „otium“ nannten, übersetzt: die Muße – ein unserem Sprachgebrauch entwöhntes Wort. Die Griechen prägten dafür den Begriff „scholé“. Unser Wort „Schule“ rührt davon her – und nicht zu Unrecht. Als Maria Theresia alle Kinder in die Schule schicken wollte, setzte sie sich der Gegnerschaft der Eltern aus: Denn diese brauchten ihre Kinder auf dem Hof, in der Werkstatt oder am Verkaufstisch für die Arbeit.

Schule bedeutet Abschütteln der Fron, um als freier Mensch aus der Unmündigkeit heraustreten, sich von der Fessel der Ignoranz lösen zu können. Erst die Idee der Aufklärung, alle Menschen seien von ihrem Schöpfer gleich geschaffen, sollen gleiche Rechte und Freiheiten genießen, im gleichen Maße nach Glück streben dürfen, verwandelte Arbeit zu einem positiv besetzten Begriff: „Arbeit adelt“, schreibt Detlev von Liliencron.

Denn mit Arbeit leistet jede einzelne Person ihren Beitrag zum Wohlergehen des Staates, dem sie als Gleiche unter Gleichen angehört. Darum wird an jedem 1.Mai mit Pathos angestimmt: „So ruft: Die Arbeit sie erhält, die Arbeit, sie bewegt die Welt! Die Arbeit hoch! Die Arbeit hoch!“ An jenem gleichen 1.Mai, an dem (an den Generalstreik in den USA des Jahres 1886 zur Durchsetzung des Achtstundentags erinnernd) die Arbeit ruht.

Obwohl man den wegen seines irgendwie erworbenen Reichtums sich allein der Muße hingeben könnenden Privatier verachtet, weil er, frei von Arbeit, nichts zum Wohle der Gesellschaft beiträgt, neidet man ihm doch seine Unbeschwertheit. Und will sich Freiräume gönnen, während derer man den Arbeitstrott abstreifen und ihm nacheifern kann: im Urlaub, an den Feiertagen und den Fenstertagen, die es listig zu überbrücken gilt.

Nur wenigen ist es vergönnt, in ihrer Arbeit nicht bloß einen Beitrag zum Wohl des Landes, sondern eine Bereicherung des eigenen Selbst zu erkennen – so sehr, dass man gar nicht von ihr lassen will.

Wir gehen einer Zeit entgegen, in der – falls das Antrittsalter zum Ruhestand nicht drastisch angehoben wird – die Zahl der Erwerbstätigen im Vergleich zur Zahl der noch nicht oder nicht mehr Arbeitenden drastisch sinken wird. Und die rasante Entwicklung in der Mechanik und Elektronik wird weite Arbeitsfelder ruinieren. Ist schon heute Arbeit ein schillerndes Wort, wird dieser Begriff in Zukunft wohl noch irisierender werden.


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Zum Autor:

Rudolf Taschner
ist Mathematiker und Betreiber des math.space im
quartier 21, Museumsquartier Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2012)

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13 Kommentare
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Bedeutungswandel

Sehr schön sieht man die Umbewertung der Arbeit von der Antike bis heute daran, daß man heute beinahe jede Tätigkeit abseits vom Schlafen als Arbeit deutet, während man im Altertum die Tätigkeit eines Philosophen, eines Politikers, eines Soldaten, eines Dichters, einer Kurtisane, etc. kaum als Arbeit gesehen hätte.

Antworten Gast: pensionär
23.01.2012 10:17
0 0

Re: Bedeutungswandel

Die Mächtigen hatten auch noch nie so viele Sklaven wie heute.

Gast: pensionär
12.01.2012 22:14
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Sagen der römischen Geschichte

zeigen, dass sich die Plebejer rächen konnten.

Gast: schlÄchter
12.01.2012 12:06
2 0

sg herr taschner!

gut geschrieben, aber mir geht noch die religiöse komponente bei der betrachtung der wertigkeit der "arbeit" ab, wie auch vom vorposter murray bereits angeführt oder auch
gerade etwa im calvinismus galt und gilt, dass geld erwirtschaften, arbeiten gpüttgefällig ist-und war und ist dieser dieser ansatz bis heute ein grundpfeiler der (noch) domminierenden anglo-amerikanischen wirtschaftsordnung ("in god we trust" steht ja auch am us$).

mfg
s.

Antworten Gast: Hansi Hüpfer
13.01.2012 12:13
0 0

Ein schöner Wahlspruch für und Christen

In God We Trust hat nichts mit einer Wirtschaftsordnung oder gar mit Geld überhaupt zu tun, sondern bedeutet: Wir vertrauen auf Gott und damit hat der Kongress erstmals vor 165 Jahren auf der 2 Cent Münze die christlichen Werte als Grundpfeiler der USA dokumentieren wollen.

Antworten Antworten Gast: schlÄchter
16.01.2012 18:09
0 0

Re: Ein schöner Wahlspruch für und Christen

sg hansi hüpfer!
ich erlaube mir das etwas anderst sehen, wenn schon auf den zahlungsmitteln besagter "gottesbezug" steht, dann hat das mmn sehrwohl etwas auch mit wirtschaft und damit arbeit zu tun.

mfg
s.

Antworten Gast: pensionär
12.01.2012 22:22
0 0

Re: sg herr taschner!

Empfehle Ihnen bei Johannes KLEINHAPPEL nachzulesen ... http://www.klahrgesellschaft.at/Mitteilungen/Oberkofler_3_04.html

Antworten Antworten Gast: schlÄchter
13.01.2012 08:17
0 0

Re: Re: sg herr taschner!

sg pensionär!
durchaus interessante ansatzpunkte (der marxismus hat ja wirklich sehr christl. beeinflusste ansätze-der ehemalige erste (moslemische)präsident algeriens nannte den kommunismus ja durchaus treffend einen "bastard" des christentums).
danke für den link.
mfg
s.

Antworten Antworten Antworten Gast: pensionär
13.01.2012 16:49
0 0

Re: Re: Re: sg herr taschner!

Die sogenannten Begründer der Weltreligionen hatten alle brauchbare Ansätze für die Lebensgemeinschaften, leider haben die daraus enstandenen Religionsgemeinschaften alle guten Ansätze verworfen.

Verständlich, wenn man, K.R. Poppers "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" verstanden hat.

Murray
12.01.2012 10:47
1 0

Ach so?

Und ich dachte, der Begriff Arbeit sei bereits im Mittelalter deutlich positiver besetzt gewesen als in der Antike, siehe "ora et labora". Die Ideen, die der Autor der Aufklärung zuschreibt, gehen meines Wissens zu einem großen Teil auf Thomas von Aquin zurück.

"Und die rasante Entwicklung in der Mechanik und Elektronik wird weite Arbeitsfelder ruinieren." - Etwas Ähnliches sagten die Maschinenstürmer bereits bei der Einführung des mechanischen Webstuhls.

"Denn mit Arbeit leistet jede einzelne Person ihren Beitrag zum Wohlergehen des Staates, dem sie als Gleiche unter Gleichen angehört." - Sofern wir in einem Ameisenstaat leben, stimmt das.

Antworten Gast: pensionär
12.01.2012 22:18
0 0

Re: Ach so?

... sie kommen auch zu dieser Meinung, wenn in ihrem Logis ein Wasserrohrbruck ist, oder wenn ihr Auto streikt - ah da fahren sie mit den Öffis - und wenn die streiken ...

Leben in virtuellen Räumen nur für Hawkins möglich.

Antworten Antworten Murray
16.01.2012 13:27
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Re: Re: Ach so?

Bei Wasserrohrbrüchen stelle ich meine Meinungsproduktion vorübergehend ein, weil ich anderweitig beschäftigt bin...
Ich sehe ehrlich gesagt nicht, worauf Sie hinauswollen.

Antworten Antworten Antworten Gast: pensionär
21.01.2012 10:50
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Re: Re: Re: Ach so?

Vielleicht habe ich Sie missverstanden, aber ich meine, dass auch in unserer so viel gepriesenen demokratischen Gesellschaft, Arbeit - vor allem manuelle - immer noch Fron und Sklavendienst ist
Anmerkung: Es gibt bereits akademisch gebildete Sklaven.

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